Das Magazin von SOS-Kinderdorf
Foto: Lukas Lorenz
28. Juni 2017 | Recherchereise

Familie? Können wir!

Vater, Mutter, Kind – das war einmal. Viele Familien sehen längst anders aus als das bürgerliche Idealbild. Doch wenn die alten Rollenbilder nicht mehr gelten, was ist das dann – Familie? Das Protokoll einer Recherchereise.

Es gab in Hellmonsödt so einige Theorien darüber, warum in dem kleinen Bauernhaus am Waldesrand zwei Frauen mit einem Kind eingezogen sind. Manche meinten, Sabine und Nora Naßl seien Schwestern und würden sich um den unehelichen Sohn von einer der beiden kümmern. Andere vermuteten, die beiden seien Mutter und Tochter. In Wahrheit sind sie einfach ein Paar. Sabine hat Lorenz Ende 2015 zur Welt gebracht, im Herbst 2017 wird Nora ein Kind bekommen.
 
Foto: Lukas Lorenz
Ein Bild von einer Familie: Für SALTO haben die Familien selbst auf den Auslöser gedrückt. Lorenz Naßl hat das für seine Familie erledigt. Er lebt mit seinen beiden Müttern am Mühlviertler Waldesrand.


Das Dorf im Mühlviertel haben sie sich ganz bewusst als Wohnort ausgesucht: "Wir wollten weder die Anonymität der Stadt noch eine Siedlung, in der dich der Nachbar fragt, warum du deinen Rasen so lange nicht gemäht hast. Der kleine Bauernhof hier ist unser Traum“, sagt Sabine. Unfreundlich, so erzählen die beiden, sei in Hellmonsödt nie jemand zu ihnen gewesen, ganz im Gegenteil. Aber mitunter ein bisschen verwirrt. Dabei müsste spätestens seit der Geburtsanzeige für Lorenz im Hellmonsödter Gemeindeblatt eigentlich alles klar sein: Nora, Sabine und Lorenz sind eine Familie. Und der Ausgangspunkt einer SALTO-Recherchereise, an deren Anfang die Frage steht: Was ist das eigentlich – Familie?

Für die Feststellung, dass das Modell mit dem Vater als Erhalter, der Mutter als Erzieherin und den zwei oder drei gemeinsamen Kindern längst nicht mehr repräsentativ für die österreichische Durchschnittsfamilie ist, genügt ein Blick in den eigenen Bekanntenkreis.

Als Idealbild scheint dieses Konzept aber noch längst nicht überholt, sagt Ulrike Zartler, Kindheitsund Familiensoziologin an der Uni Wien. Zumal es – historisch betrachtet – ohnehin nur eine kurze Zeitspanne gab, in der die bürgerliche Kleinfamilie das mehrheitliche Modell war, so Zartler: Vielleicht 25 Jahre lang – etwa von 1950 bis 1975.

"Davor waren bäuerliche Strukturen, Industrialisierung, Krieg; und danach kamen die Emanzipation, die Studentenbewegung und die großen Familienrechtsreformen der 1970er- Jahre. Trotzdem: Diese 25 Jahren haben unseren Familienbegriff geformt." Dieser Familienbegriff entspringt dem Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) aus dem Jahr 1811, das in seinen Grundzügen heute noch gültig ist. Familie hat dort per definitionem ein verheiratetes Elternpaar zweier unterschiedlicher Geschlechter zu sein, das die gemeinsamen Kinder in einem gemeinsamen Haushalt großzieht.

Die Realität sieht freilich längst anders aus. Es gibt zunehmend unverheiratete Paare, hohe Scheidungsraten, mehr Patchworkfamilien – und mit der eingetragenen Partnerschaft, sowie dem Recht auf Adoption und künstliche Befruchtung für homosexuelle Paare ist diese Definition erst recht überholt“, sagt Soziologin Zartler.

Die Kinder von Sabine und Nora Naßl entstanden mittels künstlicher Befruchtung. Seit 1. Jänner 2015 gibt es gesetzlich diese Möglichkeit für lesbische Paare – nach einem entsprechenden Urteil des Verfassungsgerichtshofs 2014. Ihre beiden Kinder werden, biologisch betrachtet, denselben Vater haben, einen anonymen Samenspender. Mit 14 Jahren können die Kinder dann entscheiden, ob sie ihn kontaktieren wollen, Rechte oder Pflichten entstehen dem Samenspender daraus nicht.
 

