BAUSTELLE: MEHR FAMILIENZEIT

"Wir sind uns fast nicht an die
Gurgel gesprungen"

 Neue Schmähnamen, liebevoll formulierte Befehle, gemeinsame Ausflüge in die Natur: Musiker Matthäus Bär hat für SALTO aufgeschrieben, was er Gutes aus der Lockdown-Zeit mit seiner Famlie mitnimmt

Autor: Matthäus Bär

Allem voran: Es geht uns gut. Wie viele andere auch, haben wir verschiedene Stadien der Isolation erlebt. Anfangs aufgeregt und leicht chaotisch bemüht, Home-Schooling, Home-Office und Hausarbeit unter einen Hut zu bringen. Dann routiniert und fast entspannt die Langsamkeit auskostend, mit absurdem Gekoche und täglichen gemeinsamen Exkursionen. Und in Anbetracht der Schulteilwiederöffnung und des drohenden Alltagslebens dann gleich wieder hektisch und nervös.


Wir haben viel über uns gelernt und konnten die Wirkung diverser innerfamiliärer Rollen und Verhaltensmuster genießen. 

Matthäus Bär
Musiker

Trotz der ständigen, 65 Tage andauernden und begleitungslosen Familienaufstellung sind wir uns nie gegenseitig an die Gurgel gesprungen. Okay, zumindest fast nicht. Wenn man bedenkt, dass wir mehrere Wochen ausschließlich uns selbst ausgeliefert waren, ist das durchaus beachtlich. Überhaupt haben wir viel über uns gelernt und konnten die Wirkung diverser innerfamiliärer Rollen und Verhaltensmuster genießen. Irgendwie haben wir auch mehr zueinandergefunden. Zugegeben, das war natürlich durch den Mangel an anderen Sozialkontakten bedingt, aber trotzdem.

"Mein lieber Bühnenheini"

Die große Tochter setzt nun zum Beispiel liebkosende Attribute vor die Schmähnamen und Kraftausdrücke, mit denen sie mich beschenkt. Jetzt bin ich nicht mehr nur "irgendein Bühnenheini", sondern "mein lieber Bühnenheini". Das ist doch was! Und die kleinere Tochter sagt jetzt immer "Danke, guter Vater!", wenn ich ihren Kommandos folge und ihr die verlangten Dinge reiche. Den süffisanten Unterton dabei ignoriere ich liebevoll.

Aber auch wir Erwachsenen sind uns nähergekommen. Früher etwa haben wir uns nie innige Kurznachrichten um 22.30 Uhr zwischen Pop-Up-Office und Wohnzimmer geschrieben: "Bist du mit deinen Mails fertig? Ist das Schlafzimmer bald frei? Muss schlafen gehen." Ach.

Reingeklopft und abgeschickt

Auch arbeitstechnisch ließ sich eine gewisse Zielstrebigkeit feststellen. Die wenige Zeit, die für Erwerbsarbeit übrig geblieben ist, musste einfach bestmöglich genutzt werden. Ähnlich den Videokonferenzen, bei denen der Smalltalk wegfällt und alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer relativ schnell zum Punkt kommen, hab ich auch im Umgang mit mir selbst alle Zweifel und Unsicherheiten über Bord geworfen. Tagelang im Kreis gehen und über die richtigen Worte für ein Lied oder einen Text nachdenken? Pah! Das war einmal! Ich hab jetzt genau 25 Minuten für diese 4000 Zeichen? Los geht’s! Reingeklopft und abgeschickt. Ob das der Qualität des so Produzierten immer zuträglich war und ist, sei dahingestellt. Zumindest ist es ... erledigt. Ist auch was. Und auch ich konnte, nicht zuletzt dank diverser Unterstützungsfonds, trotz ausgefallener Konzerte meinen Beitrag zum Familienbudget leisten.


Tagelang im Kreis gehen und über die richtigen Worte für ein Lied oder einen Text nachdenken? Pah! Das war einmal!

Matthäus Bär
Musiker

Wir haben uns in der Zeit des kontaktlosen Lebens aber nicht nur ausschließlich mit uns selbst beschäftigt, sondern auch mit unserer Umgebung. So haben wir die Wien und seine Ausläufer, Ufer und versteckten Wälder intensiv erkundet. Unter keinen anderen Umständen hätte ich derart schöne und spannende Plätze gesehen.

Neu entdeckte Wienliebe

Na gut, zu viele andere Reiseoptionen hatten wir jetzt nicht. Aber selbst wenn es bloß das Ergebnis eines verkorksten Stockholm-Syndroms ist, muss ich jetzt einfach sagen: Ich liebe Wien. Und das hätte ich vorher auch nie öffentlich zugegeben. 

Nichtsdestotrotz werden die Folgeschäden natürlich enorm sein. Mehrere Wochen auf engstem Raum mit den eigenen Eltern eingepfercht zu sein und auch noch von selbigen unterrichtet zu werden, kann für keine Menschen- und Kinderseele gesund sein. 

Jedenfalls: Gemeinsam haben wir allen Hindernissen getrotzt und die zwischenmenschlichen und finanziellen Bedrohungen, aber auch alle innerfamiliären 70er-Jahre-Disco-Abende und Perfekte-Dinner-Wettbewerbe verhältnismäßig unbeschadet überstanden. Und wir können uns noch immer erhobenen Hauptes in die Augen schauen. Wir wissen, wir haben uns lieb. Und darum geht es schlussendlich.  

schreibt Lieder und Texte für Kinder und Eltern.

Matthäus Bär

schreibt Lieder und Texte für Kinder und Eltern.

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