
Tag der Jugend
Was Jugendliche brauchen, um ihren eigenen Weg zu gehen
Jugendliche sind nicht nur die Erwachsenen von morgen. Sie sind heute Teil unserer Gesellschaft – mit eigenen Rechten, Bedürfnissen und Vorstellungen davon, wie sie leben möchten. Zum Internationalen Tag der Jugend am 12. August sprechen wir mit Jo Hoffelner, pädagogischer Leiter des Jugendhauses im SOS-Kinderdorf Altmünster, darüber, was junge Menschen brauchen, um ihren eigenen Weg gehen zu können.
Seit 1999 macht der Internationale Tag der Jugend jedes Jahr am 12. August auf die Anliegen junger Menschen aufmerksam. Für SOS-Kinderdorf ist dieser Tag auch eine Gelegenheit, genauer hinzuhören: Was beschäftigt Jugendliche? Was brauchen sie, um sich sicher und ernst genommen zu fühlen? Und wie können Erwachsene sie dabei unterstützen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten?
Jo Hoffelner arbeitet seit fast 15 Jahren im Jugendhaus im SOS-Kinderdorf Altmünster und leitet es seit rund vier Jahren. In dieser Zeit hat er rund 80 Jugendliche begleitet. Aktuell leben zwölf Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren im Jugendhaus.

"Jugendliche brauchen tragfähige Beziehungen"
Viele Jugendliche, die bei SOS-Kinderdorf begleitet werden, haben in ihrem bisherigen Leben belastende Erfahrungen gemacht. Manche konnten nicht auf jene stabilen Beziehungen zählen, die Kinder und Jugendliche für ein gutes Aufwachsen brauchen.
"Kinder und Jugendliche brauchen tragfähige Beziehungen. Bei uns leben viele Jugendliche, die in ihrer Herkunftsfamilie bisher keine stabile Bindung erleben konnten. Umso wichtiger ist es für uns Pädagog*innen, ihnen eine solche anzubieten", sagt Jo Hoffelner.
Vertrauen entsteht dabei nicht von heute auf morgen. Es braucht Zeit, Verlässlichkeit und Erwachsene, die zuhören, Jugendliche ernst nehmen und auch in schwierigen Situationen ansprechbar bleiben.
Jugendliche sind Teil unserer Gegenwart
Wie wichtig diese Begleitung ist, zeigt auch Sozialpädagoge Oliver im Video. Er arbeitet in einem Jugendhaus und begleitet junge Menschen in ihrem Alltag, vom gemeinsamen Essen über Schule und Ausbildung bis hin zur Vorbereitung auf ein selbstständiges Leben.
Seine zentrale Botschaft: Jugendliche sind nicht erst als Erwachsene ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft. Sie sind es heute. Deshalb müssen ihre Bedürfnisse, Erfahrungen und Perspektiven auch jetzt wahrgenommen werden.
Im Video gibt Oliver Einblick in den Alltag eines Jugendhauses und erzählt, wie Jugendliche auf ihrem Weg in ein selbstständiges Leben begleitet werden.
Wenn psychische Belastungen zunehmen
In seiner täglichen Arbeit beobachtet Jo Hoffelner, dass Depressionen bei Jugendlichen eine immer größere Rolle spielen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Belastungen innerhalb der Familie können ebenso eine Rolle spielen wie Druck in der Schule oder fehlende Unterstützungsangebote.
Besonders schwierig kann es werden, wenn Jugendliche vom Unterricht suspendiert werden und dadurch zunehmend den Anschluss an Schule und Alltag verlieren. Gerade dann braucht es Möglichkeiten für einen guten Wiedereinstieg und ausreichend Ressourcen, um junge Menschen individuell zu begleiten.
