­Clearing-house

Sicherer Hafen für minderjährige Flüchtlinge

In einer Welt voller Unsicherheiten bietet das Clearing-house in Salzburg unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch einen Ort der Stabilität und der Hoffnung.

Von außen sieht das große, mehrstöckige Haus unscheinbar und grau aus, doch sobald man drinnen ist, spürt man, dass es ein liebevolles, warmes Zuhause ist. Alle weißen Wände sind bunt bemalt, Jugendliche laufen umher, spielen Tischfußball, plaudern und lachen. Insgesamt 22 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren können im Clearing-house in Salzburg betreut werden. „Wir nehmen im Clearing-house Kinder auf, das darf man nicht vergessen. Sie benötigen besonderen Schutz und Fürsorge. Es ist ihr Recht und unsere Pflicht, dass sie kindgerechte Hilfe bekommen, ganz egal, wo sie geboren sind,“ erzählt Meline Mazinjan. Sie leitet seit 2019 das Clearing-house. 

 
Im Clearing-house sind die Jugendlichen immer aktiv - egal ob beim Fußball spielen, musizieren, Deutsch lernen oder Haus putzen. 

 

Ankommen im luftleeren Raum

Fast 5000 Kinder und Jugendliche sind im vergangenen Jahr nach Österreich geflüchtet. Krieg und Terror im Heimatland und der schwere Fluchtweg nach Österreich sind für Minderjährige besonders herausfordernd und traumatisierend. „Wenn Kinder und Jugendliche allein nach Österreich kommen, sind sie erst mal im luftleeren Raum. Sie wissen nicht, wie es mit dem Asylverfahren weitergeht und was die nächsten Jahre mit sich bringen. Sie sind orientierungslos - sie haben hier niemanden“, erzählt Meline Mazinjan. „Ganz wichtig ist, dass wir die Jugendlichen durch ein stabiles Umfeld und eine altersadäquate Tagesstruktur auffangen und unterstützen. Das gibt den Jugendlichen Halt und Sicherheit, denn bisher haben sie sehr viel Unsicherheit erlebt. Zudem haben wir Therapieangebote und ein ausgebildetes Fachteam bestehend aus Pädagog*innen, Sozialarbeiter*innen und Psycholog*innen, die gemeinsam mit den Jugendlichen das Erlebte aufarbeiten.“ Die Pädagog*innen stehen den Jugendlichen bei allen Fragen zur Seite – egal ob zu Gesundheit, Ausbildung oder zum Asylverfahren. Zusätzlich hat jede*r Jugendliche eine*n Bezugsbetreuer*in, der*die als enge Vertrauensperson immer zur Verfügung steht. Ziel ist es, die jungen Geflüchteten schließlich in ein selbstbestimmtes Leben zu begleiten.

Meline Mazinjan

„Wenn Kinder und Jugendliche allein nach Österreich kommen, sind sie erst mal im luftleeren Raum. Sie wissen nicht, wie es mit dem Asylverfahren weitergeht und was die nächsten Jahre mit sich bringen. Sie sind orientierungslos - sie haben hier niemanden.“

Meline Mazinjan

Helfen Sie mit

Diese individuelle Betreuung macht einen unglaublichen Unterschied für jeden einzelnen geflüchteten jungen Menschen und ist nur mit Hilfe von Spenden möglich. DANKE! 

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Sprachbarrieren überwinden

Um ein Ankommen in Österreich, Selbstständigkeit und Integration zu fördern, gibt es ein volles Programm im Clearing-house. Schon früh morgens geht es los mit dem Deutschkurs im hauseigenen Klassenzimmer. Montag bis Freitag wird hier die Schulbank gedrückt, Rechtschreibung und Aussprache geübt und Grammatik erklärt. Es gibt vier verschiedene Gruppen, die nach Leistung aufgeteilt sind, und nur aus bis zu zehn Personen bestehen. So kann im Unterricht auf jeden Jugendlichen einzeln eingegangen werden. „Wir haben keinen zeitlichen Druck, bis wann ein*e Jugendliche*r einen gewissen Sprachstand erreicht haben muss, sondern je nachdem, was sie auch an Kenntnissen mitbringen, können wir ganz individuell auf den Bildungsbedarf eingehen“, erzählt Meline Mazinjan.

 

Schreiben, Sprechen, Verstehen - von Montag bis Freitag gibt es im Clearing-house einen hausinternen Deutschunterricht. 

