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Weltflüchtlingstag

Gleiche Rechte für alle Kinder und Jugendlichen!

Zum Weltflüchtlingstag möchten wir einen Blick auf die Rechte von geflüchteten Kindern und Jugendlichen werfen. Wie geht es geflüchteten Jugendlichen in Österreich 5 Jahre nach der großen Flüchtlingsbewegung? Und wie ist die Situation für Kinder und Jugendliche in den griechischen Flüchtlingslagern? 

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Österreich

Fünf Jahre nach der großen Flüchtlingsbewegung nach Österreich ist es relativ ruhig geworden rund um dieses Thema. Besonders auch um die Situation von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Umso wichtiger ist es uns, anlässlich des Weltflüchtlingstages am 20. Juni, einen Blick auf diese jungen Menschen und ihre Situation in Österreich zu werfen.

Es zeigt sich: von den versprochenen Lösungen wurde wenig eingehalten. Immer noch sind geflüchtete Kinder und Jugendliche Kindern, die in Österreich geboren wurden, nicht gleichgestellt. Sie werden immer wieder im Aufwachsen und in ihrem Alltag massiv benachteiligt und es bleiben ihnen Kinderrechte verwehrt.


Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden nach wie vor massiv benachteiligt im Vergleich zu Jugendlichen, die in Österreich geboren wurden. 

Clemens Klingan
Geschäftsleiter SOS-Kinderdorf

Welche Nachteile haben geflüchtete Kinder und Jugendliche in Österreich konkret?

 

  • Fehlendes Clearing-Verfahren

    Kommt ein österreichisches Kind in Fremdunterbringung, wird es im ersten Schritt immer in einem Krisenzentrum betreut. Dort lebt es wenige Wochen in einer kleinen Gruppe und wird von ausgebildeten PädagogInnen betreut, mit dem Ziel die richtige und für die individuellen Bedürfnisse passgenaue Hilfe zu finden. Im nächsten Schritt erfolgt die Auswahl der richtigen Betreuungsform: Wohngruppe, SOS-Kinderdorf-Familie, sozialpädagogisch-therapeutische Wohngruppe. Unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen bleibt dieses Clearing-Verfahren verwehrt. Sie verbringen die erste Zeit in Großquartieren, bis in der Grundversorgung geklärt ist, welches Bundesland für sie zuständig ist und warten bis es für sie irgendwo einen freien Platz gibt. 
     
  • Massive finanzielle Schlechterstellung

    Die Tagsätze, die im Rahmen der Grundversorgung für die Betreuung von Kindern- und Jugendlichen bezahlt werden, liegen weit unter jenen, die von der Kinder- und Jugendhilfe bezahlt werden. SOS-Kinderdorf betreut unbegleitete minderjährige Flüchtlinge dennoch nach denselben hohen Standards wie alle anderen Kinder und Jugendlichen und federt die finanzielle Lücke mit Spendengeldern ab. Die finanzielle Schlechterstellung wirkt sich aber aus, wenn es um zusätzliche Aktivitäten oder Wünsche geht, wie zum Beispiel ein Urlaub, die Mitgliedschaft in einem Sportverein oder die Teilnahme an einem Feriencamp geht. Auch können die diese jungen Menschen in der Regel kein Geld zur Seite legen, um nach dem Auszug aus dem SOS-Kinderdorf ein Startkapital z.B. für die Kaution für eine eigene Wohnung zu haben.
     
  • Keine Verlängerung der Betreuung bis 21 möglich

    Während österreichische Jugendliche zumindest teilweise die Möglichkeit haben ihre Betreuung in der Kinder- und Jugendhilfe in der Volljährigkeit bis zum 21. Lebensjahr zu verlängern, bleibt jungen Geflüchteten diese Möglichkeit grundsätzlich verwehrt. Gerade diejenigen, die in Österreich keine Familie und auch sonst kaum Netzwerke haben, werden mit dem 18. Geburtstag komplett auf sich alleine gestellt.
     
  • Recht auf Bildung eingeschränkt 

    Seit September 2018 dürfen junge Flüchtlinge, die noch im Asylverfahren stehen, keine Lehre mehr in Mangelberufen beginnen. Auch nicht, wenn sie von ihrem Integrationsfortschritt und ihren Kompetenzen her die Möglichkeit hätten und auch der Arbeitsmarkt den Bedarf hätte bzw. sogar eine Lehrstelle zur Verfügung steht. Wenn sie einen gewissen Bildungsgrad erreicht haben (z.B. Pflichtschule), sind weitere Bildungsmaßnahmen schwer zugänglich und oft mit hohen Kosten verbunden. Auch die Ausbildungspflicht bis 18, die es seit einigen Jahren für österreichische Kinder und Jugendliche gibt, ist für asylsuchende Jugendliche nicht gültig.