Auch im Jugendhaus ist Schulverweigerung ein Thema. Die Pädagog*innen versuchen in solchen Situationen, gemeinsam mit den Jugendlichen eine Tagesstruktur aufrechtzuerhalten. Dazu können alltägliche Tätigkeiten wie gemeinsames Kochen ebenso gehören wie ein Spaziergang, bei dem Raum für ein Gespräch entsteht.
Grenzen setzen und im Gespräch bleiben
Ein respektvolles Zusammenleben braucht auch klare Grenzen. Entscheidend ist für Jo Hoffelner, wie diese vermittelt werden.
"Dein Freiraum endet da, wo der Freiraum deiner Mitbewohner*in beginnt", beschreibt er einen wichtigen Grundsatz im Zusammenleben.
Statt ausschließlich auf Verbote zu setzen, suchen die Pädagog*innen das Gespräch mit den Jugendlichen. Regeln und Konsequenzen sollen verständlich und nachvollziehbar sein.
"Ein wertschätzendes Gespräch ist auf lange Sicht meist erfolgreicher als ein reines Verbot", sagt Hoffelner. "Wenn es Verbote gibt, dann werden diese den Jugendlichen auch nachvollziehbar erklärt beziehungsweise wird gemeinsam an einer Strategie gearbeitet. Wir arbeiten stets deeskalierend."
Damit geht es nicht nur darum, Grenzen einzuhalten. Jugendliche sollen auch lernen, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, jene anderer Menschen zu respektieren und Konflikte zunehmend selbstständig zu lösen.

Social Media: Gemeinsam einen guten Umgang finden
Smartphone, YouTube, TikTok und andere soziale Medien gehören zum Alltag vieler Jugendlicher – auch im Jugendhaus. Dabei geht es nicht darum, digitale Medien grundsätzlich zu verteufeln. Vielmehr versuchen die Pädagog*innen, gemeinsam mit den Jugendlichen einen bewussten Umgang damit zu entwickeln. Apps, die nachweislich süchtig machen, wie Tik Tok etc. sind aber verboten.
Wenn etwa die nächtliche Handynutzung den Schlaf und damit Schule, Ausbildung oder Alltag beeinträchtigt, werden gemeinsam Vereinbarungen getroffen. In einem Fall wurde beispielsweise mit einem Jugendlichen vereinbart, die Handynutzung nachts für einen bestimmten Zeitraum einzuschränken.
"Meist kommt dann bei den Jugendlichen selbst die Erkenntnis, dass es ihnen mit weniger Konsum besser geht", erzählt Hoffelner.
Auch Cybermobbing und der Druck, online Anerkennung zu bekommen, beschäftigen Jugendliche. Umso wichtiger sind positive Erfahrungen und verlässliche Beziehungen auch außerhalb des digitalen Raums.
"Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es für die Jugendlichen besonders wichtig ist, dass sie im realen Leben viel Aufmerksamkeit und auch Lob bekommen. Dann suchen sie es weniger stark im Internet", sagt Hoffelner.
Deshalb unterstützt das Jugendhaus die Jugendlichen dabei, soziale Kontakte aufzubauen und Beziehungen zu pflegen. Ein Fixpunkt ist etwa ein jährliches Treffen mit ehemaligen Bewohner*innen im Sommer.
Schritt für Schritt in ein selbstständiges Leben
Ein wichtiges Ziel der pädagogischen Begleitung ist es, Jugendliche auf ihrem Weg in ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu stärken.
Für junge Menschen, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen können, kann der Übergang ins Erwachsenenleben besonders herausfordernd sein. Während die durchschnittliche Österreicher*in mit 25 Jahren von zuhause auszieht, müssen Care Leaver nach der Fremdbetreuung spätestens mit 21 Jahren auf eigenen Beinen stehen. Im Regelfall bereits mit 18 Jahren.
Genau diesen Übergang beschreibt auch Oliver im Video. Im Jugendhaus lernen Jugendliche viele Dinge, die sie später für ein selbstständiges Leben brauchen: kochen, Wäsche waschen, mit Geld umgehen, Termine und Behördenwege erledigen, pünktlich in der Arbeit erscheinen oder einen Job suchen.
