Vorgeschichte des SOS-Kinderdorf Hinterbrühl

Die Kunst, glücklich zu sein

Seit 1957 finden Kinder und Jugendliche im SOS-Kinderdorf Hinterbrühl ein neues Zuhause. Doch bereits lange davor war das Grundstück ein Ort der Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit: Im Zweiten Weltkrieg bot Karl Motesiczky auf seinem Anwesen jüdischen Familien Unterschlupf und rettete damit unzählige Leben.

Zeitreise

Das Anwesen, auf dem sich heute das SOS-Kinderdorf Hinterbrühl erstreckt, war seit Generationen im Besitz großbürgerlicher jüdischer Familien. In der Mitte des Areals – auf dem heutigen Fußballplatz – stand die Villa Todesco. Sie war ein herrschaftliches Gebäude mit 18 Zimmern (manche 15 und 20 Meter lang), vorn zwei geschwungenen Freitreppen, die mit Geranien und Blattpflanzen eingesäumt waren, und einer Eingangshalle mit edlem Mosaikboden und antiken Statuen. Als die ehrwürdige Villa durch unterirdische Quellen baufällig wurde und abgerissen werden musste, zog die Familie 1939 ins sogenannte „Schweizerhaus“. Außerdem gab es Pferdeställe, einen Tennisplatz, Glashäuser, einen Rosengarten, zwei Springbrunnen und ein großes und ein kleines Salettl auf dem paradiesischen Landsitz.

Auf diesem großzügigen Grundstück verbrachte die Familie Motesiczky ihre Sommer und mit ihnen fand hier ein Teil des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens der damaligen Zeit statt. Seit jeher gingen auf dem Gut in Hinterbrühl KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen und Gelehrte ein und aus. Hugo von Hofmannsthal war ebenso ein Freund der Familie wie Sigmund Freud, der jahrelang die leidende Anna von Lieben mit Psychoanalyse therapierte. Anna von Lieben war Karl Motesiczkys Großmutter und diente Freud mit ihrer Krankheit als Lehrbeispiel für seine Theorien. Unter dem Namen Cäcilie M. ging sie als eine seiner ersten Patientinnen in die Medizingeschichte ein.

Auch der Maler Max Beckmann war zu Gast in der Hinterbrühl und inspirierte Karls Schwester Marie-Louise, die bereits seit ihrer Kindheit malte und später seine Schülerin und eine bekannte Künstlerin wurde. Und Robert Lieben legte in der Hinterbrühl den Grundstein für die Verstärkerröhre, mit der er die Radiotechnik revolutionieren sollte:

"Hier hat unser Onkel Robert Lieben als junger Mann die Vorbereitungen zur Erfindung der 'Lieben-Röhre' getroffen. Er konnte und wollte keine gewöhnliche Schule absolvieren und man ließ ihn basteln und gewähren", erinnert sich Marie-Louise.

Karl Motesiczky selbst war ein vielseitig interessierter Intellektueller und Psychoanalytiker. Nach einigen Jahren im Ausland kehrte er 1938 nach Wien zurück und beschloss, auch nach dem Einmarsch der deutschen Truppen hier zu bleiben. Seine Mutter Henriette und Schwester Marie-Louise verließen Österreich am 13. März 1938, einen Tag nachdem Hitler einmarschiert war. Karl folgte ihnen nicht ins Exil, er blieb in Österreich, um sich den Entwicklungen entgegen zu stellen. Dass dies eine bewusste Entscheidung war, geht aus einem Brief seiner Schwester Marie-Louise hervor. Er erklärte ihr, dass er dort bleiben wollte, "wo er helfen kann, wenn einmal 'etwas anderes kommt'. Wenn alle, die gegen Hitlers Regierung sind, das Land verlassen, wer wird dann helfen, jemals etwas anderes aufzubauen."

