3 Flüchtlingskinder und ein Erwachsener stehen vor einem Zelt inmitten eines Feldes, umgeben von Müll

Likes für den Hass

Warum bringen Bilder von Flüchtlingen so viele Menschen im Netz in Rage?

 
Sogar harmlose Bilder von Flüchtlingskinder versetzen so manche User in Rage Die Wut über Flüchtlinge macht nicht bei Kindern und Jugendlichen halt – ganz im Gegenteil. Selbst harmlose Bilder von minderjährigen Asylwerbern bringen manche Nutzer in Rage. Ein bekanntes Beispiel: Als im Juli des Vorjahres brütende Hitze herrschte, stellte die Freiwillige Feuerwehr Feldkirchen eine Wasserdusche für Flüchtlinge auf. Ein Foto davon verbreitete sich im Eiltempo in den sozialen Medien: Ein kleines Mädchen stand im kühlen Nass – und strahlte. Mehr als 17.000 Likes erhielt das Bild, aber auch Hasskommentare. Ein 17-jähriger Lehrling kommentierte das Foto mit den Worten: "Flammenwerfer währe (sic!) da die bessere Lösung." Die Wortmeldung sorgte für Aufsehen: Der Bursche verlor daraufhin seine Lehrstelle bei Porsche. Es folgt eine große Debatte über den adäquaten Umgang mit gehässigen Postings.

Interessant ist an dem Fall aber auch, in welcher Härte selbst über Kinder und Jugendliche online hergezogen wird. Das sagt einiges über die Verrohung der Debatte, speziell auch im Netz, aus. Warum ist das so, dass Menschen online selbst über Minderjährige so verletzend posten? Es wäre falsch, so zu tun, als würde das Internet die Ursache für Rassismus sein, als wäre die Polarisierung in der Flüchtlingsdebatte ein Ergebnis der Digitalisierung. Wohl aber wirkt das Netz oft wie ein Katalysator, es treibt viele Bewegungen umso mehr an.

Rüpel und Populisten haben es im Internet leider oftmals besonders leicht. Darauf deutet eine Untersuchung der Wissenschaftler Daegon Cho und Alessandro Acquisti aus dem Jahr 2013 hin. Damals forschten beide an der Carnegie Mellon University in den USA und sie analysierten 75.000 Leserkommentare auf südkoreanischen Nachrichtenseiten und fanden heraus: Beinhaltete ein Kommentar Schimpfworte, dann drückten umso mehr Nutzer auf "Like" oder bewerteten das Posting als lesenswert.


Wer herumschimpft, erntet also Bestätigung.

 

Emotion, auch negative Emotion, wird im Netz mit Aufmerksamkeit belohnt. Dies liegt nicht zuletzt an den sogenannten "Echokammern", das sind digitale Räume, in denen Nutzer hauptsächlich Inhalte eingeblendet bekommen, die ihre Meinung bekräftigen. Wer Angst vor Flüchtlingen hat, kann die passenden Facebook- Gruppen aufsuchen – sie heißen beispielsweise "Islam gehört nicht zu Österreich“ oder "Alternative für Österreich". Von diesen Gruppen bekommt man dann permanent Beiträge eingeblendet, die die eigenen Fürchte bestätigen und weiter fördern. Wie ein Echo hallt auch die Angst in diesen Räumen zurück.
 

Eigen - versus Fremdgruppe

Gratis Handys für Flüchtlinge

Falsche Gerüchte wie dieses verbreiten sich im Internet wie ein Lauffeuer warum sind manche Menschen so empathielos? Warum werden alle Flüchtlinge oft über einen Kamm geschert? Fragen wie diese kann der Psychologe Delroy Paulhus von der University of British Columbia in Vancouver beantworten, den ich für mein Buch interviewt habe. Er forscht seit Jahrzehnten dazu, wann Menschen dunklere Facetten ihrer Persönlichkeit zeigen. In der Psychologie gibt es das Konzept der "Eigengruppe versus Fremdgruppe".

Die Eigengruppe ist jener Menschenkreis, zu dem man sich deutlich zugehörig fühlt. Die Fremdgruppe sind alle anderen. Menschen können sich mehreren Eigengruppen zugehörig fühlen: Zum Beispiel anderen Menschen, die aus demselben Heimatort kommen oder dem örtlichen Fußballverein und all seinen Anhängern angehören. An sich ist das ganz normal. "Nun gibt es Situationen, die sehr starke Gefühle der Eigengruppe versus einer Fremdgruppe auslösen können: Vor allem, wenn die Fremdgruppe dieselben Ressourcen nutzen möchte, die bisher der Eigengruppe zustanden, kann dies heftige Reaktionen auslösen", sagt Paulhus.