 

„Nichts ist unmöglich“

Die Motivation der jungen Geflüchteten ist groß, sie alle wollen Deutsch lernen, um schnellstmöglich in Österreich Fuß fassen zu können. Auch Judi aus Syrien wollte die sprachliche Hürde schnell überwinden. Er hat bis vor Kurzem selbst in der Wohngruppe des Clearing-house gewohnt. „Ich würde sagen, wenn man was will, kann man alles schaffen. Es ist nichts unmöglich. Ich habe gleich nach meiner Ankunft Deutsch gelernt, das war schwierig. Aber ich habe mein Ziel nie aus den Augen verloren, bin immer morgens um 6 Uhr aufgestanden, ich wusste ich muss das durchziehen“, erzählt der heute 18-Jährige. Aufgrund seines schnellen Fortschrittes konnte er bereits nach kurzer Zeit in das Betreute Wohnen von SOS-Kinderdorf ziehen. Im Betreuten Wohnen beziehen die jungen Erwachsenen eigene Wohnungen außerhalb des Hauses, um noch mehr Verantwortung zu übernehmen. „Das Clearing-house hat mir sehr geholfen. Die Zeit, die ich hier verbracht habe, war Training für mein eigenes Leben. Wir haben zusammen geputzt und gekocht, damit wir das in der Zukunft selbst schaffen können.“ 

Judi

„Ich habe gleich nach meiner Ankunft Deutsch gelernt. Ich habe mein Ziel nie aus den Augen verloren, bin immer morgens um 6 Uhr aufgestanden, ich wusste ich muss das durchziehen.“

Judi

Alle helfen mit

Genauso wie Judi packen auch die aktuellen Bewohner*innen im Clearing-house mit an. Zwei Arbeitstrainer – einer für Küchenarbeit und einer für die Infrastruktur – bringen den Jugendlichen wichtige Fähigkeiten für das eigene Leben bei. Ab dem späten Vormittag steht für einige der Jugendlichen der Putzdienst an. Mit der brummenden Scheuersaugmaschine reinigen die Jugendlichen alle Flächen des Hauses. Währenddessen wird in der Küche bereits zusammen Gemüse geschnippelt und Fleisch mariniert. 15.000 Mahlzeiten werden hier pro Jahr zubereitet. „Im Clearing-house helfen wir alle zusammen, damit der Alltag ähnlich wie in anderen Familien gestaltet ist – das gemeinsame Essen spielt dabei eine große Rolle. Die Jugendlichen sind wirklich fleißig“, erzählt Koch Michael. „Sie sind aber natürlich genau gleich wie österreichische Jugendliche – sie haben ihre Launen und manchmal auch weniger Lust“, Michael grinst wissend. Heute gibt es Fleischspieße mit Reis, dazu einen Salat und als vegetarische Variante Spinatknödel.

 

Hassan hat heute Kochdienst. Gemeinsam mit Arbeitstrainer Michael mariniert er Fleischspieße und bereitet einen Salat zu. 
 

Im Clearing-house helfen wir alle zusammen, damit der Alltag ähnlich wie in anderen Familien gestaltet ist – das gemeinsame Essen spielt dabei eine große Rolle. 

Michael
Koch im Clearing-house

 

Ein Nachmittag voller Talente

Am Nachmittag startet ein vielfältiges Angebot im Clearing-house, denn alle Pädagog*innen bringen ihre persönlichen Talente in den Alltag ein. Es gibt Kunstworkshops, Sport- und Musikunterricht, Theaterprojekte und es werden Ausflüge zusammen unternommen. An diesem Dienstag ertönen Popsongs aus dem obersten Raum im Clearing-house. Pädagog*innen spielen Gitarre und Schlagzeug, die Jugendlichen trommeln und singen mit. Die Stimmung ist fröhlich, die Musik ansteckend, alle haben Freude daran, gemeinsam etwas zu schaffen. Ein junger Erwachsener – Jano – begleitet auf der Gitarre und wippt im Takt mit. Jano hat selbst in der Wohngruppe und im Betreuten Wohnen gewohnt. Er ist häufig zu Besuch im Clearing-house, beteiligt sich am Theater- und Musikworkshop mit den Jugendlichen. „Ich komme immer gerne ins Clearing-house, es gibt den ganzen Tag Programm, und das macht so viel Freude“, erzählt der 18-Jährige. „Die Betreuer*innen haben mich von Anfang an herzlich aufgenommen, sie helfen einem wirklich bei allem weiter. Man kommt in ein neues Land, neue Kultur, neue Sprache, das war am Anfang sehr herausfordernd. Hier habe ich das erste Mal gemerkt, ich bin willkommen. Nun möchte ich etwas zurückgeben und helfe deshalb als Freiwilliger im Clearing-house.“

 

Jano (links) hat bis vor Kurzem selbst im Clearing-house gewohnt. Er kommt regelmäßig vorbei um mit den Jugendlichen und den Pädagog*innen zu musizieren. 