Diesen Worten ließ Karl Motesiczky Taten folgen: Ab Sommer 1938 wurde sein Anwesen in der Hinterbrühl zu einer Zufluchtsstätte für Jüdinnen und Juden. Karl Motesiczky bot FreundInnen und Bekannten dort Unterschlupf und versorgte sie auch in Wien mit Essen, als sie ihre Lebensmittelkarten nicht mehr in Anspruch nehmen konnten.

 

Das Schweizerhaus der Familie Motesiczky steht immer noch und wird heute im SOS-Kinderdorf Hinterbrühl als Therapiezentrum genutzt.


Während Motesiczky nahestehende Personen bei Fluchtvorbereitungen unterstützte, bemühte er sich parallel darum, den kostbaren Hausrat seiner Mutter und die Bilder seiner Schwester in Sicherheit zu bringen und das Anwesen in der Hinterbrühl vor dem Zugriff der Nationalsozialisten zu schützen. Gemeinsam mit einem Anwalt gelang ihm das eine ganze Weile. In Briefen an seine Mutter und Schwester beschreibt er die Zeit trotz aller widrigen Umstände als glückliches Leben.

"Und wie geht es Euch? Seid ihr immer noch sooo unzufrieden, oder ist es Euch gelungen, Euer Dasein ein bisschen sinnvoller zu gestalten? Das ist doch so leicht, wenn man sich bemüht, nicht nur für sich, sondern auch für andere da zu sein."

Im Herbst 1939 gründete Karl Motesiczky gemeinsam mit Ella und Kurt Lingens und anderen Freundinnen und Freunden eine Widerstandsgruppe. Im Sommer 1942 bat ein ehemaliger Studienfreund Ella Lingens, ihn und einige FreundInnen aus Polen in die Schweiz zu schmuggeln. Das Ehepaar Lingens und Karl Motesiczky wollten helfen. Doch bei der Umsetzung ihres Planes wurden sie verraten und am 13. Oktober 1942 von der Gestapo verhaftet. Am selben Tag wurde das Anwesen in Besitz von Karl Motesiczky vom nationalsozialistischen Regime beschlagnahmt.

Im Februar 1943 wurden Ella Lingens und Karl Motesiczky ins KZ in Auschwitz deportiert, wo Karl Motesiczky wenige Monate später im Lagerkrankenhaus starb. Er bezahlte mit dem Leben für seine selbstlose Hilfe.

Weiterhin ein Ort der Menschlichkeit

Nach Kriegsende erhielt die Familie das Grundstück im Zuge eines Restitutionsverfahrens zurück. Marie-Louise und ihre Mutter Henriette beschlossen jedoch, dauerhaft in England zu bleiben und – obwohl es ihnen nicht leicht fiel – ihren Besitz zu verkaufen. Zwei Jahre versuchten sie, einen Käufer zu finden, bis ihnen Mitte der 50er-Jahre Hermann Gmeiner den Vorschlag machte, auf dem Grundstück ein SOS-Kinderdorf zu errichten. Obwohl Mutter Henriette die Idee gefiel, war sie anfangs gegenüber Hermann Gmeiner misstrauisch. Der Abschied von "der Brühl", wie Henriette das Familien-Anwesen nannte, fiel den beiden Frauen schwer, aber schließlich entschieden sie sich dazu.

Hermann Gmeiner war schon immer ein guter Verhandler gewesen und verstand es, Menschen für seine Idee zu begeistern. So schaffte er es auch, Marie-Louise zu einer Unterstützerin zu machen und sich auf einen Preis zu einigen, den er sich leisten konnte. Marie-Louise willigte ein, dass hier ein neues Zuhause für Kinder entstehen sollte – auch als Andenken an ihren Bruder, der Kinder liebte, aber selbst nie welche hatte.

 

Hermann Gmeiner kurz nach dem Bau des SOS-Kinderdorfes in der Hinterbrühl.