"Ich bin froh, dass wir das Thema Adoption umgehen konnten"

Sabine


Für die beiden war die Bürokratie auch Anlass zum Schmunzeln: „Vater/Elternteil“ stand in dem Formular, in dem sich Nora nach der Geburt von Lorenz eintragen musste. "Wenn die Nora jetzt das Kind bekommt, bin ich der Vater", sagt Sabine lachend. Nicht zuletzt, um sich über Geschichten wie diese auszutauschen, engagieren sich Sabine und Nora im Verein "Familien Andersrum Österreich" (FAmOs). Und Lorenz soll sehen, dass er nicht das einzige Kind mit zwei Müttern oder zwei Vätern ist.

 

Kunterbuntes Patchwork

Szenenwechsel vom Mühlviertler Waldesrand in den Wiener Großstadtdschungel. Die Familie Reisinger-Cortolezis ist wohl das, was man als typische Patchworkfamilie bezeichnen kann: Zwei Kinder hat Nici in die Beziehung eingebracht, Delphine und Rhia haben jeweils unterschiedliche Mütter. Eine Tochter und einen Sohn, Niklas und Lina, hatte Karin schon, als sie und Nici ein Paar wurden. Und gemeinsam haben sie noch Emilio und Xenia bekommen.
 
Foto: Lukas Lorenz
Sieben von acht Mitgliedern der Familie Reisinger-Cortolezis haben es zum SALTO-Shooting geschafft. Ihre Rolle im bunten Patchwork haben mittlerweile alle gefunden.


Zum SALTO-Fotoshooting haben sieben der acht Familienmitglieder Zeit, nur Delphine ist an der Uni. Dass alle gemeinsam rund um einen Tisch sitzen, hat eher Seltenheitswert. Ob es recht kompliziert ist, so eine Familie zu organisieren? „Ach, das passiert so step by step“, sagt Nici. Auch die Ex-Partnerinnen und -Partner seien zum Glück unkompliziert. „Die passen hin und wieder auch auf Kinder auf, die nicht ihre leiblichen sind.“

Als sie ein Paar wurden, haben Nici und Karin die Kinder behutsam zusammengeführt – hatten zwei Wohnungen nebeneinander, machten gemeinsame Ausflüge, ganz normale Familiensachen eben. „Natürlich muss da jeder einmal seine Rolle finden“, erzählen die beiden rückblickend.
 

„Als die Kinder begonnen haben, wie Geschwister miteinander zu streiten, da haben wir gewusst: Es klappt!“

Nicolaus
 

 

Viel Zeit miteinander verbringen und viel reden: Das sieht auch die Soziologin als wichtigste Faktoren, wenn man versucht, aus zwei Familien eine zu machen. „Ein häufiger Fehler ist, zu schnell bestimmte Beziehungen eingehen zu wollen, zum Beispiel zu schnell die Vaterrolle übernehmen zu wollen, ohne dass die Kinder der neuen Partnerin dafür bereit sind“, sagt Ulrike Zartler. Oft fehlen schlicht auch die Begriffe: „Wer will schon eine Stiefmutter sein? Damit verbindet wohl niemand etwas Positives, eher denkt man da an die böse Stiefmutter aus dem Märchen.“ Karin Reisinger nennt die Kinder ihres Mannes „Bonus-Kinder“, ein Begriff, den der bekannte dänische Familientherapeut Jesper Juul geprägt hat. Diese sprechen Karin wiederum mit dem Vornamen an.

 

SOS-Kinderdorf-Familie

Auch für Ines Langstadlinger ist es ganz normal, zu Hause mit ihrem Vornamen angesprochen zu werden. Keines der Kinder, um die sie sich kümmert, nennt sie "Mama". Und das ist völlig in Ordnung für sie: "Die Kinder haben ja leibliche Mütter – und ich kann und will diese nicht ersetzen." Ines ist von Berufs wegen Mutter. SOS-Kinderdorf- Mutter, genauer gesagt.
 
