Das Magazin von SOS-Kinderdorf

Dann geht die Tür wieder auf

Vor fünf Jahren zog Tristan in eine Wohngruppe von SOS-Kinderdorf. Damals hatte er Probleme sich in sozialen Beziehungen zurecht zu finden und positiv in die Zukunft zu blicken. Heute lebt er in einer eigenen Wohnung und hat einen klaren Plan für die nächsten fünf bis zehn Jahre. Einen großen Anteil daran hat SOS-Kinderdorf Pädagogin Munkhtsetseg Jalbuu.

Reportage: Anika Dang, Fotos: Julie Brass
 

 

„Früher hätte ich nie daran gedacht, dass ich heute an diesem Punkt bin“, sagt Tristan als wir uns zum Gespräch in einem Fitnessstudio in Vösendorf treffen. Bis vor zwei Jahren hatte der 19-Jährige noch kein Interesse an Bodybuilding. Dazu gekommen ist er über seinen damaligen Fußballtrainer. Aus einmal die Woche Krafttraining wurde Tristans große Leidenschaft.

Sein Ziel ist es eines Tages ein eigenes Fitnessstudio zu führen. Schon solche konkreten Zukunftspläne zu haben – und überhaupt so positiv nach vorne blicken zu können –, ist für Tristan nicht selbstverständlich. „Meine Einstellung zum Leben hat sich komplett verändert. Das habe ich dir zu verdanken“, sagt er mit Blick zu Munkhtsetseg Jalbuu – genannt Mugi. Die 50-Jährige arbeitet als Pädagogin in einer Wohngruppe von SOS-Kinderdorf. Tristan war dort ihr erster Bezugsjugendlicher (siehe Kasten).

Florian Albert
Ein starkes Team - Tristan und seine Bezugsbetreuerin Munktsetseg Jalbuu, genannt Mugi. Seit seinem Einzug in eine Wohngruppe von SOS-Kinderdorf begleitet sie ihn. 

Höhen und Tiefen

Beide starten ihre gemeinsame Reise als er im Sommer 2017 in eine Wohngruppe von SOS-Kinderdorf für Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren einzieht. „Ich war damals schnell beleidigt, wenn etwas nicht so lief, wie ich es wollte. Mir war es wichtig mich immer durchzusetzen”, erzählt Tristan. „Mugi war wie eine Mentorin an meiner Seite und hat mir gezeigt, wie ich mit Situationen besser umgehen kann.”

Der Weg dahin sei nicht immer leicht gewesen. Gerade zu Beginn sei sie öfter vor verschlossener Tür gestanden. „Ich habe dann gesagt: ‚Ich bleibe bis du aufmachst!‘“, erinnert sich Mugi. „Das darf man auch nicht persönlich nehmen. So ist das bei jungen Menschen manchmal. Irgendwann kommt die Frage: ‚Bist du noch da?‘ – und dann geht die Tür wieder auf.“

Heute beschreibt die 50-Jährige die Anfangsphase ihrer Beziehung als einen Lernprozess für beide Seiten: „Die ersten zwei Jahre hatten wir einige Höhen und Tiefen. Dann hat er verstanden, dass ich wirklich nicht weggehe.“ Auch wenn sie heute noch manchmal streiten würden, solange sie am Ende des Tages wieder lächelnd auseinandergehen, sei alles gut.

 

Die erste eigene Wohnung

Tristan erweist sich damals innerhalb der WG schnell als sehr eigenständig. Bereits wenige Monate nach seinem Einzug schlagen ihm die Betreuer*innen vor, in eine eigene kleine Wohnung umzuziehen. Nach etwas Bedenkzeit und in Absprache mit Mugi, fasst er einen Entschluss. Mit Anfang 16 zieht er in seine eigene Trainingswohnung. „Umziehen bedeutet immer Stress. Das noch neben Schule und Arbeit zu machen, ist nicht leicht“, sagt die 50-Jährige. Nun wohnen die beiden nur wenige Gehminuten voneinander entfernt.

Wichtige Lektionen fürs Alleinleben hat Tristan bereits in der Wohngruppe von SOS-Kinderdorf gelernt: Kochen, Putzen und Einkaufen stehen auch dort an der Tagesordnung. „In der eigenen Wohnung war es dann trotzdem anders. Da war kein zweites Paar Augen, das nochmal in die kleinste Ecke schaut, ob es da noch etwas zu machen gibt. Das war dann meine Verantwortung“, sagt der 19-Jährige. „Ich habe ihm gleich gesagt, ich werde den Haushalt nicht für ihn machen“, merkt Mugi lachend an.

Krafttraining ist Tristans große Leidenschaft - und mittlerweile ein essentieller Bestandteil seiner Zukunftspläne. 

Blick nach vorne

Fast ein Jahr lang hat Tristan zuletzt im Fitnessstudio gearbeitet, bevor er eine Pause eingelegt hat, um sich voll und ganz auf die Matura zu konzentrieren. Im Herbst möchte er das Bachelorstudium Sportwissenschaften beginnen und wieder nebenbei arbeiten. Danach könnte der 19-Jährige sich vorstellen noch einen Master anzuhängen oder Physiotherapie zu studieren. Schon in den nächsten Jahren hat er viel vor: Er möchte sich als Trainer selbstständig machen, andere beraten und sein Studio gründen.

