"Wir haben sie nicht aufgegeben"
Soziale Arbeit im SOS-Kinderdorf: Herausforderungen und Haltung im Alltag
Sabine Postl-Messner hat ihr Studium in Erziehungs- und Bildungswissenschaften absolviert und ist seit März 2010 bei SOS-Kinderdorf. Sie arbeitet in einer Wohngemeinschaft für Mädchen in Graz.
„Als ich vor 16 Jahren im Kinderdorf begonnen habe, kamen die Kinder und Jugendlichen aus schwierigen Familienverhältnissen. Psychiatrische Diagnosen waren da eher im Vergleich zu heute eine Seltenheit. Die Jugendlichen waren außerdem in einer realen sozialen Welt eingebunden. Auch das hat sich vor allem durch die digitale Welt geändert. Heute kommen Jugendliche mit psychischen Störungen zu uns, bringen Themen mit, wie Isolation, Schulangst/Schulverweigerung, Mediensucht, geringer Selbstwert, Drogenkonsum in frühen Jahren, massive Traumata, um nur einige zu nennen.“
Sich in einer zunehmend schneller werdenden Zeit zurechtzufinden, ist eine Aufgabe, die viele Jugendliche belastet, somit auch in der Betreuung herausfordernd ist. „Die zusätzlichen Faktoren von außen, Social Media, Verfügbarkeit von Suchtmitteln, schädlichen Medieninhalten, nehmen natürlich viel Einfluss auf eine gelingende Zusammenarbeit.“
„Transparenz und Meldeplattformen sind notwendig“
Nicht nur das Klientel hat sich verändert, auch das Arbeiten im SOS-Kinderdorf selbst, was die junge Sozialpädagogin sehr begrüßt. „Ich sehe die Entwicklung in Richtung Transparenz und Meldeplattformen etc. als unbedingt notwendig. Solange im Sinne des Kinderschutzes gearbeitet wird, habe ich auch keine Sorge etwas falsch zu machen. Wir müssen im Alltag manchmal Entscheidungen treffen, die die Jugendlichen oft nicht gleich nachvollziehen können, die aber für ihre Entwicklung notwendig sind oder sie vor Schaden schützen.“ Dem zunehmenden Maß an Dokumentationsarbeit steht die Sozialpädagogin positiv gegenüber. „Auch wenn die umfassende Dokumentation oft als etwas überbordend angesehen wird, so ist sie notwendig, um unser pädagogisches Handeln abzubilden. Man muss sich einfach bewusst sein, dass wir in einem sehr sensiblen Bereich beschäftigt sind.“
„Ein gutes Gespür für Nähe und Distanz“
Pädagogische Arbeit im SOS-Kinderdorf bedeutet, in emotional höchst herausfordernden Situationen Halt und Orientierung zu geben, Stabilität zu schaffen. Wie das geht? „Durch Ausdauer, viel Geduld, ein gutes Gespür für Nähe und Distanz, viel Humor und Freude an der Auseinandersetzung mit den Themen der Jugendlichen. Und mit einem hohen Maß an Selbstreflexion und authentischem Auftreten.“ Ausdauer hat sich erst jüngst im Fall eines Mädchens bewährt, die als 13-jährige schwer traumatisiert in die Betreuung kam und bereits im Drogenmilieu tief verankert war.
„Wir haben sie nicht aufgegeben“
„Sie war die ersten 6 Monate immer wieder abgängig und schwer erreichbar. Wir haben sie nicht aufgeben und aufsuchend gearbeitet, haben Plätze besucht, wo sie sein kann, ihr Schokolade, Trinken und Essen vorbeigebracht und die Botschaft hinterlassen – wir sind da für dich, du weißt, wo du uns findest, wir freuen uns auf dich.“
Nach einigen Monaten des nicht „Lockerlassens“ hat das Mädchen Vertrauen gefasst, und konnte schließlich 6 Jahre positiv betreut werden. „Auch wenn die heute junge Erwachsene nicht mehr in unserer Betreuung ist, holt sie sich nach wie vor Rat bei uns ein, wenn sie sich in Lebenssituationen unsicher ist.“
„Misserfolg gehört dazu“
Nicht immer gelingt es, Jugendliche zu halten, trotz allen Bestrebens. „Misserfolg erleben wir auch, wenn zum Beispiel Loyalitätskonflikte so groß sind, dass sich die Kinder oder Jugendlichen einfach nicht gut auf die Betreuung einlassen können, weil die leibliche Familie die Unterbringung nicht mitträgt. Aber es ist wichtig auch anzuerkennen, wenn Jugendliche einen anderen Weg für sich wählen und zu vertrauen, dass die Arbeit, die geleistet wurde, ein Samen war, der vielleicht erst in der Retrospektive zu keimen beginnt.“
„Eine sinnstiftende Aufgabe“
Die Motivation mit Kindern und Jugendlichen mit schwer beladenen Biografien zu arbeiten, liegt für Sabine Postl-Messner klar auf der Hand. „Junge Menschen zu begleiten, die aus diversen Gründen nicht die optimalen Startvoraussetzungen für ein erfülltes, selbständiges Leben hatten, empfinde ich als sinnstiftende Aufgabe.“