"Professionalität heißt Wissen und Erfahrung ausbalancieren, Grenzen wahren und empathisch bleiben."
Ksenija Andelic ist seit 10 Jahren bei SOS-Kinderdorf und gewährt uns spannende Einblicke in ihren Arbeitsalltag als pädagogische Leiterin. Sie leitet zwei Angebote für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Wien und blickt auf langjährige Erfahrung im sozialen Bereich zurück. In ihrer Position als pädagogische Leiterin sorgt sie dafür, dass ihr Team die Kinder und Jugendlichen, besonders in herausfordernden Zeiten, zuverlässig begleiten kann. Sie beschreibt ihre Arbeit als vielfältig und schätzt die Möglichkeiten bei SOS-Kinderdorf, sich aktiv einzubringen. Im nachfolgenden Interview erzählt Ksenija über ihre Rolle als Führungskraft, die Bedeutung von Professionalität im Alltag und teilt besondere Erfahrungen, die ihre Arbeit bereichern. Außerdem gibt sie wertvolle Tipps für Berufseinsteiger*innen.
"Professionelles Arbeiten bedeutet Vielfalt und unterschiedliche Werte zu respektieren, eine Balance zwischen professioneller Ausbildung und Praxis zu haben, klare Grenzen zwischen Beruf und Privatleben zu ziehen und die professionelle Identität durch praktische Erfahrung zu stärken."
Welchen beruflichen Werdegang hast du hinter dir?
Meine Grundausbildung ist Pädagogin mit Schwerpunkten in Sonder- und Heilpädagogik. Vor meiner Zeit bei SOS-Kinderdorf war ich zwanzig Jahre in verschiedenen Positionen in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen tätig. Ich habe diverse Zusatzqualifikationen gemacht, darunter Supervision, Coaching und Organisationsentwicklung, Mediation, Stressmanagement und Burnout Prävention sowie psychosoziale Beratung bei Trauma. Nebenberuflich führe ich eine eigene Praxis als Coachin und Supervisorin und bin als Dozentin am Kolleg für Sozialpädagogik tätig.
Was verstehst du unter guter Führungskultur?
Gute Führungskultur bedeutet für mich vor allem Vertrauen, Verantwortung zu übertragen und Mitarbeiter*innen die Möglichkeit zu geben, innerhalb klarer Rahmenbedingungen selbständig zu arbeiten. Gleichzeitig braucht es Klarheit und Struktur, damit sowohl die Mitarbeiter*innen als auch die Kinder und Jugendlichen Halt und Orientierung erfahren. Gemeinsame Erlebnisse, wie Betriebsausflüge und Feierlichkeiten auch mit den Kindern und Jugendlichen, sind für mich Ausdruck von Wertschätzung und schaffen Verbundenheit im Team, auch das gehört für mich zu guter Führungskultur.
Was sind deine wichtigsten Aufgaben als Führungskraft?
Meine Hauptaufgabe ist es, das Team zu stärken und zusammenzuhalten, damit wir gemeinsam die Kinder und Jugendlichen begleiten können, in guten wie in schwierigen Zeiten. Lösungsorientierung steht dabei im Vordergrund: Empathisches Zuhören und das Aushalten von Frustration gehören ebenso zu den Aufgaben wie das gemeinsame Erarbeiten von Lösungen.
Was bedeutet für dich Professionalität? Wie zeigt sich diese im Arbeitsalltag?
Professionalität bedeutet für mich, den Kindern und Jugendlichen mit Offenheit zu begegnen und ihnen nicht eigene Werte und Normen überzustülpen. Gerade weil wir mit sehr unterschiedlichen Biografien, Kulturen und Lebensgeschichten arbeiten, ist es wichtig, dass verschiedene Werte und Haltungen nebeneinander bestehen dürfen und wir individuell darauf eingehen. Neben einer fundierten Ausbildung ist es dabei ebenso wesentlich, die Balance zwischen fachlichem Wissen und Praxis zu finden.
Um die eigene professionelle Identität zu stärken und klare Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben zu schaffen, können bestimmte Rituale helfen: Zum Beispiel kann es hilfreich sein, am Arbeitsplatz die (private) Kleidung vor Arbeitsantritt zu wechseln, um Berufliches und Privates klar voneinander zu trennen. Auch ein Stück zu Fuß zu gehen, anstatt die komplette Strecke mit der Straßenbahn zu fahren, oder auf dem Weg nach Hause ein bestimmtes Lied zu hören, sind Möglichkeiten, die dabei unterstützen können, den Arbeitstag hinter sich zu lassen und wieder im privaten Leben anzukommen. Es braucht viel Übung und Erfahrung, um sich im Arbeitsalltag nicht von den oft bewegenden Schicksalen der Kinder und Jugendlichen vereinnahmen zu lassen, sondern ihnen mit Empathie und dem nötigen Maß an professioneller Distanz zu begegnen.
Was gefällt dir am besten an SOS-Kinderdorf, deinem Arbeitgeber?
Besonders schätze ich die Vielfalt und die zahlreichen Möglichkeiten, mich einzubringen. Aktuell beschäftige ich mich intensiv mit der innerbetrieblichen Gesundheitsförderung - meinem Herzensthema. Mir ist es ein Anliegen, dafür zu sorgen, dass es unseren Mitarbeiter*innen am Arbeitsplatz gut geht. Nach zehn Jahren bei SOS-Kinderdorf habe ich eine vertraute Basis und mache meinen Job einfach gern.
Besondere Erlebnisse, die dir im Gedächtnis geblieben sind:
Es sind oft die kleinen, wertschätzenden Momente und Feierlichkeiten mit den Kindern, die die Arbeit besonders machen. Besonders stolz bin ich auf die gelebte Willkommenskultur für Kinder und Jugendliche mit Fluchthintergrund in unserem Team. Wir sind ein Kinderdorf für alle Kinder und Jugendlichen und setzen uns dafür ein.
Hast du einen Tipp für neue Mitarbeiter*innen und Berufseinsteiger*innen, die sich für einen Job bei SOS-Kinderdorf interessieren?
Mein wichtigster Tipp: Bleibt neugierig und gebt euch Zeit, im Arbeitsalltag anzukommen. Die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien ist sehr sinnstiftend, aber auch emotional fordernd, deshalb ist Selbstfürsorge kein Luxus, sondern notwendig. Offenheit im Team und das Annehmen von Unterstützung helfen enorm. Niemand muss alles sofort können, Lernen gehört hier ganz selbstverständlich dazu.
Vielen Dank, liebe Ksenija, für die inspirierenden Einblicke in deinen Werdegang und deine Tätigkeit bei SOS-Kinderdorf in Wien.