"Offen zu sein für Weiterentwicklung, das bedeutet für mich Professio­nalität"
Gamze Yilmaz-Sahan arbeitet bereits seit neun Jahren im SOS-Kinderdorf in Imst. Sie ist pädagogische Leiterin und zuständig für die Ukraine-Nothilfe am Standort. Im Frühjahr 2025 hat sie ihre pädagogische Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, die sie berufsbegleitend und zusätzlich zu ihrer wirtschaftlichen Ausbildung absolviert hat. In diesem Interview erzählt sie uns von ihrem ungewöhnlichen Weg in die Sozialpädagogik, was die Zusammenarbeit am Standort Imst heute ausmacht und was Professionalität für sie bedeutet.
Welchen beruflichen Werdegang hast du hinter dir?
Ich kam eher zufällig zum SOS-Kinderdorf, doch der Weg wurde schnell zu einer bedeutenden Station meiner beruflichen Laufbahn. Während meines Studiums der Internationalen Wirtschaftswissenschaften habe ich mit einer Teilzeitanstellung als organisatorische Assistenz begonnen – 16 Stunden pro Woche. Das war mein erster Schritt in den sozialen Bereich.
Nach und nach habe ich mehr Aufgaben übernommen und entdeckt, dass mich die pädagogische Arbeit begeistert. Als im März 2022 die ersten Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine nach Imst kamen, habe ich die Gruppe in der Koordination begleitet und war dadurch sehr nahe an der pädagogischen Arbeit. In dieser Zeit wurde mir bewusst, dass ich mich auch fachlich in diesem Bereich ausbilden möchte.
Daraufhin habe ich die berufsbegleitende Ausbildung zur Sozialpädagogin in Stams begonnen. Parallel dazu war und bin ich in verschiedenen Funktionen aktiv, unter anderem als Freiwilligenkoordinatorin und Sicherheitsvertrauensperson.
Wie war es für dich, eine Ausbildung berufsbegleitend zu absolvieren?
Für mich war es entscheidend, meine eigenen Grenzen zu kennen und gut auf mich zu achten. Ich bin ein sehr aktiver Mensch, der gerne vieles gleichzeitig macht. Neben Job und Ausbildung habe ich gemeinsam mit meinem Mann ein kleines Projekt aufgebaut und war zusätzlich als Sprachtrainerin tätig. Ich liebe die Abwechslung und die Möglichkeit, dabei immer wieder neue Menschen kennenzulernen.
Das klingt nach viel, und das war es auch – aber ich habe immer darauf geachtet, bewusst abzuschalten und Ausgleich zu schaffen. Wichtig ist, dass man die Dinge, die man tut, wirklich gerne macht. Dann wird auch eine berufsbegleitende Ausbildung nicht als Belastung empfunden. Besonders schön war, dass sich Praxis und Theorie so gut ergänzt haben: Vieles, was ich in der Ausbildung gelernt habe, konnte ich direkt in der Arbeit umsetzen, und umgekehrt. Das war unglaublich bereichernd.
Was gefällt dir am besten an deiner Arbeit?
Das Schönste an meiner Arbeit ist, dass wir die Zukunft von Kindern und Jugendlichen aktiv mitgestalten dürfen. Zu sehen, wie junge Menschen wachsen, Vertrauen fassen und neue Perspektiven entwickeln, ist für mich das Wertvollste. Und selbst wenn wir nur ein kleiner Teil ihres Lebens sind – zu erleben, dass wir etwas bewirken und sie positiv beeinflussen können, bedeutet mir unglaublich viel.
Was ich in meiner Rolle als pädagogische Leiterin besonders schätze, ist die Verbindung vieler unterschiedlicher Bereiche. Das Kaufmännische liegt mir nach wie vor sehr, und in meiner jetzigen Position kann ich beides vereinen – die pädagogische Arbeit und die organisatorisch-kaufmännische Seite. Genau diese Kombination macht den Job für mich so stimmig und erfüllend.
Welche Herausforderungen gibt es in deinem Job?
Eine große Herausforderung ist das Zeitmanagement. Termine und Anforderungen nehmen stetig zu, während die Ressourcen oft begrenzt sind. Wir sehen manchmal sehr genau, was ein Kind oder eine Familie bräuchte, können es aber aufgrund von personellen oder finanziellen Rahmenbedingungen nicht immer so anbieten, wie es ideal wäre. Außerdem erfordert die enge Zusammenarbeit mit Behörden und öffentlichen Stellen viel Abstimmung und Organisation.
Was hat sich in den letzten Jahren im SOS-Kinderdorf in Imst geändert, wie würdest du die Zusammenarbeit beschreiben?
In den letzten Jahren hat sich bei uns der standortübergreifende und angebotsübergreifende Austausch deutlich verbessert. Wir nutzen diese Vernetzung gezielt als Ressource: Das Teilen von Know-how und gegenseitige Unterstützung sind mittlerweile selbstverständlich geworden. Besonders positiv empfinde ich auch, dass die Stärkung der Mitarbeiter*innen in den Fokus gerückt ist – nach dem Motto: „Ihr seid die Expert*innen, ihr kennt die Kinder, eure Meinung ist wichtig.“ Das hat zu mehr Wertschätzung und einem gestärkten Zusammenhalt am Standort geführt.
Was bedeutet für dich Professionalität? Wie zeigt sich für dich Professionalität im Arbeitsalltag?
Professionalität bedeutet für mich, auch in herausfordernden Situationen die eigenen Gefühle im Griff zu behalten und für Klient*innen sowie Kolleg*innen stabil und verlässlich da zu sein. Es ist wichtig, zwischen persönlichen Empfindungen und sachlichen Anforderungen zu unterscheiden und stets die geltenden Standards und Richtlinien zu kennen und einzuhalten. Gleichzeitig gehört für mich zur Professionalität, sich laufend neues Wissen anzueignen und offen für Weiterentwicklung zu bleiben.
Vielen Dank liebe Gamze für die Einblicke in deinen Werdegang und deine Arbeit im SOS-Kinderdorf in Imst. Wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg!
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