„Wir kommen nicht zum Spaß nach Österreich“

Jano kommt aus Syrien. Innerhalb von nur einem Jahr hat er Deutsch gelernt, sodass er nun in den Workshops im Clearing-house dolmetschen kann. In Österreich begegnen ihm dennoch auch Menschen, die ihn nicht willkommen heißen. „Ich möchte, dass die Menschen mehr Verständnis zeigen: Bei uns herrscht Krieg, wir kommen nicht zum Spaß nach Österreich. Ich vermisse mein Land, meine Familie, unser Haus. Aber wenn Krieg ist, kann man nichts machen, der macht weder vor Kinder noch vor Frauen und Männer Halt“, erzählt Jano. Meline arbeitet nun schon seit zwölf Jahren mit Flüchtlingen zusammen. Auch sie wird immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert. „Am häufigsten hört man, Flüchtlinge seien faul und sie würden den Staat finanziell belasten, wären nicht integrationswillig. Tatsächlich erleben wir genau das Gegenteil. Die Jugendlichen sind motiviert. Sie gehen gern in die Schule, in die Deutschkurse und möchten so rasch wie möglich in den Arbeitsmarkt integriert werden.“

 

Jano spricht bereits fließend Deutsch und dolmetscht nun in Workshops - wie im Schauspielkurs - für jene Jugendlichen, die erst seit Kurzem in Österreich sind. 

 

Der Wunsch endlich anzukommen

Judi und Jano sind zwei von zahlreichen Erfolgsgeschichten aus dem Clearing-house, die genau das beweisen. „Mich ärgern die Vorurteile. Wir wollen Deutsch lernen, das ist nicht meine Muttersprache und ich verstehe jetzt schon alles. Ich arbeite, ich will keine Probleme machen“, betont Jano. Inzwischen ist der 18-Jährige komplett selbstständig und lebt in seiner eigenen Wohnung. Er hat große Ambitionen, möchte nach seinem Schulabschluss Schauspieler werden. Auch Judi hat ein Ziel, er möchte nach der Schule eine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker machen. Egal mit welchen jungen Menschen man im Clearing-house spricht, eines wird klar: Sie alle haben den großen Wunsch anzukommen und ein normales Leben führen zu dürfen.

Jano

„Bei uns herrscht Krieg, wir kommen nicht zum Spaß nach Österreich. Ich vermisse mein Land, meine Familie, unser Haus. Aber wenn Krieg ist, kann man nichts machen, der macht weder vor Kindern noch vor Frauen und Männer Halt.“

Jano

Junge Menschen in die Selbstständigkeit begleiten

 

  • Das Clearing-house Salzburg ist eine pädagogische Wohneinrichtung des SOS-Kinderdorf für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Alter von 14–17 Jahren.
  • Seit der Gründung im Jahr 2001 haben mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Ländern, wie Syrien, Palästina, Afghanistan, Türkei, Ukraine, und Somalia, im Clearing-house einen sicheren Hafen gefunden.
  • Um die Selbstständigkeit der jungen Menschen zu fördern, gibt es neben den Einzelzimmern der Wohngruppe, auch hausinterne Trainingswohnungen. Jugendliche, die bereits selbstständiger sind, übernehmen dort mit eigenem Putz- und Einkaufsplan noch mehr Eigenverantwortung.
  • Ermöglicht wird die Betreuung zum Großteil durch Spendengelder. Die Betreuung geflüchteter Kinder und Jugendlicher wird nicht im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe, sondern über die Grundversorgung finanziert und entspricht nicht einmal der Hälfte der finanziellen Mittel, die für andere fremdbetreute Kinder in Österreich zur Verfügung stehen.
  • Ein Kind ist ein Kind, ganz egal wo es geboren ist. Deshalb fordert SOS-Kinderdorf, dass geflüchtete Kinder in Not ebenso kinderrechtskonform behandelt werden wie österreichische Kinder, und macht sich für eine Gleichbehandlung und kindgerechte Betreuung stark.

 

Folge 31

SOS-Kinderdorf schafft Zukunftsperspektiven für junge Geflüchtete, die ganz allein nach Österreich kommen.

Jährlich flüchten tausende Kinder und Jugendliche nach Österreich. Sie haben im Krieg oder auf ihrer Flucht oft schreckliche Dinge gesehen und erlebt. Viele sind traumatisiert und auf sich allein gestellt. 
Das Clearing-house in Salzburg ist für Kinder und Jugendliche ein Ort der Stabilität und der Hoffnung. Wie die Betreuung aussieht und mit welchen Vorurteilen die Jugendlichen konfrontiert werden, erzählt die Leiterin Meline Mazinjan im Podcast. 

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