BAUSTELLE: BILDUNGSALLTAG

Wenn die Schule ins Dorf kommt


Während des Lockdowns erprobte SOS-Kinderdorf neue Formen der Lernbetreuung. Ein Experiment, von dem gerade Kinder mit sozialen und kognitiven Beeinträchtigungen profitieren konnten. Sie kommen im starren Schulsystem manchmal zu kurz

Autorin: Anna Radl

Von heute auf morgen den Alltag umkrempeln: Mit dieser Herausforderung waren auch die SOS-Kinderdörfer konfrontiert. Und was macht man, wenn die Kinder nicht in die Schule gehen können? Für Hannes Schwarzgruber, pädagogischer Mitarbeiter im SOS-Kinderdorf Altmünster in Oberösterreich, war die Antwort klar: Die Schule kommt zu ihnen ins Dorf!

Aus dem Familien-Rathaus wurde die Dorf-Schule

Schnell war ein vierköpfiges Team für die Dorfschule gefunden und ein Plan erstellt, mit dem die Kinder aus neun unterschiedlichen Häusern im SOS-Kinderdorf jeden Tag für zumindest zwei Stunden betreut werden konnten, ohne dass sich die jeweiligen Gruppen überschneiden durften. 

Um genügend Platz fürs gemeinsame Lernen zu schaffen, wurden kurzerhand diverse Besprechungszimmer im Familien-Rathaus zu Klassenzimmer umfunktioniert. "Allein schon die räumliche Abgrenzung zu ihrer üblichen Umgebung hat den Kindern beim Lernen geholfen. In den zwei Stunden bei uns war dann wirklich konzentriertes Lernen angesagt. Natürlich war auch bei uns nicht jedes Kind jeden Tag gleich motiviert. Aber durch die individuelle Betreuung konnten wir alle sehr gut zum Mitmachen bewegen", sagt Schwarzgruber.

Erhöhte Aufmerksamkeit

Der große Vorteil der Dorfschule: Die Kinder waren nicht daheim. Wo sich in anderen Familien die Eltern ihr Homeoffice mit den Kindern teilen mussten, konnten sich die Lernbetreuerinnen und -betreuer in Altmünster in einem neutralen Umfeld auf die Unterstützung der Kinder konzentrieren. Auch die kleinen Gruppen von maximal vier Kindern waren ein großer Vorteil. "Manchen Kindern hat diese erhöhte Aufmerksamkeit richtig gutgetan. Ich denke da etwa an ein paar Jugendliche, die mit den Regeln an ihren normalen Schulen nicht so gut zurechtkommen. Bei ihnen konnte ich in den Wochen des Lockdowns enorme Entwicklungen beobachten", so Schwarzgruber.


In den Kleingruppen kann man Rücksicht auf das individuelle Tempo, die Tagesverfassung und den jeweiligen Wissenstand nehmen. Konnten sich die Kinder einmal nicht konzentrieren, dann haben sie eben eine Entspannungs- oder Bewegungseinheit gemacht.

Julie Melzer
Leiterin des SOS-Kinderdorfs in Stübing

 

Ähnlich positive Erfahrungen mit dem Homeschooling hat man auch im SOS-Kinderdorf Stübing in der Steiermark gemacht, erzählt Standortleiterin Julie Melzer:

"In den Kleingruppen kann man Rücksicht auf das individuelle Tempo, die Tagesverfassung und den jeweiligen Wissenstand nehmen. Konnten sich die Kinder einmal nicht konzentrieren, dann haben sie eben eine Entspannungs- oder Bewegungseinheit gemacht. Konnten sie sich besser konzentrieren, wenn sie liegend gelernt haben, dann haben sie eben ihre Arbeitsaufträge am Boden erledigt."

Neugierig und lernwillig

Gerade Kinder mit sozialen, emotionalen und kognitiven Beeinträchtigungen kommen im starren Schulsystem manchmal zu kurz – genau dort setzte das Homeschooling in Stübing an. "Im Endeffekt hat sich die Krise ein Stück weit als Chance entpuppt, die kognitiven, digitalen und sozial-emotionalen Kompetenzen sowie die Selbständigkeit der Kinder und Jugendlichen zu stärken", sagt Melzer.


