SOS-Nothilfe Ukraine – 09.03.22

"Alle sollen wissen, dass wir in der Hölle leben."

Darya, Projektleiterin bei SOS-Kinderdorf Ukraine, spricht über die erschütternde Situation und die Bemühungen, so viele Kinder wie möglich zu evakuieren.

Wie warst du auf die aktuelle Situation vorbereitet?

Als sich abzeichnete, dass ein Krieg bevorsteht, haben wir bei der Regierung um vorbereitende Schritte gebeten, doch wir wurden viel zu spät gehört. Dann begann der Krieg doch sehr plötzlich und alles änderte sich schnell.
 

Wie viele Kinder leben aktuell in der Gefahrenzone?

Rund vier Millionen Kinder leben in den besonders umkämpften Regionen, davon ungefähr 1,5 Millionen Kinder in Brennpunkten der eingeschlossenen Städte wie etwa Irpin, Mariupol, Stanytsia Luhanska oder Sievierodonetsk. Derzeit ist es extrem schwer, Kinder aus umkämpften Regionen in Sicherheit zu bringen.

Wir beobachten ständig die Situation der Kinder in staatlichen Heimen. Erst am vergangenen Samstag ist es uns gelungen, rund 150 Kinder im Alter von 0 bis drei Jahren aus vier Kinderheimen in Charkiw herauszuholen.

Die Menschen riskieren bei der Evakuierung ihr eigenes Leben. Teils begannen die Kämpfe direkt während der Evakuierung. Man muss zwischen verschiedenen Risiken wählen. Einerseits riskiert man, in einer blockierten Stadt isoliert zu sein, ohne Strom, ohne Zugang zu Medikamenten und ohne Heizung. Andererseits geht man das Risiko ein, zu evakuieren, obwohl man weiß, dass der Beschuß beginnen kann und man das vielleicht nicht lebend übersteht.

 

 

Darya, Leiterin für Programmentwicklung von SOS-Kinderdorf in der Ukraine.



Wie ist die Situation in den eingeschlossenen Städten?

Hier ist die Gefahr, nicht nur durch Kugeln und Bomben, sondern auch an Hunger und Kälte zu sterben. Genau darum brauchen wir so dringend sichere humanitäre Korridore. Im Moment kann man nichts mehr kaufen. Die Geschäfte sind geschlossen. Es gibt keine Heizung und die Temperatur fällt in der Nacht auf -8 C. Es gibt keinen Strom, die Menschen können ihre Telefone nicht mehr aufladen. Auch Generatoren funktionieren nicht mehr, weil es kein Benzin mehr gibt.

In den Luftschutzkellern sind auch viele Mütter mit Babys. Ihre Mütter können sie nicht mehr stillen, weil vor Stress und Hunger die Milch ausbleibt. Aber es gibt auch keine Babynahrung. Viele Kinder sind ernstlich vom Hungertod bedroht.


Wie geht es deinen Kindern?

Ich habe zwei Töchter. Die ältere ist 19 Jahre alt und sie hat das schon einmal erlebt, als sie elf war und wir unser Haus in Donezk verlassen mussten. Meine jüngere Tochter ist zwei Jahre und acht Monate alt. Es ist niederschmetternd zu wissen, dass beide meiner Töchter im Kindesalter Krieg erleben mussten und müssen.

Erwägst du eine Flucht ins Ausland?

Wir haben schon viele Angebote bekommen, an einen sichereren Ort zu gehen, dafür bin ich sehr dankbar. Wir bleiben derzeit noch in der Westukraine. Mein Mann darf die Ukraine wegen der Mobilmachung nicht mehr verlassen. Wir sind hier alle zusammen und wollen das auch bleiben, so lange es geht. Es ist sehr schwierig, irgendetwas vorherzusehen. Wenn es hier noch unsicherer wird, suchen wir nach einer Lösung. Ich werde für die SOS-Kinderdörfer arbeiten, so lange ich hier bleiben kann. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht.

Wie sieht der weitere Plan der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine aus?

Wir müssen uns auf die humanitären Maßnahmen in den Gebieten konzentrieren, in denen die meisten Binnenvertriebenen sind. Wir werden weiterhin die Umsiedlung von Pflegefamilien an sicherere Orte koordinieren.

Eine unserer größten Aufgaben ist auch die Unterstützung unserer Mitarbeiter*innen. Wir müssen ihnen helfen, seelisch stabil zu bleiben. Sie brauchen psychologische Unterstützung, damit sie weiterarbeiten können. Unsere Teams machen fantastische Arbeit in dieser schwierigen Situation.

Sie werden als Heldin bezeichnet. Was sagen Sie dazu?

Ich glaube nicht, dass ich eine Heldin bin oder besonders mutig. Ich denke, wir Frauen brechen in Stresssituationen nicht zusammen. Zumindest ist das bei mir der Fall. Ich habe versucht zu analysieren, was getan werden kann, worauf wir uns konzentrieren können, welche Ressourcen ich brauche, um tun zu können, was getan werden muss. Das hilft, in dieser Situation nicht verrückt zu werden.

Ich bin ja auch selbst betroffen: Ich habe zweimal mein Haus verloren. Die Situation ist sehr belastend. Wenn man über diese Ungewissheit nachdenkt, kann man wirklich den Verstand verlieren, aber das ist keine Lösung.

Ich versuche mich auf das zu fokussieren, was ich kann – und meine Kolleg*innen machen es genauso. Wir konzentrieren uns darauf, wie wir Kindern und Mitarbeitenden in diese Situation helfen können. Panik hilft nicht weiter. Die schrecklichen Dinge, die in der Ukraine schon seit Jahren geschehen, haben uns darauf irgendwie vorbereitet.

Wir versuchen, Familien zu retten, und wir sind froh, dass es funktioniert. Wir sind uns auch darüber im Klaren, dass es nicht so schnell besser werden wird. Die Situation wird für die Menschen, unsere Mitarbeiter*innen und vor allem für die Kinder noch lange Zeit eine große Herausforderung darstellen. Die Folgen dieses Krieges können sogar ein Jahrzehnt andauern.

Möchten Sie den Mitarbeitenden und Unterstützer*innen der SOS-Kinderdörfer noch etwas mitteilen?

Danke an alle, die ihre Solidarität bekunden. Danke an die Menschen, die helfen und unterstützen. Die Kinder und Familien in der Ukraine brauchen Ihre Hilfe! Ich möchte, dass alle wissen, dass das, was hier in der Ukraine und in Europa geschieht, die Hölle ist. Ich möchte, dass jeder weiß, dass wir in der Hölle leben.

 

Darya* arbeitet seit füneinhalb Jahren als Projektleiterin für die SOS-Kinderdörfer in der Ukraine. Sie hat Sozialwirtschaft und Demografie studiert und war zuvor als Universitätsdozentin tätig. Im Fokus ihrer Arbeit stehen die Probleme und der Schutz von Kindern ohne elterliche Fürsorge und ihr Recht auf Familie. Zusätzlich ist sie im Vorsitz des ukrainischen Netzwerks für Kinderrechte, in dem 27 nationale Kinderschutzorganisationen tätig sind, die auch jetzt ihre Bemühungen zum Schutz und der Rettung von Kindern koordinieren.

 

Übersicht über die Nothilfe von SOS-Kinderdorf

Die SOS-Nothilfe in der Ukraine wird bis zu 50.000 Kinder und Familien erreichen, in der Ukraine, in den Nachbarländern und in Österreich.

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