BAUSTELLE: KINDERRECHTE 

Generation Corona – wie systemrelevant sind Kinder?

Wirtschaft vor Bildung und Betreuung: Corona hat gezeigt,
dass die Anliegen von Kindern und Jugendlichen nicht
im Zentrum politischer Überlegungen stehen. Hier muss dringend nachgebessert werden, sagen Expertinnen und Experten. 

Autor: Philipp Hacker-Walton

Das gemütlichere Aufstehen und Frühstücken; das tägliche gemeinsame Mittagessen; die Lesestunde danach, in der wir es dreieinhalbmal durch die Pippi-Langstrumpf-Gesamtausgabe schafften - all das hat bei uns Zuhause die Zeit des Lockdowns geprägt. Einerseits.

Andererseits: Der Spagat zwischen Home-Office und Kinderbetreuung; die vielen Ungewissheiten; die schwierigen Erklärungen, wieso man Freundinnen und Freunde, Oma und Opa jetzt nur am Bildschirm sehen kann. Auch das war prägend. Genauso wie die immer wiederkehrenden, immer häufiger werdenden Fragen des Großen, wann die rot-weiß-gestreiften Absperrbändern von den Spielplätzen verschwinden und der Kindergarten wieder aufsperrt. Gemischt mit dem seltsamen Gefühl, dass offenbar – jedenfalls der öffentlichen Debatte und den Maßnahmen nach zu urteilen – Baumärkte und Frisöre doch wichtiger sein dürften als alle Orte, an denen Kinder betreut und bespaßt werden könnten.

Gesund ist nicht nur gleich Virus-frei

"Die Maßnahmen waren fokussiert auf die Abwehr der Viruserkrankung, auf den Gesundheitsaspekt. Aber Gesundheit heißt nicht nur, frei vom Virus zu sein. Die Kinderrechte wurden in der Coronakrise aus unserer Sicht zu wenig beachtet, sie sind zu wenig in die Überlegungen eingeflossen", sagt Andrea Holz-Dahrenstaedt von der Kinder- und Jugendanwaltschaft Salzburg im Gespräch mit SALTO. "Eine zentrale Forderung lautet daher, dass künftig in allen Krisenstäben Kinderrechtsexperten sitzen sollen, beispielsweise, um abzuwägen, was ein Lockdown für Kinder und Jugendliche bedeutet."

 

 Künftig müssen in allen Krisenstäben Kinderrechtsexperten sitzen, die die Folgen verschiedener Maßnahmen für Kinder und Jugendliche abwägen.

Andrea Holz-Dahrenstaedt
Kinder- und Jugendanwältin

 

Beispiel Home-Office: In der Regierungskampagne entspannt-idyllisch dargestellt – eine Mutter schaut von der Arbeit am Laptop auf und lässt sich von ihrem Sohn etwas im Schul-Atlas zeigen, beide lächeln dabei entspannt –, in der Realität hingegen in vielen Fällen belastend. "Home-Office mit Kleinkindern ist teilweise wie ein Kelomat", sagt Holz-Dahrenstaedt: "Wenn die Nerven blank liegen, mit Schlafentzug, Überforderung, Stress und Sorgen, kann man kein geduldiger Vater und keine geduldige Mutter sein." Stress und Gewalt in den Familien seien gestiegen.

Diskriminierende Unterschiede

Birgit Schatz von SOS-Kinderdorf verweist darauf, dass die auch von Österreich unterzeichnete UN-Kinderrechtskonvention als ein Prinzip den Schutz vor Diskriminierung aufweist: "Die Rahmenbedingungen, wie Kinder die Lockdown-Phase ohne Schule und Kindergarten erlebt haben, waren unterschiedlich und diskriminierend. Es macht einen Unterschied, ob beispielsweise ein Elternteil in Karenz ist, ob man im Home-Office arbeiten kann oder ob beide Elternteile außer Haus arbeiten müssen. Die Rahmenbedingungen der Eltern wirken sich auf die Chancen der Kinder aus, etwa bei der Bildung." 

 


Die Regierung hat gesagt: Die Kinder bleiben zu Hause - und niemand hat sich gekümmert, wie das funktionieren kann. 

Birgit Schatz
Kinderrechtsexpertin SOS-Kinderdorf

 

Stichwort Bildung: ebenfalls ein Kinderrecht, ebenfalls vernachlässigt, so Schatz: "Der Staat hat dieses Recht einfach ausgesetzt. Er hat die Verantwortung auf die Eltern übertragen, ohne einen Rahmen vorzugeben." Die Regierung, kritisiert Schatz, habe gesagt: "Die Kinder bleiben zu Hause – und niemand hat sich gekümmert, wie das funktionieren kann."

 

Kindeswohl ist nachrangig

Beide Expertinnen konstatieren, dass Kinder und ihre Rechte in den politischen Überlegungen keine Priorität hatten. Schatz: "Viele Sektoren haben viel Aufmerksamkeit und Budgetmittel bekommen, während das Kindeswohl nachrangig behandelt wurde, das ist bedenkenswert." Holz-Dahrenstaedt: "Kinder sind bei allen Verordnungen und Maßnahmen sehr spät im Fokus der Politik. Wenn es aber um systemrelevante Gruppen geht, sind Kinder die systemrelevanteste, die es gibt." Dies sollte man bei künftigen Maßnahmen und Lockerungen berücksichtigen, fordert Holz-Dahrenstaedt: "Wir sind in Sorge, was die junge Generation betrifft. Ein paar Regeln kann man gut behalten, Händewaschen ist immer gut, auch ohne Corona, ebenso das Niesen in die Ellenbeuge. Aber was macht das mit Kindern, wenn es heißt, Kontakt ist gefährlich? Wenn man sagt: Komm mir nicht zu nahe, sonst passiert etwas Schreckliches?"

Unser Großer, in der Lockdown-Phase vier geworden, ist jetzt wieder im Kindergarten. Die elterlichen Sorgen über einen schwierigen Wiedereinsteig haben sich als unbegründet erwiesen. Papa wurde am ersten Tag mit Blitz-Verabschiedung nach Hause geschickt: "Tschüss, ich muss jetzt gehen."
 

ist Journalist bei den NÖ Nachrichten und lebt mit seiner Familie in Wr. Neustadt.

Philipp Hacker-Walton

ist Journalist bei den NÖ Nachrichten und lebt mit seiner Familie in Wr. Neustadt.

Kinder und Jugendliche sind HeldInnen der Krise

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