SOS- Kinderdörfer in Tunesien

Die tunesische Revolution, die im Dezember 2010 ausgebrochen war, zog die Aufmerksamkeit der Medien aus der ganzen Welt auf sich. Die Protestbewegung vertrieb den tunesischen Pr√§sidenten und beendete so seine jahrzehntelange Herrschaft. Die Proteste l√§uteten den Beginn eines neuen Zeitalters ein. SOS-Kinderdorf unterst√ľtzt in Tunesien bed√ľrftige Kinder und Jugendliche im Rahmen von Kindertagesst√§tten und Bildungsangeboten.


Spielende Kinder (Foto: SOS-Archiv)

Tunesien liegt in Nordafrika und grenzt an Algerien und Lybien. Die Hauptstadt ist Tunis, die Gesamtbev√∂lkerung bel√§uft sich auf etwa 10,4 Millionen. Aufgrund seiner strategisch wichtigen geographischen Lage hatte Tunesien schon immer eine gro√üe Rolle im Mittelmeerraum gespielt. Nach dem Ende der franz√∂sischen Besatzung im Jahr 1956 kam in Tunesien eine s√§kular orientierte Regierung an die Macht, die mehr Freiheiten f√ľr Frauen und die Abschaffung der Polygamie propagierte.

Zu Beginn des Jahres 2011 musste der fr√ľhere Pr√§sident Ben Ali nach 24-j√§hriger Amtszeit aufgrund von landesweiten Massenprotesten das Land verlassen. Die tunesische Revolution wird als Ausl√∂ser f√ľr tiefgreifende politische Ver√§nderungen in mehreren arabischen Staaten, darunter auch √Ągypten und Lybien, angesehen. Seit Januar 2011 befindet sich Tunesien in einem √úbergangszustand.

Die Landwirtschaft, die Industrie und der Dienstleistungssektor stellen die wichtigsten S√§ulen der tunesischen Wirtschaft dar. Die wachsende Zahl der Touristen vom europ√§ischen Festland hat dem Tourismussektor vor allem in den Badeorten zunehmend an Bedeutung verliehen. Dar√ľber hinaus ist Tunesien auch ein beliebter Produktionsstandort f√ľr europ√§ische Firmen, vor allem da die Stundenl√∂hne bei nur 0,75 Euro liegen.

Obwohl das Land in der Vergangenheit recht stabil war, haben Aktionen militanter Islamisten in den vergangenen Jahren immer wieder Angst und Schrecken verbreitet. Im Jahr 2002 kamen bei einem Selbstmordanschlag in Djerba 21 Menschen ums Leben. Das Attentat f√ľhrte zu einem drastischen R√ľckang der Touristenzahlen.

Armut treibt viele Menschen nach Europa

Im Vergleich zu den meisten anderen afrikanische Nationen ist Tunesien in relativ stabiles Land mit einem hohen Grad an menschlicher Entwicklung. Seit der Unabhängigkeit ist die Lebenserwartung kontinuierlich gestiegen und die Säuglingssterblichkeitsrate gesenkt worden. Das Pro-Kopf-BIP ist seit den 70er Jahren um jährlich circa drei Prozent gestiegen.

Nichtsdestotrotz ist die sozioökonomische Situation vieler Menschen nach wie vor alarmierend. Im Jahr 2010 lag die offizielle Arbeitslosenquote bei 13 Prozent. Schätzungsweise ist diese Zahl in Wirklichkeit wesentlich höher. Obwohl Armutsbekämpfungsprogramme erste Erfolge aufweisen, leben Tausende von Menschen nach wie vor auf den untersten Stufen der sozioökonomischen Leiter, und die meisten von Armut betroffenen Menschen leben auf dem Land.

Jedes Jahr versuchen zahlreiche tunesische Auswanderer, in nur bedingt seetauglichen und h√§ufig √ľberf√ľllten Booten die K√ľsten Italiens zu erreichen. Viele dieser Menschen setzen f√ľr die √úberfahrt ihr Leben aufs Spiel. Aufgrund der Ereignisse zu Beginn des Jahres 2011 entschlossen sich etwa 20 000 junge Tunesier dazu, ihr Land zu verlassen und in Europa ein besseres Leben zu suchen. Tunesien ist sowohl Herkunfts-, Bestimmungs- als auch Transitland f√ľr Opfer von Menschenh√§ndlern, die f√ľr die Verrichtung von Zwangsarbeiten und zur sexuellen Ausbeutung verschleppt werden.

Einigen Untersuchungen zufolge m√ľssen etwa 30 Prozent aller M√§dchen in Tunesien als Haushaltshilfen arbeiten, bevor sie das 14. Lebensjahr erreicht haben. Manche sind gerade mal sieben Jahre alt. Viele dieser M√§dchen berichten von Misshandlungen, k√∂rperlichem und sogar sexuellem Missbrauch. Obwohl das Bildungssystem seit der Unabh√§ngigkeit deutlich verbessert worden ist, k√∂nnen nach wie vor circa 20 Prozent der Tunesier weder lesen noch schreiben. Mit weniger als 0,1 Prozent ist die HIV-Pr√§valenzrate sehr niedrig.


Gemeinsames Zeichnen (Foto: SOS-Archiv)

37 Prozent der Tunesier sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes wird f√ľr den Bildungssektor ausgegeben, und ein tunesisches Kind geht im Durchschnitt 14,5 Jahre lang zur Schule. Obwohl die Einschulungsrate mit 98 Prozent sehr hoch ist, brechen Tausende von Grundsch√ľlern jedes Jahr die Schule ab. Aufgrund ihrer prek√§ren sozio√∂konomischen Situation k√∂nnen es sich viele Familien nicht leisten, ihre Kinder weiter zur Schule zu schicken. W√§hrend der Protestbewegung zu Beginn des Jahres 2011 mussten zahlreiche Schulen den Betrieb einstellen. Nach der Einsetzung der √úbergangsregierung konnten viele wieder ge√∂ffnet werden.

In Tunesien wachsen 130 000 Waisenkinder ohne elterliche F√ľrsorge auf. Viele dieser Kinder m√ľssen ganze Familien ern√§hren. Kindergef√ľhrte Haushalte befinden sich in einer √§u√üerst schwachen sozio√∂konomischen Position. Kleine Kinder m√ľssen h√§ufig arbeiten, um Geld zu verdienen. Viele von ihnen k√∂nnen deshalb nicht zur Schule gehen. In Tunesien gibt es neben der Kinderarbeit auch das Ph√§nomen der Kinderprostitution. Nichtsdestotrotz sind die Raten lange nicht so hoch wie in vielen anderen afrikanischen Staaten.

 

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