„Bei uns geht es um Langzeit-Investition“

„Bei uns geht es um Langzeit-Investition“

Geografisch eingebettet zwischen Indien und China, kämpft Nepal mit wirtschaftlicher Armut und den Schwierigkeiten eines Vielvölkerstaates.

Shree Shankar Pradhananga, National Director von SOS-Kinderdorf Nepal, über Sozial-Kapitalismus, die innere Schönheit seines Landes, die tibetische Minderheit und warum die Integration der Kinder in die Gesellschaft die wichtigste Herausforderung ist.

Als National Director von SOS-Kinderdorf Nepal ist Shree Shankar Pradhananga Chef von 800 Mitarbeitern und damit Top-Manager: Er wird von der Regierung um Expertisen gebeten, SOS-Kinderdorf setzt in Nepal seit 1970 die Maßstäbe in der Arbeit mit Kindern. Seine Expansionsstrategien sind ambitioniert, Personalauswahl hat für ihn Priorität, die nationalen Fundraising-Einnahmen will er bis 2016 um 150 Prozent steigern. Unterm Strich geht es ihm aber dennoch um Emotionen. Und die Integration der Kinder in eine bessere Gesellschaft.

Herr Pradhananga, Sie sind seit November 2004 National Director und somit der Manager eines Unternehmens mit 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Klingt nach einer großen Herausforderung.

Ich möchte ehrlich sein: Bevor ich vor 30 Jahren zu SOS-Kinderdorf Nepal kam, habe ich in einem klassischen Unternehmen gearbeitet, bei einer Bank. Als ich dann als Financial Manager mit meiner Arbeit für SOS-Kinderdorf begann, war ich in den ersten Monaten etwas durcheinander, meine Aufgaben war jetzt ganz andere. Aber schon nach kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, für eine große Familie zu arbeiten und nicht für eine Einrichtung. Die Bindung zu den Kindern und speziell zu den Müttern war und ist immer ein besonderer Antrieb für mich. In den vergangenen 30 Jahren hat mir nicht ein einziges Mal die berufliche Bestätigung gefehlt. Die Kinder aufwachsen zu sehen, ist Befriedigung genug.

Wenn Sie Ihre Arbeit mit der eines Managers in einem klassischen Unternehmen vergleichen, was sind die Unterschiede?

Der größte Unterschied zu einem klassischen Betrieb liegt wohl in der täglichen Arbeit: In vergleichbaren Unternehmen der freien Marktwirtschaft müssen Mitarbeiter schnellstmöglich Erfolge erzielen. Bei uns geht es um Langzeit-Investition. Mit ausreichend finanziellen Mitteln und engagierten Mitarbeitern können wir unser Ziel erreichen, haben aber – ich möchte ganz ehrlich sein – nicht den Druck, unmittelbar Ergebnisse präsentieren zu müssen. Wir jedoch tragen die Verantwortung, Kinder glücklich zu machen, sie in die Gesellschaft zu integrieren. Und dieser Aufgabe sind wir uns ohne Zweifel in jeder Minute bewusst.
 

"Wir tragen die Verantowrtung, Kinder glücklich zu machen!" Foto: Christian Moser
Dieses Bewusstsein ist wesentlich, wenn man wie SOS Nepal Einfluss auf das Leben von 21.000 Menschen hat, davon über 1000 Kinder in den SOS-Kinderdörfern. Verändern Sie das Land und die Gesellschaft in Nepal?

Ich persönlich halte es mit Hermann Gmeiner: Wir können nicht allen Kindern helfen, aber wir können die Art und Weise, wie Kinder behandelt werden, verbessern. Außerhalb unserer SOS-Kinderdörfer tun wir das etwa durch das Familienstärkungsprogramm, durch Schulungen und Aufklärungsarbeit. Und wir dürfen ohne Frage behaupten, das älteste hierzulande agierende Kinderhilfswerk und eine der führenden Organisationen in Nepal zu sein. Besonders in den letzten Jahren sind unser Ansehen und die Akzeptanz in der Gesellschaft gewachsen. Die nepalesische Regierung bittet SOS-Kinderdorf immer wieder um Hilfe in speziellen Fällen oder unsere Ideen zur Verbesserung der Lage der Kinder. Im Rahmen des „Central Child Welfare Boards“ der Regierung sind wir sehr aktiv. Und die SOS-Standards sind mittlerweile Vorbild für alle Kinderorganisationen, die in Nepal tätig sind.
 
In Österreich bezahlt der Staat einen fixen Betrag für fremduntergebrachte Kinder, der rund die Hälfte der tatsächlichen Kosten in den Kinderdörfern entspricht. Sollte das in Nepal nicht auch so sein? Anders gefragt: Was würde passieren, wenn SOS Nepal seine Einrichtungen schließen müsste?


Daran will ich gar nicht denken. Im Bewusstsein der nepalesischen Regierung hat die Fürsorge für bedürftige Kinder leider niedrige Priorität. Wir sind es, die von der Regierung um Hilfe gebeten werden, wenn etwa der Leiter eines staatlichen Kinderheimes einfach verschwindet und die Kinder unversorgt zurücklässt. Wir sind es, die sich dann um diese Kinder kümmern.