Wenn Lehrkräfte ihn und seine Mitschüler*innen nach ihren Zukunftsplänen fragen, zeigen sich deutliche Unterschiede. Er ist der Einzige, der schon einen Fünf-bis-Zehn-Jahresplan im Kopf hat: „Darüber denke ich schon häufig nach. Viele hätten mir das wahrscheinlich nicht zugetraut. Gleichzeitig denke ich, dass ich auch zielstrebiger sein muss als andere in meinem Alter, um meine Träume zu verwirklichen.“

Früher sei Tristan in der Schule sehr zurückhaltend gewesen, habe wenig gesprochen. „Gerade als alles neu war – neue Schule und der Umzug in die WG – hat es schon gedauert, bis ich mich zurechtgefunden habe und die Vergangenheit hinter mir lassen konnte“, sagt er rückblickend. Über die Jahre habe er aber gute Freund*innen in seiner neuen Umgebung gefunden: „Ich bin mehr aus mir rausgegangen, habe ihnen gezeigt, wie ich lebe und wie ich mir meine Ziele setze. Ich würde schon sagen, dass sich manche meine Denkweise ein bisschen abgeschaut haben. Umgekehrt habe ich genauso viel von ihnen mitgenommen.“

 

Kein Ende in Sicht

Das Gefühl erwachsen zu werden, sei ihm zum ersten Mal kurz vor seinem 18. Geburtstag gekommen: „Bei dem Gedanken daran, bin ich richtig nervös geworden. Obwohl ich schon fast zwei Jahre allein gewohnt habe, hatte ich Angst vor den neuen Verpflichtungen, die auf mich zukommen würden.“ Diese Sorgen habe ihm Mugi aber ziemlich schnell wieder ausgetrieben: „Ich habe ihm versichert, dass alles genauso weitergeht wie bisher.“

Bis zum 21. Geburtstag kann die Betreuung zwischen SOS-Kinderdorf und einem jungen Erwachsenen unter bestimmten Bedingungen aufrecht bleiben. Sobald die finanzielle Unterstützung der Kinder- und Jugendhilfe für Tristan wegfällt, wird er sich eine günstigere Wohnung suchen müssen. An der Beziehung zwischen Mugi und ihm wird aber das Ende der offiziellen Betreuung und ein weiterer Umzug nicht viel ändern – da sind sich beide sicher. „Selbst wenn ich es wollen würde, sie würde nie gehen“, sagt der 19-Jährige lachend. Ebenso ist sich Mugi sicher, dass Tristan seine Ziele erreichen wird.

„Er kann alles schaffen, was er sich vornimmt. Das sage ich ihm auch immer wieder. Wenn er mich fragt, warum ich das glaube, werfe ich die Frage zurück: ‚Hast du denn einen Grund, es nicht zu schaffen?‘“, sagt die Pädagogin. „Mein Erfolg hängt von ihm ab und seiner von mir. Am Ende sind seine Träume also auch meine Träume.”

Was sind Bezugsbetreuer*innen? 

Knapp 13.000 Kinder und Jugendliche in Österreich können aus unterschiedlichen Gründen nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen. Im Jahr 2021 fanden rund 1.700 von ihnen bei SOS-Kinderdorf vorübergehend oder längerfristig ein neues Zuhause. Die familiären Lebenssituationen, Erfahrungen und Bedürfnisse der betreuten jungen Menschen sind sehr unterschiedlich. Bei SOS-Kinderdorf soll jedes Kind genau die individuelle Hilfe und Betreuung bekommen, die es braucht. Neben SOS-Kinderdorf-Familien gibt es Wohngruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, wie etwa die Wohngruppe Anninger für männliche Jugendliche in Möllersdorf.

In dieser Wohngruppe werden neun Jugendliche rund um die Uhr von ausgebildeten Pädagog*innen betreut. Sie arbeiten im Team und wechseln sich im Dienst ab. Jedem Jugendlichen wird ein*e sogenannte*r Bezugsbetreuer*in zur Seite gestellt. Als enge Vertrauenspersonen arbeiten sie in Einzelbetreuung mit den Jugendlichen, begleiten sie zu Terminen oder machen gemeinsame Ausflüge. In Niederösterreich können die Bezugsbetreuer*innen ihre Jugendlichen auch beim Übergang in die Selbstständigkeit begleiten. Sie bekommen neben ihrer Arbeit in der Wohngruppe ein Stundenmaß zur Verfügung, um ihren Bezugsjugendlichen beim Umzug in eine eigene Wohnung zu unterstützen und weiterhin im Alltag zu begleiten.

Normalerweise enden die Betreuung und Unterstützung per Gesetz mit Erreichen der Volljährigkeit. In vielen Fällen, wenn die Jugendlichen noch mehr Zeit für die Verselbstständigung brauchen, verlängert die Kinder- und Jugendhilfe die Betreuung. Allerdings gibt es dafür keinen Rechtsanspruch. Ob verlängert wird oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab und wird regional unterschiedlich gehandhabt. Damit alle Jugendlichen die gleichen Rechte, Bedingungen und Chancen haben, fordert SOS-Kinderdorf eine bundesweit einheitliche Linie und klare gesetzliche Regelung.

Schreiben Sie uns!

Wir freuen uns über Ihre Meinung! Schreiben Sie uns Ihren Leserbrief an salto@sos-kinderdorf.at.
(Mit der Einsendung stimmen Sie einer möglichen Veröffentlichung im nächsten Salto-Magazin zu.)

Verpassen Sie nie wieder ein SALTO!

Jetzt SALTO abonnieren und viele weitere spannende Geschichten entdecken!