Echte Muckis und falsche Rollenbilder

Wie gehen junge Männer mit ihrem Körperbild um?

Aus den Lautsprechern donnert AC/DC, Langhantelstangen krachen in Halterungen aus Metall, im ersten Stock stöhnen Männer unter dem Gewicht der Beinpressen: Es ist Dienstagabend im Studio „Das Gym“ am Wiener Handelskai, unserem Treffpunkt mit den Brüdern Andreas und Alexander Pürzel. Wer etwas über männliches Streben nach dem perfekten Körper erfahren will, ist bei den beiden diplomierten Fitness-Trainier aus Neunkirchen genau richtig. Zumal sie selbst vor Kraft und Sportsgeist strotzen. Andreas Pürzel, Gym-Chef und Bodybuilder, verblüfft selbst Studio-Stammgäste mit seinem Körperbau: kein Gramm Fett bei 87 Kilo Kampfgewicht, Nackenmuskeln wie ein Berggorilla. An seinen gigantischen Oberarmen wölben sich fingerdicke Adern. In seinem Studio trainieren vor allem Sportler der Strongman- und Gewichtheber-Szene.
 
 
 
Sein Bruder Alexander streckt zur Begrüßung seine tellergroße rechte Hand entgegen. Der dreimalige Staatsmeister im Kraft-Dreikampf schafft bei Wettkämpfen Kniebeugen mit 280 Kilogramm Extragewicht auf den Schultern. Im Hauptberuf ist er Sport-Professor am BORG Wiener Neustadt. Ähnlich wie bei Mädchen  beobachten die Pürzel-Brüder auch bei Burschen einen steigenden sozialen Druck aufgrund falscher Rollenvorbilder. Alexander Pürzel: „Auf Facebook werden retuschierte Bilder von Athleten geteilt, die bei günstiger Beleuchtung aufgenommen werden. Die Burschen sehen das und fühlen sich minderwertig.“ Auf Fotos, die sie von sich selbst in ähnlicher Pose posten, folge oft wenig schmeichelhaftes Feedback bezüglich Körperform und den Fitness-Grad. „Das Problem mit unrealistischen Körperbildern wird bei Burschen viel zu wenig thematisiert“, sagt Pürzel.


Auch weil sich die Jungs weniger trauen, darüber sprechen.

Alexander Pürzel


Bei den Brüdern Pürzel sollen Buben Buben nicht nur Muskeln stärken, sondern auch ihr Selbstwertgefühl.
Das Training belohnt Durchhaltevermögen und Disziplin“, sagt Andreas, der Studio-Chef. „Und zeigt den Jungs: Wenn ich dranbleibe und nicht aufgebe, dann zahlt sich das aus.“ Sein Bruder Alexander kümmert sich als Sport-Pädagoge im BORG auch um übergewichtige Jugendliche. Sein Rezept: „Nimm dir extra viel Zeit. Hör ihnen zu. Mach ihnen ein Kompliment, das auch stimmt. Bei stärkeren Jugendlichen liegt der Körperschwerpunkt weiter vorne. Denen sage ich: ,Du kannst sicher gute Kniebeugen machen‘. Ich nehme sie mit in die Kraftkammer. Die beugen das eineinhalbfache Gewicht von jemandem, der schon ein halbes Jahr trainiert. Bei der nächsten Einheit stehen die garantiert wieder in der Tür.
 

Man kann auch mit Mathe glücklich werden

Neben den Erfolgsgeschichten kennen die Pürzel-Brüder aber auch die Kehrseiten ihres Sports.  Muskelbepackte junge Machos im Fitness-Studio. Burschen, die ihre Kraft nutzen, um Mitschüler zu schikanieren. „Sobald ein Jugendlicher sein Überlegenheitsgefühl zur Schau stellt, musst du als Trainer
einschreiten
“, sagt Alexander Pürzel. Was er den jungen Männern dann sagt? Pürzel überlegt keine zwei Sekunden: „Ich sage: ,Freund der Blasmusik. Mit deinem Benehmen ziehst du deinen Sport in den Dreck. Und du kommst auch nicht gut an bei den Mädels.‘“

Abschlussfrage an die Profis: Machen Muskeln glücklich?
Man kann auch glücklich werden, wenn man Mathematik liebt oder Bücher schreibt“, sagt Andreas, der Bodybuilder, ohne einen Anflug von Ironie. „Wir versuchen es eben über Krafttraining, weil es auch die Gesundheit fördert“. Bruder Alexander ergänzt: „Wenn ein Jugendlicher, der noch nie Sport betrieben hat, lieber Nordic Walken gehen will, unterstütze ich das genauso. Jede Bewegung ist ein guter Anfang.
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