Bildungschancen von Care Leavern – erste Ergebnisse

Groinig M., Hagleitner W., Maran T., Sting S.

Im April 2016 startete das Forschungsvorhaben „Bildungschancen und der Einfluss sozialer Kontextbedingungen auf Bildungsbiographien von Care Leavern“. Vor dem Hintergrund der „Bildungsexpansion“ gelten schulische Qualifikationen, berufliche Ausbildungen und tertiäre bzw. postsekundäre Bildungsgänge in der heutigen Gesellschaft als wesentliche Voraussetzung für die Realisierung von Lebensoptionen und für die Führung eines gelingenden, erfolgreichen und selbständigen Lebens. Aus zahlreichen Studien ist jedoch bekannt, dass Bildungschancen je nach Bevölkerungsgruppe bzw. sozialer Herkunft ungleich verteilt sind und dass Adressant_innen der Kinder- und Jugendhilfe im Hinblick auf ihre Lebensbedingungen benachteiligt sind. Österreichweit gibt es jedoch weder fundiertes Wissen zur Bildungssituation noch systematische Erkenntnisse zur Lebenssituation von Care Leavern insgesamt.
                                                                                                                
Zielgruppe und Stichprobe
 
Zielgruppe unserer Studie waren junge Erwachsene im Alter zwischen 20 und 27 Jahren, die im Laufe ihres Lebens mindestens zwei Jahre in stationären Erziehungshilfen verbrachten und diese frühestens im Alter von 16 Jahren in ein eigenverantwortliches Leben verlassen haben. Um den subjektiven Perspektiven der Zielgruppe über die Datenerhebung hinaus genügend Geltung zu verschaffen, wurde der gesamte Prozess zusätzlich von Care Leavern im Sinne eines partizipativen Forschungsansatzes begleitet. Im Hinblick auf die methodische Gestaltung des Projektes wurden zwei Teilstudien durchgeführt. Die standardisierte Fragebogenerhebung hatte das Ziel, systematische Erkenntnisse zur Bildungssituation der Zielgruppe in Österreich zu erheben, die in Vergleich mit der gleichaltrigen Gesamtbevölkerung gesetzt werden kann. Zugleich wurde der Einfluss verschiedener Kontextfaktoren auf den Bildungserfolg analysiert. Die biografisch orientierte qualitative Teilstudie hatte zum Ziel, die Einflüsse der sozialen Kontextbedingungen des Aufwachsens und deren Wechselbeziehung mit den Bildungsbiographien vertiefend zu untersuchen.
 
Im Zuge der Fragebogenerhebung kooperierten österreichweit 26 Träger und es wurden 2000 Fragebögen versandt, während ein Rücklauf von 7,4 % (Stichprobe = 148) zu verzeichnen war. Der Großteil der rund 70 % weiblichen und 30 % männlichen Teilnehmer_innen gab als höchst absolvierte Bildungsmaßnahme eine Lehrlingsausbildung an. Im Zuge der qualitativen Studie wurden österreichweit 23 biographisch orientierte Interviews durchgeführt, die durch qualitative Netzwerkkarten ergänzt wurden.
 
Erste Ergebnisse der Studie
 
Im Hinblick auf die Interviewteilnehmer_innen der qualitativen Studie wird sichtbar, dass der überwiegende Anteil der Befragten biologische Eltern hat, die über niedrige Schul- und Ausbildungsabschlüsse verfügen. Die Care Leaver selbst haben das elterliche Bildungsniveau jedoch teilweise deutlich überschritten. Im Wechsel der Generationen zeigt sich, dass die Untersuchungsgruppe der qualitativen Studie in der Regel an der generellen, gesellschaftsweiten Bildungsexpansion teilnimmt, nach der jüngere Generationen höhere Bildungsabschlüsse anstreben als ihre Eltern. Ein relativ geradliniger formaler Bildungsverlauf, der in der normativen Altersklasse absolviert wurde, kann jedoch nur in drei Fällen nachgezeichnet werden. In den restlichen Fällen finden sich Brüche und verlängerte Schul-, Bildungs- oder Ausbildungszeiten. Dies hat zur Folge, dass der zum Zeitpunkt des Interviews erreichte Bildungsstatus oft Jahre nach der Jugendhilfeerfahrung nachgeholt wurde.
 
