Am wichtigsten ist die Beziehung

Das Leben ist bunt. Das hat Hermann A. von seiner Frau gelernt. Mit seiner Testamentsspende will er nun das Leben von Kindern in Wien bunter machen.

 

 

„Meine Frau und ich – das war immer ein WIR“, beschreibt Hermann A. die innige Verbindung zu seiner Frau Leni. Über 60 Jahre gingen die beiden gemeinsam durch’s Leben, vor eineinhalb Jahren ist Leni verstorben. „Dass wir nicht gemeinsam sterben würden, war so nicht ausgemacht“, sagt Herr A. zwar leicht im Scherz aber gleichzeitig mit Tränen in den Augen.

Wir treffen den 84-Jährigen in einem Wiener Café, wo er bereits überpünktlich auf uns wartet. Aufrecht, gut gekleidet und mit einem warmen, offenen Lächeln. Bei einer Melange und Kuchen lässt er uns an seinen Erinnerungen teilhaben. Er ist ein guter Erzähler und sein Leben ist reich an schönen Geschichten und spannenden Abenteuern, an die er sich detailreich erinnert.

Im Krieg geboren

Da ist seine Kindheit in einfachen Verhältnissen, im Wien der Kriegs- und Nachkriegszeit. Ein strenger Vater und eine Mutter, die alles gibt, um mit dem Wenigen, das die Familie zur Verfügung hat, gut zu wirtschaften. Die Eltern schauen darauf, dass die drei Geschwister gleich behandelt werden und nicht eines der Kinder mehr bekommt als das andere. Als sich der junge Hermann einmal ein Buch wünscht, ist es etwas ganz Besonderes, dieses zu bekommen. Er hat es heute noch.

Ansonsten hat sich Herr A. von vielen irdischen Dingen inzwischen getrennt, wie er sagt. Beim Umzug in ein Altersheim haben er und seine Frau nur ausgewählte Dinge mitgenommen. Gegenstände, an denen Erinnerungen hängen - wie ein besonderer Wandteppich, den seine Frau ihm einst geschenkt hat.

Ein gemeinsames Leben

Viel mehr als an Gegenständen hängt Herr A. an den gemeinsamen Erinnerungen mit seiner verstorbenen Frau Leni. Seine Augen beginnen zu leuchten, als er davon erzählt. Die ersten Jahre waren finanziell dürftig, dafür geprägt von Zusammenhalt. Mit Fleiß, Sparsamkeit und mehreren Nebenjobs erarbeiteten sie sich die erste Genossenschaftswohnung mit ausgeliehenen Möbeln. Von da an bauten sie sich Stück für Stück ein gemeinsames Leben auf.

War Herr A. bei seiner Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann noch ein schüchterner Lehrling, entwickelt er sich rasch weiter, wechselt die Branche und arbeitet sich mit großer Einsatzbereitschaft zum Prokuristen hoch. Seine Frau ist Bibliothekarin und „eine richtige Leseratte“, wie sich Herr A. liebevoll erinnert. Und Leni ist abenteuerlustig. Da sie eine begeisterte Skifahrerin war, lernte auch ihr Hermann Skifahren. Und egal ob auf der Piste, am Neusiedlersee oder bei Kultur-Veranstaltungen war es stets die gemeinsame Zeit, die das Paar höher schätzte als Luxus-Güter.


„Von meiner Frau habe ich gelernt, dass das Leben nicht nur schwarz-weiß ist. Sondern bunt.“


Wie alles in ihrem Leben hat das kinderlose Paar auch gemeinsam entschieden, wen sie in ihrem Testament bedenken möchten: SOS-Kinderdorf. Herr A. erinnert sich an die Briefe von SOS-Kinderdorf, die bereits in seiner Kindheit in den Briefkasten geflattert kamen. Sobald er finanziell auf eigenen Beinen stand, begann auch er regelmäßig zu spenden. „Weil eine Familie, eine Mutter, gute Bezugspersonen sind doch das Wichtigste in der Kindheit“, ist Herr A. überzeugt. Zu gut wissen er und seine Frau, wie es sich anfühlt, unter schwierigen Bedingungen aufzuwachsen.

Es geht um die Kinder

Als die beiden mit SOS-Kinderdorf in Wien Kontakt aufnehmen und sich mit einem Kinderdorf-Leiter treffen, wird der Besuch zu einer Reise in die Vergangenheit. Denn als sie am vereinbarten Treffpunkt in Wien Floridsdorf stehen, erkennt Leni A. die Straße wieder. Hier – genau gegenüber des therapeutischen Ambulatoriums von SOS-Kinderdorf – war Leni A. Anfang der 1940er-Jahre zur Schule gegangen. Eine Schule, die im zweiten Weltkrieg zerbombt wurde. Kurz darauf musste die kleine Leni mit ihrer Familie fliehen und sollte erst Jahre später nach Wien zurückkehren.

Mit dieser Erinnerung an die eigene schwierige Kindheit treffen Hermann und Leni A. nun den Kinderdorf-Leiter und lassen sich alles zeigen und erklären. Es ist anders als sie erwartet hatten. Keine Kinderdorf-Familien in Reihenhäusern. Vielmehr Wohngruppen, die gut in die Gemeindebauten integriert sind, und pädagogische Teams, die sich rund um die Uhr um die Kinder und Jugendlichen kümmern. Herr A. versteht gut, dass die pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen heute anders aussieht als in seiner eigenen Kindheit. So wie er generell sehr gut informiert ist, täglich Zeitung liest und aktuelle Geschehnisse mitverfolgt und einordnet.

Auch die Medienberichte rund um SOS-Kinderdorf hat er intensiv verfolgt. Leicht verdaulich war das nicht für ihn. Aber er findet gut, dass die Organisation die Verfehlungen aus der Vergangenheit aufarbeitet, und ist seiner Meinung treu geblieben: Es geht um die Kinder. Darum will er auch weiterhin SOS-Kinderdorf unterstützen. Mit seiner Testamentsspende möchte Herr A. etwas bewirken und das Leben vieler Kinder bunter machen. Denn stabile Beziehungen sind wichtig im Leben. Das hat Hermann A. geprägt und das möchte er auch Kindern und Jugendlichen ermöglichen.

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