Alle Gefühle bekommen ihren Raum

Wut ist wichtig. Sie zeigt unsere Grenzen auf. Doch was genau den brodelnden Vulkanausbruch samt schreien, schimpfen, schlagen und stampfen verursacht hat, ist nicht immer leicht auszumachen. Es hat oft mit gefühlter Hilflosigkeit, Frustration, Ablehnung, Enttäuschung, Überforderung oder Verlustangst zu tun. Für die pädagogischen Teams bei SOS-Kinderdorf gehört es zum Alltag, dass neben vielen freudvollen Momenten auch Gefühle wie etwa Traurigkeit und Wut ihren Platz haben. "Wir sind da", sagt Nicole Cerny, pädagogische Leiterin in Niederösterreich und betont, wie wichtig das Aushalten und Reflektieren von herausfordernden Situationen ist. Es gehe darum, Kinder und Jugendliche bei Gefühlsausbrüchen zu begleiten und nicht zu verurteilen.

Wenn ein Kind die Chance hat, Gefühle zu erleben, kann es lernen, mit den eigenen Bedürfnissen umzugehen. "Für uns heißt Kinderschutz auch, den Kindern Raum zu geben für all ihre Emotionen, ihre Ausdrucksformen, ihre Ängste, ihre Sorgen, ihre Wut, sowie da zu bleiben und ihnen zu helfen, ihre Reaktion und Situation zu verarbeiten", erörtert Christian Rudisch, pädagogischer Geschäftsleiter von SOS-Kinderdorf.

Emotionen spüren wir im Körper

Ob Herzschlag, Muskelanspannung oder auch Hauttemperatur – Gefühle haben einen direkten Einfluss auf unseren Körper. Mit zunehmendem Alter nehmen Kinder ihre Emotionen differenzierter wahr. Es startet beim "gut" versus "schlecht fühlen" im Kleinkindalter. Später können wir bewusster den "Kloß im Hals", die "Schmetterlinge im Bauch" oder "schlotternde Knie" erkennen. Freude durchdringt meist den gesamten Körper, stärkt das Immunsystem und gilt erfreulicherweise sogar als ansteckend.

Gefühle helfen Kindern auch, ihre Bedürfnisse zu entdecken. Und manchmal machen sie sichtbar, dass sie mit einer Situation überfordert sind. Eine Trennung kann für ein Kind bedrohlich wirken und große Ängste auslösen. Damit Kinder, die nicht bei ihren Eltern leben können und bei SOS-Kinderdorf vorübergehend oder langfristig ein neues Zuhause finden, sich möglichst gut eingewöhnen können, finden sie hier ein auf ihre Bedürfnisse pädagogisch abgestimmtes Umfeld.

In emotionalen Krisen unterstützen

Traumatisierte Kinder tun sich oft schwer mit ihren Gefühlen umzugehen und sie zu regulieren. Manche ziehen sich zurück und leiden im Stillen. Andere gehen durch starke Stimmungsschwankungen. Manche rebellieren wütend und lautstark gegen die gefühlte Ohnmacht, der sie sich ausgeliefert sehen.

Wenn ein Kind chronisch unter Stress steht, weil es existenziell bedrohliche Situationen erlebt hat, beeinträchtigt das seine kognitive und soziale Entwicklung. Traumata können etwa dazu führen, dass ein junger Mensch Informationen nicht gut verarbeiten kann, dass lernen oder sich zu konzentrieren besonders schwerfällt. Kinder, die hingegen gute und verlässliche Erfahrungen in ihrem Leben gemacht haben, bauen leichter Vertrauen zu anderen Menschen auf, als jene mit einem schweren seelischen Rucksack.

Die Kinder brauchen dazu Sicherheit und Zeit in einer stabilen, verlässlichen und geduldigen Umgebung. Außerdem ist emotionale Unterstützung wichtig, indem Gefühle einfühlsam anerkannt werden und dabei geholfen wird, sie zu verstehen.

In der pädagogischen Betreuung geht es daher viel um begleiten, aushalten und trösten. Wichtig ist, Gefühle nicht zu bewerten, nach dem Motto: Es gibt keine guten oder schlechten Gefühle, alle sind berechtigt und wichtig.

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