Dabei geht es um mehr als praktische Fähigkeiten. Entscheidend ist auch, jungen Menschen Sicherheit zu geben. Selbstständig zu werden bedeutet nicht, von einem Tag auf den anderen alles alleine schaffen zu müssen.
Auch bei SOS-Kinderdorf werden Jugendliche deshalb schrittweise auf diesen Übergang vorbereitet. Sie lernen, einen Haushalt zu führen und mit Geld umzugehen, und erhalten Unterstützung bei Berufsorientierung und Bewerbungen.
Zusätzliche Möglichkeiten bieten sogenannte Probewohnungen innerhalb und außerhalb des SOS-Kinderdorfs. Dort können junge Menschen selbstständiges Wohnen erproben. Pädagogische Fachkräfte begleiten sie je nach individuellem Bedarf und bleiben als Ansprechpersonen erreichbar.

Zukunft braucht Perspektiven
Auch die Frage „Was möchte ich einmal werden?“ beschäftigt die Jugendlichen. Jo Hoffelner beobachtet, dass es manchen jungen Menschen schwerfällt, konkrete Vorstellungen für ihre berufliche Zukunft zu entwickeln. Persönliche Belastungen und schwierige Erfahrungen können diese Orientierung zusätzlich erschweren.
Umso wichtiger ist es, gemeinsam Perspektiven zu entwickeln, Interessen und Fähigkeiten zu entdecken und Ziele zu finden, die für die Jugendlichen selbst Bedeutung haben. Dabei geht es nicht nur um Ausbildung und Beruf, sondern auch darum, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten aufzubauen.
Gleichzeitig gelten im Jugendhaus klare Regeln für ein sicheres Zusammenleben. Gewalt und Drogen haben keinen Platz. Bei Konflikten setzen die Pädagog*innen auf Prävention, Deeskalation, verbindliche Grenzen und gemeinsame Lösungen.
"Dann weiß man, wofür man diese Arbeit macht"
Die Arbeit im Jugendhaus ist anspruchsvoll und mit großer Verantwortung verbunden. Gleichzeitig erlebt Jo Hoffelner immer wieder, was langfristige und verlässliche Begleitung bewirken kann.
"Wenn man sieht, dass man ein kleines Stück dazu beigetragen hat, dass ein junger Erwachsener in ein gutes Leben gefunden hat, eine stabile Beziehung führt oder einen erfüllenden Job gefunden hat, dann weiß man, wofür man die Arbeit hier macht", sagt er.
Besonders freut ihn, dass der Kontakt zu vielen ehemaligen Bewohner*innen bestehen bleibt. Manche melden sich, wenn sie ein offenes Ohr brauchen. Andere kommen einfach vorbei, weil ihnen die Beziehung wichtig geblieben ist.
Auch Oliver beschreibt im Video, dass junge Menschen nach ihrem Auszug zunächst immer wieder ins Jugendhaus zurückkommen, manchmal einfach, um sich Sicherheit zu holen.
Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Aufgaben pädagogischer Begleitung: Jugendliche dabei zu stärken, ihren eigenen Weg zu gehen – und ihnen gleichzeitig zu vermitteln, dass Selbstständigkeit nicht bedeutet, alles alleine schaffen zu müssen.
Denn Jugendliche sind nicht nur unsere Zukunft. Sie sind jetzt da. Und sie haben ein Recht darauf, gehört, ernst genommen und in ihrer Entwicklung gestärkt zu werden.
Hilfe zum Großwerden
Jugendliche auf ihrem Weg stärken
Verlässliche Beziehungen, ein strukturierter Alltag und Menschen, die zuhören und Mut machen: Mit Ihrer Spende unterstützen Sie Kinder und Jugendliche dabei, ihre Fähigkeiten zu entfalten und Schritt für Schritt selbstständig zu werden.
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