Wir haben wieder mal gesehen: Kinder sind von Natur aus neugierig und lernwillig, wenn sie einen Sinn im Lernen sehen, wenn es einen Bezug zu dem hat, was ihnen gerade wichtig ist.

Julie Melzer
Leiterin des SOS-Kinderdorfs in Stübing

 

In Stübing will man auf diese positiven Erfahrungen auch nach der Krise noch zurückgreifen: "Wir haben wieder mal gesehen: Kinder sind von Natur aus neugierig und lernwillig, wenn sie einen Sinn im Lernen sehen, wenn es einen Bezug zu dem hat, was ihnen gerade wichtig ist. Ganz sicher werden wir uns nach Schulschluss die Gelingensfaktoren vom Homeschooling noch mal genau anschauen. Und ja, wer weiß, vielleicht entsteht daraus ein neues Projekt – dieses Mal dann ein freiwilliges."

macht externe Kommunikation für SOS-Kinderdorf.

Anna Radl

macht externe Kommunikation für SOS-Kinderdorf.

Vom Sorgenkind bis zum kleinen Lernwunder

Viele Expertinnen und Experten befürchten, dass der Bildungs-Gap durch Corona wächst. Eine Lehrerin aus einer Wiener Mittelschule hält für SALTO an drei Beispielen fest, wie unterschiedlich Schülerinnen und Schüler die unterrichtsfreie Zeit erlebt haben

 

Yasmin, 13
hat in der Krise das Lernen erst so richtig für sich entdeckt. Um sie habe ich mir während des Lockdowns große Sorgen gemacht – unberechtigterweise, wie sich später herausgestellt hat. Sie hat sich immer sehr schwer getan in der Schule und bekommt zu Hause keine Unterstützung von ihren Eltern. Sie hat auch weder einen Computer noch ein eigenes Handy. Trotzdem hat sie als einzige ihrer Klasse online alle Aufgaben erledigt – am Handy ihrer Mutter. Auch alle Aufgabenpakete hat sie bearbeitet. Jetzt ist Yasmin sehr motiviert, sie freut sich jeden Tag aufs Lernen.

 

Valentina, 12
ist eine der besten der Klasse und war vor der Schulschließung sehr fleißig. Während der Corona-Zeit hatte sie wenig Zeit, ihre Aufgaben zu erledigen - weil sie ihrem kleinen Bruder sehr oft helfen musste. Sie hat ihren Tag um den Tag ihres Bruders herumgeplant und war dafür verantwortlich, dass er seine Hausübung macht. Valentina selbst kam oft erst am späten Nachmittag oder abends zu ihren eigenen Aufgaben. Valentina und ihr Bruder sind an denselben Tagen in der Schule. Sie muss immer erst ihrem Bruder mit den Aufgaben helfen, bevor sie mit ihren anfangen kann und sagt, sie ist dann oft schon sehr müde.

 

Patrick, 14
hatte bereits zuvor große Lernschwierigkeiten. Er hat sich vor der Schulsperre nicht getraut, uns zu sagen, dass er kein WLan und keinen PC hat. Vermutlich aus Scham. Dennoch hat er die Online-Aufgaben teilweise sehr fleißig erledigt. Wir haben erst vor Kurzem erfahren, dass die Familie Handy-Guthaben aufladen musste, damit Patrick und seine Geschwister via Internet für die Schule lernen konnten.  Im normalen Schulbetrieb bekam Patrick drei Mal die Woche in der Schule Unterstützung beim Lernen. Diese Lernstunden am Nachmittag fehlten ihm sehr. Am ersten Schultag nach der Sperre kam Patrick nicht. Er ist immer wieder krankgemeldet. Wie wir ihn benoten werden, wissen wir noch nicht.
 

Namen der Kinder geändert

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