Licht an, Licht aus: Eine Kindheit in Nepal

Anja Kröll, Journalistin bei den Salzburger Nachrichten, flog anlässlich des 40-Jahr-Jubliäums von SOS-Kinderdorf Nepal nach Kathmandu. (SN-Artikel vom 28.01.2014)

Kinderdorf. Für Touristen ist es das Land der Achttausender. Für Kinder ist Nepal ein Land, in dem ihnen die Schuld am Tod der Eltern gegeben wird. Und sie träumen nicht vom Mount Everest, sondern von Australien.

Es sind die falschen sechs Stunden, um Samir und seine Schwester Sudha zu besuchen. Später wäre es besser gewesen, erklärt der Zwölfjährige auf dem Weg zum Haus seiner Familie in der Nähe von Nepals Hauptstadt Kathmandu. Vor der schiefen Hütte mit dem Wellblechdach liegt Müll. Drinnen sitzt die fünfjährige Sudha im Dunkeln.

Weil das Land zwischen China und Indien nicht ausreichend Energie für die rund 1,5 Millionen Einwohner Kathmandus produziert, hat die Regierung einen Plan erstellt: Licht ein für sechs Stunden, Licht aus für sechs Stunden, Licht ein für sechs Stunden, Licht aus für sechs Stunden. Macht zwölf Stunden ohne Strom am Tag. Wenn alles nach Plan läuft. Das tut es so gut wie nie.


Lernen als Luxus: In Nepal muss jedes dritte Kind zwischen fünf und 14 Jahren arbeiten. Foto: Thomas Ernsting
Einen Plan für Sudha und Samir hat die Regierung nicht. Sie sind Kinder in einem Land, in dem es kaum eine Kindheit gibt. Die Fakten sind rasch erzählt: Mehr als ein Drittel der 30 Millionen Einwohner Nepals sind unter 18 Jahre alt. Laut UNICEF-Report müssen 34 Prozent aller Kinder zwischen fünf und 14 Jahren arbeiten. In Ziegelfabriken, in der Teppichherstellung oder auf dem Feld. Mehr als eine halbe Million Kinder zwischen fünf und zwölf Jahre haben noch nie eine Schule besucht.

Die Erzählung von Samir dauert länger: „Das Leben ist schwer. Wir haben kaum Kleidung, keine Bücher, kein Geld.“ Besonders schlimm wurde es vor einigen Jahren, als Samirs Vater starb. Zurück blieb die Mutter mit drei Kindern, ohne Arbeit, aber in einer Gesellschaft, in der Frauen nichts zählen. Erst recht nicht, wenn sie keinen Mann haben. Den Kindern, besonders Sudha, die damals sieben Monate alt war, wurde die Schuld am Tod des Vaters gegeben. „Stirbt ein Elternteil, gehen Verwandte oft zu Astrologen, die ihnen diesen Aberglauben einreden“, sagt Shankar Pradhananga, nationaler Direktor von SOS-Kinderdorf Nepal. Seit mehr als 40 Jahren hilft die österreichische Organisation im Himalaya-Staat. Auch Samirs Familie. Sie bezahlt das Schulgeld für die Kinder, die laut Gesetz fünf Jahre die Schulbank drücken müssen. Doch mit der Schulpflicht ist es so wie mit dem Strom in Kathmandu. Sie funktioniert nur teilweise.

Licht ein. 100 Kinder werden eingeschult. Licht aus. 45 verlassen die Schule vor dem Ende der fünf Jahre. „Kommt die Familie in finanzielle Schwierigkeiten, wird zuerst bei der Bildung gespart“, erzählt Pradhananga. Was in einem Land, in dem über die Hälfte der Bevölkerung von knapp einem Dollar pro Tag lebt, an der Tagesordnung ist. Hinzu kommen die Höhenmeter, die entscheidend für einen Schulbesuch sind. „Ich würde sogar sagen, für eine Kindheit“, sagt Khagendra Nepal, Projektdirektor bei SOS-Kinderdorf Nepal.

In den ländlichen Gebieten, in denen 85 Prozent der Bevölkerung leben, ist der Weg zur Schule eine Herausforderung. Jeder zweite Nepalese braucht mehr als eine halbe Stunde zu Fuß, bis er zu einer Straße kommt. Für die Bergbewohner ist Infrastruktur ein Fremdwort. Darum will die Regierung bis 2016 jedem Bergbewohner einen Zugang zur nächsten Straße ermöglichen – mit einem Fußmarsch, der nicht länger sein sollte als vier Stunden.

Ob ein schnellerer Schulweg auch das Bewusstsein der Eltern schneller verändern würde, ist fraglich. Projektdirektor Nepal: „Den meisten Eltern fehlt Schulbildung und somit das Verständnis, warum sie ihre Kinder in die Schule schicken sollten. Wo sie doch auch auf die kleinen Geschwister aufpassen können, während sie auf dem Feld arbeiten.“


67 Prozent der Frauen in Nepal sind Analphabeten. Foto: Alexander Gabriel

67 Prozent der Frauen und 33 Prozent der Männer in Nepal sind Analphabeten. Auch Samirs Mutter gehört zu ihnen, und doch ist sie anders. Ihr Sohn übersetzt für die 35-Jährige. „Sie sagt, dass sie nie in der Schule war. Sie will, dass wir eine Chance bekommen.“ Von seinem Onkel hat Samir einen gemieteten Computer bekommen. Nur in der Regenzeit, wenn statt des Teppichs Wasser den Hüttenboden bedeckt, ist es schwierig, mit dem Computer zu arbeiten. Dann steht er auf Samirs Bett, das zur Schlaf- und Arbeitsstätte wird. Wenn es Strom gibt.

Für Samir gibt es kein Wenn. „Ich werde es schaffen und als Doktor arbeiten“, sagt der Zwölfjährige. Nicht hier, sondern in einem anderen Land. Die Kinder von Nepal träumen nicht vom Mount Everest, sie träumen von Australien. Dem Land, das die Einreisebedingungen für Nepalesen nicht verschärft hat, dem Land, in dem oft schon Verwandte warten.

Auch Pratap, der mit seiner Mutter und seinem Bruder 20 Minuten entfernt von Samirs Wellblechhütte lebt, will dorthin. Samir und Pratap kennen sich nicht, doch ihre Antworten sind fast ident. Auch Pratap will Arzt werden, oder Hotelmanager. Und Australien ist auch sein Traum. Warum? „Weil es ein entwickeltes Land ist“, sagt der Zehnjährige. Die UNO misst Entwicklung mit dem Human Development Index (HDI). Österreich liegt auf Platz acht von 187 Ländern. Nepal auf Platz 157.

Was bedeutet Entwicklung für einen zehnjährigen Nepalesen? Prataps Antwort läst nicht lang auf sich warten: „Licht, wann immer ich es will.“
 

www.salzburg.com

/* pageName= Eine Kindheit in Nepal pagePrefix= breadCrumb=Helfen Sie mit / Spenden / Hilfsprojekte / Nepal / 40 Jahre SOS-Kinderdorf Nepal / Eine Kindheit in Nepal mainDomain=sos-kinderdorf.at langIdentifier=AT,de */