Studie – 09.05.19

88 % der Familien stehen unter Druck

Repräsentative Umfrage: Jugendliche empfinden Druck statt Halt in ihren Familien. SOS-Kinderdorf fordert familienfreundlichere Rahmenbedingungen

Im Auftrag von SOS-Kinderdorf hat das Institut für Jugendkulturforschung erstmals österreichweit erhoben, welche Stressfaktoren Jugendliche in ihren Familien identifizieren. Die repräsentative Befragung von 400 Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren lieferte alarmierende Ergebnisse. „Jugendliche haben Zukunftsängste und zu wenig Zeit mit ihren Familien“, so Nora Deinhammer, Geschäftsführerin von SOS-Kinderdorf. „Es braucht dringend Maßnahmen, um Familien zu entlasten.“

88 % der befragten Jugendlichen fühlen sich mit ihrer Familie unter Druck. Die größten Stressfaktoren sind Schule und Ausbildung oder der eigene Job. Dieser Stress ist kombiniert mit Zukunftsängsten: der Angst, es aus eigener Kraft einmal nicht zu schaffen, ein gutes Leben zu führen. 45,5 % haben Angst, im Leben nichts zu erreichen. Jedem und jeder zweiten wird der Schul- und Ausbildungsstress oft zu viel. Jugendliche stehen von allen Seiten unter Leistungsdruck.

Stress raus, Zeit rein: Quality-Time für Familien

Kinder brauchen ein stabiles Umfeld, um gut aufzuwachsen. Die aktuelle Umfrage hat ergeben, dass sich auch Jugendliche nach mehr Stabilität und gemeinsamer Familienzeit sehnen. 55 % wünschen sich mehr gemeinsame Freizeitaktivitäten. Jeder und jede dritte Jugendliche fühlt sich belastet, weil die Familie zu wenig Zeit miteinander hat und fast 40 % der Jugendlichen finden, dass der Stress, den ihre Eltern durch die Arbeit mit nach Hause bringen, der Familie nicht gut tut.

Im familiären Umfeld sollten Kinder und Jugendliche auf die Welt vorbereitet werden. Sie sollten gestärkt werden um im späteren Leben Herausforderungen meistern zu können. In welchem Familienmodell – Mama und Papa, Patchwork, gleichgeschlechtlich oder alleinerziehend – die Kinder aufwachsen, ist dabei nicht entscheidend. „Im Mittelpunkt steht immer die Beziehung“, so Deinhammer.

„Fast 90 % der Jugendlichen empfinden Stress in ihren Familien. Da läuten bei uns die Alarmglocken. Familie sollte das Gegenteil sein: Es sollte der Ort sein, wo Druck von den Schultern genommen wird“, so Deinhammer. „Wir haben hier eine gefährliche Kombination: Leistungsdruck und Zukunftsängste von Jugendlichen steigen. Gleichzeitig fehlt in ihrem Umfeld die Zeit um Rückhalt zu geben und mit Stress umgehen zu lernen. Diese Faktoren verstärken sich gegenseitig und können gravierende Konsequenzen haben.“

Stress und Druck haben drastische Auswirkungen auf die physische und psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Psychosomatische Beschwerden wie Bauchschmerzen oder Schlafstörungen können ebenso auftreten wie Verhaltensstörungen. Diese reichen von schlechter Laune und aggressivem Verhalten über Unkonzentriertheit oder Nervosität bis hin zum sozialen Rückzug.

SOS-Kinderdorf fordert Entlastung

Ein familienfreundliches Österreich muss gute Rahmenbedingungen für Kinder und ihre Bezugspersonen bieten. „Die Flexibilisierung der Arbeitszeit macht Unternehmen flexibler, nicht aber die Angestellten. SOS-Kinderdorf fordert von der Wirtschaft, ihrerseits flexibler zu werden und sich den Bedürfnissen von Familien anzupassen“, so Deinhammer. Die ständige berufliche Verfügbarkeit geht auf Kosten der Familienzeit. Und es braucht Anreize, Arbeits- und Familienzeit unter den Eltern gleichmäßiger aufzuteilen. Sodass beide Elternteile gleich viel Zeit mit der Familie verbringen und sich gegenseitig entlasten können.

„Der Vater geht arbeiten, die Mutter managt neben ihrem Teilzeit-Job die Familie. Kaum zu fassen, dass das im Jahr 2019 in den allermeisten Familien noch immer das gängige Modell ist. Das macht Familien unflexibel“, so Deinhammer. Österreichs Unternehmen müssen auch in dieser Hinsicht familienfreundlicher werden. Hier sind noch sehr viele Schritte nötig.

„Ich wünsche mir mutigere, innovativere Ideen! Man könnte zum Beispiel darüber nachdenken, ob Familien mit minderjährigen Kindern nicht eine Woche mehr Urlaub im Jahr bekommen sollten. Das wäre ein Signal. Das könnte helfen, die Betreuung in den Schulferien besser zu organisieren, aber auch über das Jahr verteilt ein bisschen mehr Spielraum zu haben“, so Deinhammer.

Gleichzeitig muss Druck aus dem Schulsystem genommen werden. Die Ganztagsschule verschafft Kindern und Jugendlichen echte Freizeit nach der Schule und muss dringend für alle Kinder ermöglicht werden, damit alle die gleichen Zukunftschancen haben.

Gewisse Konflikte in Familien wird es immer geben. Wichtig ist, dass Kinder, Jugendliche und ihre Bezugspersonen dafür Bewältigungsstrategien haben und nicht alleine gelassen werden. Zu guten Rahmenbedingungen für Familien gehören darum auch niederschwellige, kostenlose Angebote für Beratung und Unterstützung.

Die Studienergebnisse im Detail finden Sie online unter www.sos-kinderdorf.at/familienunterdruck