Helga Lechner

53 Jahre, SOS-Kinderdorf-Mutter seit 2008

 

Wann hast du das erste Mal vom Beruf SOS-Kinderdorf-Mutter gehört?

Das erste Mal sicher als Kind, aber ernsthaft war das glaube ich 2007. Mein Lebensgefährte und ich haben damals den Entschluss gefasst, dass wir mit Kindern zusammen leben möchten. Da wir keine leiblichen Kinder bekommen konnten, haben wir ganz neutral recherchiert welche Möglichkeiten es dazu gibt. Wir haben uns über Adoption schlau gemacht und über Pflegeelternschaft. Dabei sind wir schnell auf die SOS-Kinderdorf-Familie gestoßen. Was uns am Konzept besonders angesprochen hat war, dass ich bei SOS-Kinderdorf in einer festen Anstellung tätig werden konnte. Außerdem bin ich in ein professionelles Helfernetzwerk eingebunden.
 

Was macht den Beruf deiner Meinung nach besonders?

Wenn man mit Kindern zusammen lebt und mit ihnen arbeitet, muss man immer flexibel sein. Es gibt jeden Tag Überraschungen. Als wir unsere SOS-Kinderdorf-Familie gegründet haben, gab es am Anfang einige Turbulenzen. Zuerst wurde ich krank, dann ist eine Mitarbeiterin ausgefallen und die Aufnahme der ersten Kinder lief nicht ganz glatt. Nach zwei Monaten habe ich zu Walter, meinem Partner, gesagt: „Wann kehrt endlich der Alltag bei uns ein?“. Er meinte dann nur: „Ich glaube das ist jetzt unser Alltag“. Man muss einfach alles so nehmen wie es kommt.
 

Wie sieht ein typischer Arbeitstag für dich aus?

Ich stehe auf, wecke den Jüngsten, der braucht morgens immer ein bisschen länger zum her richten. Die Mädels stehen eigentlich selbst auf. Nach dem Frühstück sind um ca. halb 8 alle aus dem Haus. Dann räume ich auf, kaufe ein, mache die Wäsche, richte das Mittagessen. Wir haben vormittags auch oft Besprechungen und Teamsitzungen oder Termine beim Jugendamt oder in der Schule. Vor dem Mittagessen habe ich auch am ehesten Zeit für mich, um Sport zu machen beispielsweise. Wenn die Kinder aus der Schule zurück sind, ist gutes Management gefragt, damit jede und jeder zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, bei allen Freizeitaktivitäten und Therapien zum Beispiel. Nachmittags machen wir auch Hausübung oder Lernen. Abends essen wir gemeinsam. Ich protokolliere dann auch noch den Tag und dann ist eh bald wieder Schlafenszeit. Mir ist wichtig, dass die Leute wissen, in diesem Job geht es um viel mehr als Kinderbetreuung und Haushalt. Es muss viel organisiert werden, das ganze drum herum.
 

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den leiblichen Familien der Kinder?

Ganz unterschiedlich. Die Älteste ist schon 19 und hat einen sehr guten Kontakt zu ihrer Mutter. Sie telefonieren regelmäßig und sie fährt auch zur Mutter zu Besuch. Eines der Mädchen wird nach ihrem Schulabschluss auch wieder zu ihrer Mama ziehen, deshalb verbringt sie gerade alle freien Tage bei ihr. Die Situation ist aber natürlich nicht immer leicht für uns. Die anderen beiden haben auch regelmäßigen Besuchskontakt mit ihrer Mutter. Sie kommt einmal im Monat und verbringt dann unbegleitet Zeit mit ihren Kindern. Wichtig für die Beziehung zu den leiblichen Eltern ist, dass wir alle die gleichen Interessen verfolgen. Wir alle möchten, dass es den Kindern gut geht und stehen nicht in Konkurrenz zu einander. Dabei hilft es, dass man das Team von SOS-Kinderdorf und das Jugendamt zur Unterstützung hat. Die sprechen auch mal schwierigere Situationen an und halten einem den Rücken frei. So können wir ein gutes Verhältnis zu den Familien pflegen. Das ist den Kindern auch ganz wichtig.
 

 

Wie sieht dein Werdegang aus, welche Ausbildung hast du absolviert (auch bevor du KDM wurdest)?

Ich war 20 Jahre lang Physiotherapeutin und habe im REHA Bereich mit Querschnittsgelähmten gearbeitet, zuerst in Österreich und dann in der Schweiz. Dort bin ich dann in die klinische Forschung gewechselt und habe als wissenschaftliche Mitarbeiterin dabei mitgeholfen einen Forschungsbereich aufzubauen. Mit dem Entschluss SOS-Kinderdorf-Mutter werden zu wollen sind wir zurück nach Österreich gezogen. Ich habe dann noch die interne Ausbildung bei SOS-Kinderdorf absolviert, die es heute nicht mehr gibt. Die Ausbildung war berufsbegleitend und ich habe währenddessen in bestehenden SOS-Kinderdorf-Familien mitgearbeitet und anderen SOS-Kinderdorf-Müttern auf die Finger schauen können. Das war sehr hilfreich. Nach dem Abschluss meiner pädagogischen Ausbildung sind wir dann in ein neues Haus gezogen, das extra für uns barrierefrei gebaut wurde, da mein Mann im Rollstuhl sitzt. Wir haben dann eine eigene SOS-Kinderdorf-Familie gegründet und nach und nach die Kinder aufgenommen.
 

Was ist die größte Einschränkung oder Herausforderung in deinem Beruf?

Ich denke, wenn man einen Partner oder eine Partnerin hat verändert sich die Partnerschaft sehr stark. Wir haben weniger Zeit füreinander und wohl auch weniger Privatleben. Mein Partner ist auch Teil der SOS-Kinderdorf-Familie, genauso wie viele weitere Personen. Arbeitsplatz und Privatleben verschmelzen so teilweise. Eine zweite Einschränkung ist sicher die Zeiteinteilung. Wenn ich einen Abendkurs besuchen will beispielsweise, dann muss ich das sehr genau planen und gut organisieren. Wir haben dafür aber unsere „organisierte Freizeit“. Wir haben ja 5 Wochen Urlaub im Jahr und auch sonst freie Tage in der Woche. Diese Zeit erleben wir dann dafür intensiver in unserer eigenen Wohnung außerhalb des SOS-Kinderdorfes.
 

Was machst du (ihr) in deiner (eurer) Freizeit?

Wir reisen sehr gerne. Vor drei Jahren haben wir das Sabbatical von SOS-Kinderdorf für eine längere Reise genutzt. Ansonsten genießen wir die freie Zeit, schlafen lange oder gehen gut Essen.
 

Welchen Ratschlag würdest du Personen geben, die sich für den Beruf SOS-Kinderdorf-Mutter oder SOS-Kinderdorf-Vater interessieren?

Dass er oder sie sich den Beruf genau ansieht und auch eine Zeit lang mitarbeitet. Man muss sich gut überlegen, ob man die Verpflichtung eingehen möchte. Es wäre nämlich wieder ein Beziehungsabbruch für die Kinder, wenn man nach 1-2 Jahren das Handtuch wirft. Es gibt als SOS-Kinderdorf-Mutter, wie in jedem Beruf, auch eine anstrengende Seite. Dafür bekommt man aber unglaublich viel zurück. Wenn man einen Partner hat muss dieser sich das auf jeden Fall auch vorstellen können. Ich weiß, dass einige SOS-Kinderdorf-Mütter ihre Partnerschaft strikt von ihrem Beruf trennen, aber das käme für mich nicht in Frage. Der Partner muss die Entscheidung also mittragen.
 

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