Zur Mutter berufen

Zur Mutter berufen

Simone Winkler. Die SOS-Kinderdorf-Mama liebt ihre fünf Schützlinge so, als wäre es ihr eigener Nachwuchs.

Manche Kinder haben einen schweren Start ins Leben. Dort, wo leibliche Eltern sich nicht um ihren Nachwuchs kümmern wollen oder können, muss der Staat einspringen und sie anderweitig unterbringen.

So erging es auch Christoph, 8, und den vier leiblichen Geschwistern Natalia, 5, Daniela, 8, Jürgen, 9, und Matthias, 10 (Namen von der Redaktion geändert). Seit März 2010 leben die fünf bei Simone Winkler im SOS-Kinderdorf in Altmünster. Sie ist mit 33 Jahren eine der jüngsten „Berufsmütter“ Österreichs. Ursprünglich arbeitete sie als Malerin, musste den erlernten Beruf jedoch aufgrund einer Allergie, aufgeben. So sattelte sie um, wurde Kindergartenhelferin. „Das war mir aber zu wenig Herausforderung“, lacht die toughe Grieskirchnerin. Und bewarb sich vor sieben Jahren im SOS-Kinderdorf – zuerst nur als Familienhelferin.

In diesem Bereich unterstützte sie Familieneltern, vor allem an deren freien Tagen und in deren Urlaub. Im März 2010 wurde ihr ihre erste eigene Familie „angeboten“. Seitdem lebt sie an fünf Tagen in der Woche mit ihren fünf Schützlingen in einem rund 150 Quadratmeter großen Haus im Kinderdorf in Altmünster. Ihr warmherziger Umgang mit den Kleinen lässt keinen Zweifel offen: Die Liebe zu ihnen ist groß. „Viele sagen zu mir, dass sie nicht meine eigenen sind. Aber sie sind meine, wenn auch nicht meine leiblichen. Und dann haben sie ganz einfach zusätzlich auch noch andere Eltern.“

Schicksalsschläge

Die Familie hat eine schwere Zeit hinter sich. Bei Nesthäkchen Natalia wurde letztes Jahr ein Tumor entdeckt. Zwei Operationen musste sie über sich ergehen lassen. Aber das war nicht die einzige Tragödie im letzten Jahr. Im Sommer starb die Mutter der vier Geschwister an Krebs. „Das war eine schreckliche Zeit. Ich dachte, die vier würden wieder zu ihrer Mama zurückkommen, wenn sie sich erholt hätte“, erinnert sich Simone. Kurz vor ihrem Tod, bei einem Besuch im Krankenhaus, bat die leibliche Mutter Simone, auf ihre Kinder aufzupassen. Und auch später, wenn sie schon erwachsen sind, für sie da zu sein. Etwa darauf zu achten, dass die Töchter an ihrem Hochzeitstag ein schönes Kleid tragen. „Da habe ich mich schon kurz gefragt: Kann ich das? Und dann war es klar. Ja, ich kann, und, vor allem, ich will das“, zeigt sich die warmherzige Pflegemama nachdenklich. Der Beruf wurde für sie längst zur Lebensaufgabe.

Rasselbande

Der Alltag mit fünf Kindern gestaltet sich oft turbulent. Am Vormittag besuchen sie den Kindergarten oder die Volksschule. Zu Mittag wird zu Hause gemeinsam gegessen. Dabei wird der Tag besprochen. „Wir reden auch viel darüber, was bei ihnen passiert ist und warum sie nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern leben können.“ Ihre Pflegemutter nennen sie „Mama“, „Mutti“ oder einfach nur „Simone“.

Die Bezeichnung können sie sich selbst aussuchen, auch, wie es ihnen im Moment gerade passt. Nach dem Essen folgen Hausübungen, Therapien, Sport und Spielen. Regelmäßig stehen Besuche der Herkunftsfamilien an. Und auch für Abwechslung ist gesorgt: „Mir ist es wichtig, dass jedes der Kinder an Aktivitäten außerhalb des Kinderdorfs teilnimmt. Sei es in der Musikschule, beim Fußballverein oder Reiten.“

Während die Kinder unterwegs sind, findet Simone Zeit für den Haushalt. Und für das Schreiben des Familienjournals.Denn alles, was in der Familie passiert, muss sie täglich dokumentieren. Letztes Jahr war die Familie gemeinsam in Tunesien. „Den Urlaub hat uns ein Hauspate ermöglicht. In solchen Momenten können die Kinder unbeschwert sein und ihre Sorgen vergessen“, freut sich Simone noch heute.


Ausspannen

Theoretisch arbeitet sie fünf Tage die Woche, an zwei Tagen hat sie frei. Meist jedoch etwa  zwölf Tage durch, dann erst nimmt sie sich drei oder vier Tage auf einmal Auszeit. Die verbringt sie immer in Grieskirchen bei ihrer Familie und Freunden. „Meine zwei Geschwister haben auch gerade Kinder bekommen. Die Zeit mit ihnen ist mir wichtig.“ Vieles in Simones Leben scheint sich um Kinder zu drehen.

Auch leibliche stehen auf ihrem Wunschzettel. Mittlerweile dürfen Kinderdorfeltern auch in Partnerschaften leben und eine eigene Familie gründen. Freund hat Simone aber derzeit keinen. Der zukünftige Traummann sollte vor allem ihren Job, den „fremden“ Nachwuchs und ihre Probleme akzeptieren. Aber: „Jetzt ist erstmal wichtig, dass alle gesund sind. Und dann sehen wir weiter“, zwinkert die Powerfrau. Im Dorf tragen alle Kinder „ein Packerl“ mit sich herum.

Viele seien in ihren Herkunftsfamilien körperlich oder psychisch missbraucht worden. Oft fehlen den Kindern Grenzen, aber auch Zuneigung und Perspektiven. „Die Prioritäten sind für SOSKinderdorfmütter wahrscheinlich andere als bei normalen Eltern. Mir ist es nicht wichtig, dass ich Einser-Schüler großziehe. Wenn ich sehe, dass meine Kleinen sich anstrengen und die Noten positiv sind, dann reicht mir das“, so die „Wahl-Mama“. Ihre Kinder möchte sie vor allem in die Selbstständigkeit begleiten. Ihnen mitgeben, dass man auch, wenn man keinen guten Start ins Leben hatte, alles schaffen kann, was man sich vornimmt. Und, dass sie immer für sie da sein wird, denn Familie ist das Wichtigste.

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