Hermann Gmeiner hatte für den Grundstückskauf sowie den Erwerb der angrenzenden Schumacher-Villa (die dem SOS-Kinderdorf heute als Verwaltungsgebäude dient) die letzten Reserven aufgebraucht. Um den Bau der ersten Häuser zu finanzieren, wandte er sich an die Wiener Bevölkerung und schaffte es, eine Welle der Hilfsbereitschaft und Spenden auszulösen. Im November 1957 wurde das SOS-Kinderdorf Hinterbrühl eröffnet, das bis heute zu einem der größten Europas zählt. Über 1.500 Kinder und Jugendliche fanden seitdem ein liebevolles Zuhause im SOS-Kinderdorf Hinterbrühl.

Im Mai 1961 wurde im unteren Teil des Dorfes ein Gedenkstein für Karl Motesiczky errichtet und 1978 schrieb Hermann Gmeiner einen Brief an Marie-Louise. Er berichtete ihr vom "größten und schönsten SOS-Kinderdorf" und dankte ihr nochmals dafür, dass sie dies mit dem Verkauf des Grundstückes erst möglich gemacht hatte.

Karl Motesiczky war bekannt für seine uneingeschränkte Hilfsbereitschaft und öffnete in Zeiten der Not das Familien-Anwesen in der Hinterbrühl als Zufluchtsort für Verfolgte. Dank der Großzügigkeit seiner Hinterbliebenen ist das Grundstück auch heute noch ein Ort der Menschlichkeit. Kinder und Jugendliche, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen können, finden dort ein neues Zuhause und können ein Stück glückliche Kindheit erleben.

"Alles Gute auf der Welt entsteht nur, wenn einer mehr tut, als er muss", ist eines der bekanntesten Zitate von Hermann Gmeiner.

"Vielleicht besteht die ganze Kunst, glücklich zu sein, in der Kunst, nicht an sich selbst zu denken", schrieb Karl Motesiczky einst an seine Schwester Marie-Louise. (Mai 1939)

Die beiden Männer haben sich nie kennengelernt. Aber sie waren aus ähnlichem Holz geschnitzt. Sie sorgten sich um das Wohl anderer und halfen unbeirrt dort, wo es dringend nötig war.

 

Karl Motesiczk vor der ehemaligen Villa Todesco in der Hinterbrühl. (Foto: Miki Karplus)

 

HAUS DES LEBENS

Das sogenannte „Schweizerhaus“ steht heute noch. Es befindet sich am oberen Ende des SOS-Kinderdorf Hinterbrühl und wird inzwischen „Föhrenhaus“ genannt. Darin befinden sich drei Therapie-Räume für Kinder und Jugendliche sowie die Werkstatt des Dorfmeisters inklusive einer Garage für Traktoren und große Gerätschäften.

Im August 2019 ernannte die Internationale Raoul Wallenberg Stiftung das SOS-Kinderdorf Hinterbrühl zum HAUS DES LEBENS. In Anwesenheit von Aufsichtsratsvorsitzenden Irene Szimak, Danny Rainer von der Internationalen Raoul Wallenberg Stiftung, der Israelischen Botschafterin Talya Lador-Fresher, Landesrätin Ulrike Königsberger-Ludwig sowie Peter-Michael Lingens, Sohn der Widerstandskämpfer Ella und Kurt Lingens und zahlreichen anderen Gästen, wurde in Erinnerung an Karl Motesiczky eine Gedenktafel am ehemaligen Schweizerhaus angebracht. Das Andenken an seine Zivilcourage und selbstlose Hilfsbereitschaft wird damit im SOS-Kinderdorf respektvoll bewahrt und auch in Zukunft wird dieses besondere Grundstück stets ein Ort der Unterstützung und des Schutzes sein.

 

Quellen:
  • Christiane Rothländer: Karl Motesiczky 1904 – 1943 Eine biografische Rekonstruktion
  • Ines Schlenker: Marie-Louise Von Motesiczky: Catalogue Raisonne of the Paintings
  • Notizen für eine Rede von Marie-Louise Motesiczky
  • Niedergeschriebene Erinnerungen von Henriette Motesiczky

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