In der Flüchtlingsdebatte lässt sich diese Dynamik beobachten: Bürger nehmen Flüchtlinge als Fremdgruppe wahr, die womöglich einen Job oder Geld vom Staat bekommt, das sonst auf die Eigengruppe verteilt werden würde. Selbst wenn solche Ängste überzogen sein mögen, rufen sie Aggressionen hervor. Auch kommt es dann zum Eindruck der "Fremdgruppenhomogenität": Menschen haben das Gefühl, die Fremdgruppe sei sehr homogen – was zu Aussagen führt wie: "Die Flüchtlinge sind alle gleich." Wenn man alle Asylwerber als potenzielle Gefahr sieht, inkludiert das letztlich sogar deren Kinder.
 

Was lässt sich da tun?

In ihrem Buch "Hass im Netz" erklärt Ingrid Brodnig unter anderem, was jede und jeder einzelne gegen Lügengeschichten im Internet tun kann. Ein Mittel, diese Aggression zu bekämpfen, ist, sie zu thematisieren – womöglich sogar etwas Positives daraus abzuleiten. Dies macht die britische Hilfskampagne Calais Action. Wenn jemand verletzende Postings auf der Facebook-Seite der Hilfskampagne hinterlässt, dann werden die eigenen Fans dazu aufgerufen, im Namen dieser Person für Flüchtlinge zu spenden. #TrollAid heißt diese Kampagne. Zum Beispiel schrieb eine anonyme Nutzerin unter einem Video, in dem Flüchtlingskinder in Athen spielen: "Die sollten nach Hause gehen und ihre eigenen Länder in Ordnung bringen, anstatt wie Angsthasen wegzulaufen und zu erwarten, dass sie von dummen Freiwilligen verhätschelt werden." Daraufhin rief die Kampagne zu Spenden als Reaktion auf dieses Posting auf. Mehr als 2.300 Euro wurden bisher als Reaktion auf solche Wortmeldungen gesammelt.

Zweitens ist es auch sinnvoll, gewisse Tabus zu verteidigen: Etwa mit dem Strafrecht, das beispielsweise verbietet, zu Gewalt gegen Minderheiten aufzurufen (sogenannte Verhetzung). Zunehmend wird von diesem Paragrafen Gebrauch gemacht, speziell aufgrund aufwiegelnder Facebook-Kommentare. Im Vorjahr gab es hierzulande 40 Verurteilungen wegen Verhetzung. Zum Vergleich: 2013 waren es nur elf gewesen. Wir befinden uns gerade in einer wichtigen Lernphase: Es muss immer mehr Menschen klar werden, dass auch Worte im Internet die Menschenwürde verletzen, dass sie dementsprechend Straftaten sein können.


Dunkle Facetten der Menschheit

Das Internet hat eine besondere Eigenschaft: Es bringt die dunkelsten Facetten der Menschheit zum Vorschein, aber auch ihre schönsten. Gerade minderjährige Asylwerberinnen und Asylwerber können online Empathie auslösen. Oft sind es Bilder von Kindern, die die Dramatik der Situation verständlich machen. So wie am 2. September 2015: Jenem traurigen Tag, an dem der dreijährige Alan Kurdi tot am Strand in der Türkei aufgefunden wurde – das syrische Flüchtlingskind hatte die gefährliche Bootsreise über das Mittelmeer nicht überlebt. Sein Foto ging um die Welt, in nur zwölf Stunden tauchte es weltweit auf 20 Millionen Bildschirmen auf, berechneten Wissenschaftler der Universität in Sheffield. 53.000 Mal pro Stunde wurde das Bild auf Twitter geteilt. Das Netz kann eben auch ein Instrument für Empathie sein. Wir müssen aber lernen, es dementsprechend einzusetzen.

Text: Ingrid Brodning
 

Wenn Kinder und Jugendliche ohne ihre Eltern flüchten, ist ein Smartphone oft die einzige Verbindung zur Familie. Hassan Ali ist mit 16 aus Pakistan geflüchtet. Im SALTO-Interview erzählt der heute 21-Jährige, wie es ihm mit Facebook & Co. während und nach seiner Flucht ergangen ist.


>> Interview lesen

/* pageName= Likes für den Hass pagePrefix= breadCrumb=Aktuelles / Themen / --Salto Magazin / Salto Magazin Ausgabe 1/2016 / Likes für den Hass mainDomain=sos-kinderdorf.at langIdentifier=AT,de */