BAUSTELLE: KLIMASCHUTZ

"Die Politik muss nur wollen - auch beim Klimaschutz!"

Massive Einschnitte für alle, um Menschen vor einer Bedrohung zu schützen: Beim Kampf gegen Corona ist das gelungen – warum nicht auch bei der Klimakrise? Ulrike Pröbstl-Haider, Forscherin an der Wiener Boku, über Hürden und mögliche Lösungen.  

Autorin: Andrea Heigl

Corona hat uns gelehrt, wie schnell Politik und Gesellschaft auf eine Krise reagieren können, wenn es sein muss. Haben Sie sich hin und wieder gedacht: Eigentlich bräuchten wir nach dem Corona-Shutdown gleich einen Klima-Shutdown?

Pröbstl-Haider: Natürlich fühlen sich diejenigen jetzt bestätigt, die auf die normative Kraft des Staates setzen, denn wir haben alle gemerkt: Die Politik muss nur wollen und sie muss klare Ziele haben – natürlich auch verbunden mit einem gewissen Rückhalt in der Bevölkerung. Dann sind Veränderungen sehr schnell möglich. Neben den Vorgaben "von oben" gibt es auch die Strategie des "Nudgings", des "Schubsens", also des Setzens von positiven Anreizen, damit wir uns – ohne es bewusst wahrzunehmen – klimafreundlicher verhalten. Ist die Zugfahrt kostengünstig und angenehm, entfällt auch noch die Suche nach einem teuren Parkplatz, dann ändern wir eher unser Verhalten.

Ulrike Pröbstl-Haider

Die Effekte des Klimawandels reichen weit über die eigene Lebenszeit hinaus - und dennoch muss ich heute etwas tun. Das ist oft schwer zu vermitteln.

Ulrike Pröbstl-Haider

In der Corona-Krise wurde massiv mit dem Thema Angst operiert. Fürchten wir uns vor der Klima-Krise zu wenig?

Ja, das ist ein wichtiger Gesichtspunkt. Das ist einfach zu weit weg. Die Folgen des Klimawandels treffen die übernächste Generation. Wir sprechen hier von der Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder. Wer diese Betroffenheit nicht sieht, hat das Gefühl, ihn oder sie gehe die Klimakrise nichts an. Die Effekte des Klimawandels reichen weit über die eigene Lebenszeit hinaus - und dennoch muss ich heute etwas tun. Das ist oft schwer zu vermitteln.

 

Einige Klimaforscherinnen und -forscher fordern eine Art Generationenvertrag, nach dem Motto: Die  Jungen haben bewiesen, dass sie die Alten schützen wollen und können, jetzt muss es umgekehrt sein. Unterstützen Sie das?

Ich kann‘s schon nachvollziehen. Der Anteil der älteren Wählerinnen und Wähler ist in Österreich sehr hoch und vielfach konservativ geprägt. Wenn diese Einstellungen in der Politik besonders viel Gehör finden und damit die Zukunftsperspektive der Enkelgeneration einschränken, ist das bedenklich. Aber natürlich gibt es auch in dieser Generation jene, die den Klimawandel ernst nehmen. Meine Eltern setzen sich zum Beispiel für den Biodiversitäts- und Klimaschutz ein, weil sie sich davon eine positive Veränderung für die kommenden Generationen erhoffen.

Ist die Wissenschaft nicht in der Pflicht, Szenarien aufzuzeigen, die Betroffenheit in allen Bevölkerungsgruppen schaffen?

Natürlich. Aber die große Schwierigkeit besteht darin, den Lebensstil, die Werte und Einstellungen von Menschen verschiedener Generationen zu beeinflussen. Dies gilt umso mehr, wenn dem die eigene Lebenserfahrung entgehen steht. Viele ältere Menschen haben ja noch den Krieg beziehungsweise die Nachkriegszeit und damit auch echten Mangel erlebt. Jüngere Menschen können leicht sagen: Ich brauche ja nicht jeden Tag Fleisch. Aber für die ältere Generation ist es eine Errungenschaft, sich das leisten zu können. Verzicht hat einen anderen Stellenwert, wenn man aus dem Mangel kommt. Problematisch ist natürlich auch, dass es noch immer politische Vertreterinnen und Vertreter gibt, die eine effektive Klimapolitik für nicht notwendig erachten und damit zur Verunsicherung in der Bevölkerung wesentlich beitragen.

 

Was nehmen Sie sich für Ihre wissenschaftliche Arbeit aus der Corona-Krise mit?

Auf jeden Fall, wie wichtig die Freiraum-Versorgung der städtischen Bevölkerung ist. Ich glaube, dass so manchen Stadtplanern die Augen aufgegangen sind. Viele Städte haben ja während der Corona-Krise mit Straßensperren oder Begegnungszonen öffentlich zugänglichen Raum geschaffen, insbesondere für Kinder. Warum kann man nicht generell an Feiertagen oder Wochenenden bestimmte Straßen sperren und damit die Lebensqualität in der Stadt erhöhen? Und ich glaube, viele von uns haben mehr über die Bedeutung von Naherholung gelernt. Diese Natursehnsucht ist jetzt ganz überwältigend spürbar, manche Ausflugsdestinationen werden ja regelrecht überrannt. Was ich mir auch wünschen würde ist, dass insbesondere Familien darüber nachdenken, was sie brauchen, um sich zu erholen. Muss es wirklich eine Fernreise mit fünf oder sechs Stunden Flug sein? Oder reicht nicht Kindern auch ein Urlaub mit kurzer Anreise in einer vertrauteren Umwelt? Wenn wir uns das vor Augen führen, könnte Corona tatsächlich nachhaltig positive Folgen für das Klima haben.

 

Univ.-Prof. Dr. Ulrike Pröbstl-Haider ist Professorin für Erholung und Tourismus am Institut für Landschaftsentwicklung, Erholungs- und Naturschutzplanung der Universität für Bodenkultur Wien.

ist Chefin vom Dienst bei SALTO.

Andrea Heigl

ist Chefin vom Dienst bei SALTO.

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