Die quantitativen Daten machen deutlich, dass vor allem Peers Ressourcen zur Verfügung stellen, die einen relevanten Einfluss auf formale Bildungsverläufe und die Lebenszufriedenheit von Care Leavern haben. Dabei ist anzumerken, dass Peers – unabhängig von deren sozialer Angepasstheit – als Ressource gesehen werden. Dies kann durch die qualitative Teilstudie belegt werden, in der u. a. sichtbar wird, dass vor allem Peers und Partnerschaften den jungen Menschen wesentliche sozio-emotionale Zuwendung und Halt bieten. Dazu zählen sowohl Peers in den stationären Erziehungshilfen als auch Freundinnen und Freunde, die außerhalb der Jugendhilfeeinrichtungen in Schulen, Ausbildungsbetrieben, Vereinen etc. gewonnen werden. Auch jene Peers, die zeitweilig durch delinquentes und außergewöhnliches Verhalten auffallen, werden als unterstützend erlebt.
 
Durch die Fragebogenerhebung kann zusätzlich belegt werden, dass kognitive Stimulation in den Wohnformen der stationären Erziehung (u.a. durch das Vorhandensein von Büchern, Musikinstrumenten, Medien, Besuche von Kulturveranstaltungen und Reisen) einen relevanten Einfluss auf die formalen Bildungserfolgen der Care Leaver haben.
 
Weitere Themen, deren Relevanz sich in der qualitativen Studie abzeichnete, sind das Ringen um Normalität, das Überwinden von als beschränkend wahrgenommenen Lebensbedingungen und der Wunsch nach Selbstbestimmung, Autonomie und Eigenverantwortung, der in der Regel im Hinblick auf das Jugendalter thematisiert wird und der häufig mit starren Rahmenbedingungen und Regeln während der stationären Erziehungshilfe kollidiert. Diese Themen drücken sich u. a. in der dominierenden Orientierung an Lehrberufen aus. So wird deutlich, dass die pädagogische Praxis im Hinblick auf das Betreuungsende und die existenzielle Lebenserhaltung nach der Verselbständigung eine Orientierung an Lehrberufe vertritt. Des Weiteren orientieren sich Care Leaver auch selbst an Lehrberufen. Das durch die Erwerbsarbeit gesicherte Einkommen ermöglicht ein Leben unabhängig von stationären Erziehungshilfen, die durch starre Rahmenbedingungen und den Mangel an sozio-emotionaler Zuwendung als beschränkend wahrgenommen werden. Zusätzlich wird der Erwerb von Geld im Hinblick auf das vorhersehbare Betreuungsende und den Mangel an sozialen Kontakten als notwendige Perspektive erachtet, während entsprechende Bildungsaspirationen in der Regel erst im späteren Biografieverlauf Raum gewinnen. Eine Folge davon ist die verzögerte Wiederaufnahme von Bildungs- und Ausbildungswegen.

Kontakt und Information:

Univ.-Prof. Dipl.-Päd. Dr. Stephan Sting
Telefon +43 (0) 463 2700 1221
Abteilung für Sozial- und Integrationspädagogik
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Universitätsstraße 65-67 | 9020 Klagenfurt am Wörthersee 
 
Mag.a Susi Zoller-Mathies
Telefon  +43 (0) 512  5918 319
Mobil +43 (0) 676 88144 234
Leitung I Forschung & Entwicklung
Fachbereich Pädagogik SOS-Kinderdorf
Stafflerstraße 10a │ 6020 Innsbruck

 
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