Nepals unsichtbare Kinder

Nepals unsichtbare Kinder

Ein Artikel von Anja Kröll, erschienen in den Salzburger Nachrichten am 5. Februar 2014

Versteckt. 150.000 Menschen in Nepal sind geistig behindert, viele davon sind Kinder. Spezielle Heime für sie sucht man aber vergebens. Wo sind diese Kinder?

Eines Tages saß Samrridhi im Park. Ohne Hose, ohne Essen, ohne sprechen zu können. Ausgesetzt von ihren Eltern, weil sie mit der Betreuung ihrer geistig behinderten Tochter überfordert waren. „Damals war sie vier Jahre alt“, sagt Rama Karki, die sich für die Rechte von behinderten Menschen in Nepal einsetzt.


Rama Karki setzt sich für die Rechte behinderter Menschen ein. Foto: SOS-Archiv
Das tut die 36-Jährige auch wegen ihrer eigenen Geschichte. Wegen eines fehlgebildeten Fußes kam sie im Alter von sechs Jahren ins SOS-Kinderdorf Jorpati – ein Dorf speziell für behinderte Kinder in Kathmandu. 45 Minderjährige leben hier, gehen in eine spezielle Schule, die ihnen Zeit für die Therapie lässt, können sich barrierefrei mit ihren Rollstühlen bewegen. Im Rest der Hauptstadt ist das undenkbar. „Vieles im Umgang mit behinderten Menschen in Nepal ist besser geworden. Sie werden integriert und können arbeiten“, sagt Rama, die heute als Psychologin im Kinderdorf tätig ist. Nachsatz: „Vorausgesetzt, sie sind körperlich behindert.“

Denn der Staat teilt behinderte Menschen nicht nur in eine siebenteilige Skala ein, von Sehbehinderung über Hörbehinderung bis multiple Behinderung. Er unterscheidet auch strikt: Für körperlich behinderte Menschen gibt es Heime und Versorgung. Für geistig behinderte Menschen gibt es nichts. Kein einziges Heim existiert in dem Land, das ungefähr so groß wie Österreich und Bayern zusammen ist.

Eine Regel, die auch für die 720 Kinderheime gilt. Rabin Nepali, Projekt-Direktor im SOS-Kinderdorf Jorpati: „Es ist ein Teufelskreis. Kinderheime könnten geistig behinderte Kinder aufnehmen, aber weil der Staat keine spätere Betreuung für geistig behinderte Erwachsene anbietet, tun sie das nicht. Sie müssen bedenken, dass auch ein geistig behindertes Kind irgendwann erwachsen wird. Was passiert dann mit ihm? Man kann sie ja nicht im Kinderheim lassen, bis sie sterben.“

Aktivistin Karki wünscht sich von der Regierung: „Tageszentren, in denen die Betroffenen gut betreut werden, damit sie gesund bleiben.“ Was in dem politisch instabilen Himalaya-Staat schier undenkbar ist. Die nepalesische Wirtschaft liegt am Boden, die Inflation bewegt sich im zweistelligen Bereich. Nach zehn Jahren des Bürgerkriegs haben es die gewählten Politiker seit 2008 nicht geschafft, eine Verfassung auszuarbeiten. Ein Zustand, der das Land lähmt. An eine funktionierende Verwaltung ist nicht zu denken.

Um 25 geistig behinderte Kinder und Erwachsene kümmert sich SOS-Kinderdorf in ganz Nepal. Freiwillig und ohne finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand. „Wenn ein körperlich behindertes Kind es schafft, einen guten Beruf zu finden, freut sich jeder. Doch die Leute müssen begreifen, dass es ebenfalls ein Erfolg ist, wenn ein geistig behindertes Kind es schafft, sich seine Hose allein anzuziehen“, sagt Aktivistin Kaki. Laut Schätzungen gibt es rund 150.000 geistig behinderte Menschen in Nepal. Zieht man die 25 von SOS-Kinderdorf betreuten ab, bleiben 149.975. Und eine Frage: Was passiert mit ihnen? Wo sind sie? Projektdirektor Nepali faltet die Hände, beugt sich nach vorn und sagt: „Diese Frage stellen alle.“


SN-Journalistin Anja Kröll flog im Jänner 2014 nach Nepal und besuchte mehrere SOS-Kinderdörfer. Foto: Salzburger Nachrichten
Wahrscheinlich leben sie bei ihren Familien. Denn jede Familie mit einem geistig behinderten Kind erhält vom Staat eine monatliche Unterstützung von 1000 Rupien, das sind umgerechnet sieben Euro – für Kinder, die in Hütten versteckt werden, weil sie vor allem in ländlichen Regionen als böses Omen für ihre Familien gelten. Besonders wenn das geistig behinderte Kind ein Mädchen ist. Karki: „Mädchen sind in unserer Gesellschaft da, um verheiratet zu werden. Dafür müssen sie hübsch sein. Doch behinderte Mädchen gelten nicht als hübsch. Sie werden nicht in die Schule geschickt, sondern von der Gesellschaft abgeschottet.“ Was mit ihnen passiert, wenn ihre Eltern oder Großeltern sterben, darüber wird nur sehr leise gesprochen.

Samrridhi weiß von alldem nichts. Sie sitzt im Gras, wiegt ihren Kopf und erzählt etwas auf Nepali. Zwei Jahre hat die heute Sechsjährige gebraucht, bis sie sprechen konnte. Zwei Monate, bis sie es gewöhnt war, dass man ihr Hosen anzieht. „Sie hat vorher wahrscheinlich nie welche getragen“, erklärt Karki. Auch einen Namen hatte das geistig behinderte Mädchen nicht. Karki hat sich nicht ohne Grund für Samrridhi entschieden. Übersetzt bedeutet dies „wertvoll“.

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