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Groß und vielfältig ist die Familie von Ines Langstadlinger. Sie kümmert sich als SOS-Kinderdorf-Mutter um Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern wohnen können.
Sie lebt mit fünf Kindern im Alter zwischen vier und acht Jahren im urbanen SOS-Kinderdorf im 21. Bezirk. Max, Elisa und Hannah (Namen geändert) wuseln im Garten herum, als SALTO zum Fotoshooting eintrifft.Die beiden anderen Kinder sind bei Freunden in der Nachbarschaft zu Besuch. Ines hat ihren Lebensmittelpunkt hier, in dieser Wohnung, bei den Kindern. Sind die sechs eine Familie?
 
"Wir sind sicher mehr als eine Wohngemeinschaft", sagt sie und wirft einen Blick auf die Zeichnung, die ihr Max vor die Nase hält. "Sehr schön, Max!", sagt sie, streichelt ihm über den Kopf und beginnt aufzuzählen, wer noch aller zur Familie gehört: die leiblichen Eltern und Verwandten der Kinder, die Pädagoginnen, die Ines bei der Betreuung der Kinder unterstützen, ihre eigenen Eltern. Da kann es schon mal eng werden im geräumigen Wohnzimmer.

"Wir sind eine große Patchworkfamilie", sagt Ines, "und können uns aufeinander verlassen." Der Alltag unterscheidet sich kaum vom Alltag anderer Familien. Und doch ist das Zusammenleben nicht ganz so unbelastet wie vielleicht bei anderen. Denn die Kinder haben sich nicht ausgesucht, von ihren leiblichen Eltern getrennt zu leben. Jugendamt und Gericht haben das so entschieden. Da spielen oft psychische Erkrankungen, Sucht, Verwahrlosung oder Gewalt eine Rolle.
 

„Der Schmerz, von den Eltern getrennt zu sein, sitzt bei den Kindern sehr tief und es ist ein Thema, das immer wiederkehrt, bei jedem Kind.“

Ines, SOS-Kinderdorf-Mutter


Der regelmäßige Kontakt zu den leiblichen Eltern sei da sehr wichtig. "Wenn die Kinder wissen, dass es Mama und Papa gut geht und auch die Eltern sehen, dass es ihren Kindern gut geht, dann ist das eine große Entlastung."

Und bei einem Teil der Kinder stehen die Chancen, dass sie eines Tages wieder bei ihren Eltern leben können, gut. Bis es so weit ist, kümmern sich Ines und das dazugehörige Betreuungsnetzwerk von SOS-Kinderdorf darum, dass die fünf möglichst unbeschwert aufwachsen können.

 

Mutter-Tochter-Duo

Knapp 20 Kilometer weiter südlich, in Wien-Simmering, wohnt Sabine Schuh mit ihrer neunjährigen Tochter Isadora. Die beiden sind gut eingespielt. Nicht nur, wenn es um die Erzeugung schräger Töne auf der E-Gitarre geht. Mutter und Tochter haben einen sehr genauen Plan von ihrem gemeinsamen Leben – und der befindet sich in einem dicken roten Buch.
 
Foto: Lukas Lorenz
Sabine Schuh und ihre Tochter Isadora sind nicht nur ein gut eingespieltes Duo, sie haben auch ein gutes Netzwerk um sich.

"Ohne das Ding bin ich ein halber Mensch", sagt Sabine und hält den schon etwas ramponierten Familienkalender in die Höhe. In dem Buch hält sie jeden Termin fest – vom Businessmeeting bis zum Kinderyoga. Und strickt dann den dazu passenden Betreuungsplan für Isadora.

"Wir haben inzwischen ein gutes Netzwerk an Leuten, die auf Isadora aufpassen. Meine Neffen zum Beispiel", sagt Sabine, die als Geschäftsführerin arbeitet. Sabine sieht sich als Alleinerzieherin. Ihre Tochter verbringt zwar regelmäßig Zeit mit dem Papa, die Hauptverantwortung liegt aber bei ihr.
 