Nepal ist ein wirtschaftliches armes Land mit hoher Bekanntheit und gutem Image in der Welt. Das Land ist stark im Bewusstsein der westlichen Länder, wenn es um das Lukrieren von Spenden geht. Macht es die große Menge an NGOs in Nepal schwieriger, die Aufmerksamkeit und somit die Unterstützung auf SOS-Kinderdorf zu lenken?

Es stimmt, dass Nepal sozusagen eine gute PR macht, wenn es um finanzielle Unterstützung der Bedürftigen in diesem Land geht. Aber die Wirtschaftskrise in den USA und Europa hat sich natürlich auch auf unsere Arbeit ausgewirkt. Die Expansion von SOS-Kinderdorf Nepal und der Ausbau unserer Aktivitäten waren leider nicht wie geplant, sondern nur in eingeschränktem Maße möglich. Aber bestehende Sponsoren haben uns auch in dieser harten Zeit nicht vergessen, trotz eigener Schwierigkeiten durch die Krise.
 
SOS-Kinderdorf hat in vielen Ländern Schwierigkeiten, genügend geeignete SOS-Mütter zu finden. Wie sieht es in Nepal aus?

Das ist hierzulande nicht der Fall. Einer der Gründe dafür: Religion und Tradition machen es für Witwen schwierig, ein zweites Mal zu heiraten. Ebenso ältere unverheiratete Frauen – für beide ist es nicht leicht, innerhalb der Gesellschaft einen sicheren Platz für sich zu finden. Diese Sicherheit finden sie bei SOS-Kinderdorf. Die Mehrheit unserer SOS-Mütter kommt aus diesen Gruppen.


 
Was sind die größten Probleme für die Kinder? Ist Kinderhandel ein Thema?

Hinter allen Problemen steht: Money rules, das Geld zählt. Eltern lassen sich für tot erklären, um ihre Kinder dann zur Adoption freigeben zu können. Die größte Herausforderung für die SOS-Kinder ist die richtige Integration in die Gesellschaft. In Nepal haben wir eine der höchsten Arbeitslosenraten der Welt – einen guten Job für die Kinder zu finden ist dementsprechend schwierig und die Integration eine der großen Aufgaben von SOS-Kinderdorf.
 

"95 Prozent der SOS-Kinderdorf-Kinder schließen die Highschopol ab." Foto: SOS-Archiv
Das macht eine bestmögliche schulische Ausbildung für die Kinder umso wichtiger. Wie viele Jugendliche aus der SOS-Familie absolvieren die Oberstufe oder eine höhere Ausbildung?

95 Prozent, also beinahe alle Kinder, gehen ihren Schulweg bis zum Abschluss der High School. Davon besuchen anschließend rund 60 Prozent eine Universität, 40 Prozent beginnen eine Berufsausbildung. Der Großteil der Mädchen möchte etwa Krankenschwester werden, die Burschen beginnen eine Lehre zum Automechaniker oder in einer Bank.
 
Können Sie sich die universitäre Ausbildung für diese 60 Prozent finanziell leisten?

Glücklicherweise ja, das wird Sponsoren und Paten kommuniziert. Somit können wir den Großteil der Kinder im Alter von 20, 21 Jahren voll integrieren.
 
Wie viele Jugendliche finden bei der hohen Arbeitslosenrate in Nepal nach ihrer Ausbildung eine Arbeitsstelle?

In den letzten fünf Jahren war es schwierig, Arbeit zu finden, etwa 100 unserer ehemaligen Kinder leben deshalb jobbedingt im Ausland, vor allem Indien. Vor sechs, sieben Jahren hätten wir diesen Weg nicht in Betracht gezogen, aber mittlerweile ist es eine wirkliche Option für uns, im Ausland nach Jobs zu suchen. Trotz dieser Möglichkeit finden etwa fünf bis zehn Prozent keinen Platz. SOS-Kinderdorf unterstützt sie, bis sie eine volle Arbeitsstelle finden und sich somit in die Gesellschaft integrieren können.
 
Was sind Ihre Ziele und Wünsche für die nächsten Jahre?


An erster Stelle stehen drei neue Dörfer. Wie Sie richtig bemerkt haben, im Westen Nepals fehlt es an Dörfern, ebenso im Osten und wir planen ein weiteres in Kathmandu selbst. Auf Grund der hohen Migration und Abwanderung aus den ländlichen Gebieten in die Hauptstadt sind die Probleme in Kathmandu Valley sehr ernst. Außerdem versuchen wir, die Aktivitäten außerhalb der Dörfer weiter auszubauen. Viele Kinder sind in Gefahr, die elterliche Fürsorge zu verlieren. Hier arbeiten wir intensiv im Familienstärkungsprogramm. Im Moment betreuen wir 5000 Kinder, das ist mit der jetzigen Zahl an Mitarbeitern machbar. Um das gemeinsame Ziel von SOS-Nepal und SOS-Kinderdorf International, nämlich eine Betreuung von 30.000 Kindern bis zum Jahr 2016 erreichen zu können, benötigen wir definitiv mehr Mitarbeiter und eine optimale Überwachung der Arbeit. Wir wollen durch dieses Programm positiven Einfluss in der Gesellschaft nehmen. Und dafür müssen wir noch professioneller arbeiten als bisher. Eine große Herausforderung.

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