"Offen gestanden, kenne ich kein geschiedenes Paar, bei dem es anders ist. Der einzige Alleinerzieher in meinem Umfeld ist verwitwet", sagt Sabine. Die offizielle Statistik bestätigt diesen Eindruck, laut ihr gibt es etwa zehn Mal so viele Alleinerzieherinnen wie Alleinerzieher. Gut ausgebildet und finanziell abgesichert – Sabine passt so gar nicht in das Bild der Alleinerzieherin, das in regelmäßigen Abständen in der politischen Debatte auftaucht. "Mir ist bewusst, dass meine Probleme vergleichsweise klein sind", sagt sie "und trotzdem fällt auch mir auf: Ein gewisses Stigma ist da – völlig unabhängig davon, wie viel du als Alleinerzieherin verdienst und wie harmonisch dein Leben verläuft."

Das Idealbild der Familie von Vater-Mutter-Kind lebe weiter. "Wer das nicht bieten kann – und dann auch noch als Frau Vollzeit arbeitet – wird öfters schief angeschaut." Soziologin Zartler nennt das "Defizit- Orientierung" in der Diskussion rund um Familien: Ein Kind wird "nur" von einem Elternteil erzogen, sagt man dann. Dabei seien gerade Alleinerziehende oft besonders gut darin, sich ein tragfähiges soziales Netz aufzubauen. "Und Kinder kommen sehr gut mit unterschiedlichen Bezugspersonen zurecht."

So sehr sich Familienbilder auch ändern: Die Herausforderungen, die das tägliche Zusammenleben bringt, bleiben durchwegs konstant. So fasst Maria Neuberger-Schmidt von der Elternwerkstatt ihre jahrzehntelange Erfahrung in der Lebens- und Erziehungsberatung zusammen.

"Im Mittelpunkt steht meistens die Frage: Wie schaffe ich meinen Lebensalltag? Und wie stelle ich es an, dass meine Kinder auf mich hören?" Was die Bindung zwischen den einzelnen Familienmitgliedern angeht, bemerkt Neuberger-Schmidt aber sehr wohl Veränderungen. "Die hat sich auf jeden Fall gelockert", sagt sie. "Wir leben in einer Zeit, in der die persönliche Freiheit eine große Rolle spielt – das wirkt sich natürlich auch auf Familien aus."

Wie macht man aus vielen Ichs unter einem Dach ein Wir? "Oft genügen ganz einfache Dinge – wie etwa bewusst gemeinsam eine Mahlzeit am Tag einnehmen und das Mobiltelefon für eine Weile weglegen." Auch gemeinsame Tätigkeiten, und sei es nur das Erledigen von Hausarbeit, fördern das Zusammengehörigkeitsgefühl, so die Expertin, denn: "Ein gutes Team macht glücklich."

 

Die "Normalos"

Carina Hladik, ihr Lebensgefährte Jan Draxler und ihre Kindern Aylin und Aron kommen dem bürgerlichen Idealbild der Kleinfamilie sehr nahe. Carina ist in Karenz, Jan arbeitet viel – dass von der Familie niemand in der Nähe ist, der sie regelmäßig unterstützt, ist für die beiden ein großes Thema.
 
Vater, Mutter, Tochter, Sohn – auch die "Normalos" unter den SALTO-Familien kennen "das ganz normale Familienchaos".

"Seit Aylin auf der Welt ist, haben wir vielleicht drei Nächte ohne die Kinder verbracht. Zeit für uns zu zweit ist ein rares Gut." Dabei haben Carina und Jan ihre Familientauglichkeit gut erprobt: "Zuerst hatten wir Pflanzen, dann zwei Katzen. Das ist alles gut gegangen, dann waren wir bereit für die Kinder."
 
Es amüsiert Carina und Jan, dass sie als "Normalos" durchgehen – "aber es stimmt schon", meint Carina, "bei all unseren Alltagsthemen geht es uns wirklich gut, das ganz normale Familienchaos halt." Und wenn’s zu viel wird, holen sich die beiden auch Unterstützung von einer Familienhelferin. Es gibt sie also noch, die ganz "normale" Familienkonstellation – als eines von vielen unterschiedlichen Modellen. Bleibt trotzdem die Frage: Was ist das überhaupt, Familie?

Die Soziologin Ulrike Zartler antwortet mit einem Satz des deutschen Autors Sten Nadolny: „Jeder weiß es, außer man fragt ihn.“ Und das scheint vielen so zu gehen. Fix ist nur: Keine Familie ist wie die andere.

 

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