Keine Ausreden mehr

Während es im Jahr 2015 noch 8277 Asylanträge von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Österreich gab, waren es im gesamten Jahr 2019 nur mehr 859. Durch die Beschränkungen in der Corona-Krise sind sie Zahlen gar auf den niedrigsten Stand in diesem Jahrtausend zurückgegangen. Im April 2020 wurden lediglich von neun unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen Asylanträge in Österreich gestellt.

Geflüchtete Kinder und Jugendliche österreichischen Kindern und Jugendlichen gleichzustellen kann daher keine finanzielle Frage mehr sein. Eine Entscheidung gegen eine Gleichstellung, ist reine Symbolpolitik und offensichtliche Diskriminierung, die ganz klar gegen die Kinderrechte verstößt.

Junge Menschen zwischen Hoffnung und Ungewissheit

Rund 150 junge Geflüchtete wachsen in Einrichtungen von SOS-Kinderdorf in ganz Österreich auf. Auch Shah, heute 20 Jahre alt, hat bei SOS-Kinderdorf ein neues Zuhause gefunden.

Shah, 20 Jahre, besucht die Landwirtschaftsschule in Eisenstadt. 

"Ich komme aus Afghanistan und lebe seit 2015 in Österreich. Ich habe schon viel erreicht mit Hilfe vom SOS-Kinderdorf. Im Burgenland habe ich ein neues zu Hause gefunden. Leider ist mein Status auch nach 5 Jahren noch nicht entschieden. Diese Unsicherheit ist meine größte Herausforderung. Derzeit besuche ich die Landwirtschaftliche Fachschule in Eisenstadt und habe das erste Jahr erfolgreich hinter mir. Die Schule ist großartig, ich lerne viel für mein Leben. Die Lehrer und die Klassenkollegen sind sehr nett und unterstützen mich sehr.

Eigentlich wollte ich nach meiner Pflichtschulausbildung sofort eine Lehre beginnen. Leider ist dies mit meinen derzeitigen Asylstatus nicht erlaubt. Aber in der Landwirtschaftlichen Fachschule gefällt es mir. Selbst wenn ich nach Afghanistan zurückgeschickt werde, dann hilft mir meine Ausbildung sehr viel. Die Landwirtschaft, das ist ein sehr wichtiges Wissen. Ich wünsche mir, dass ich die Schule auf jeden Fall abschließen kann und hoffentlich in Österreich bleiben darf."

Geflüchtete Kinder und Jugendliche auf den griechischen Inseln

Seit mehr als fünf Jahren, ist SOS-Kinderdorf auf den griechischen Inseln aktiv, um geflüchteten Kindern und ihren Familien in Not zu helfen. Anlässlich des Weltflüchtlingstags am 20. Juni berichtet Popi Gkliva, die Teil des Nothilfeteams von SOS-Kinderdorf Griechenland ist, über ihre Erlebnisse im Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos und warnt, dass die Umstände dort niemals zur Normalität werden dürfen. "Wir können einfach nicht akzeptieren, dass Kinder im 21. Jahrhundert in Europa nicht genug zu essen haben, keinen Arzt sehen können, wenn sie krank sind und täglich der Gefahr von Gewalt und Missbrauch ausgesetzt sind", so Gkliva.

SOS-Kinderdorf Helferin Popi Gkliva im Einsatz. 

 

Welche Erlebnisse im Lager Kara-Tepe machen Sie persönlich am meisten betroffen?
Es sind die Fragen der Kinder, auf die es keine gerechtfertigten Antworten gibt, die mich sprachlos und sehr traurig machen. Wie soll ich einem Siebenjährigen erklären, warum er seine Mutter eineinhalb Jahre nicht sehen konnte? Wie soll ich Kindern, die unbedingt lernen möchten, erklären, warum sie nicht in die Schule gehen dürfen? Was soll ich antworten, wenn mich die Kinder fragen, ob ich auch in einem Container wie ihrem im Flüchtlingslager lebe? Die Stimmen dieser Kinder, die vor Krieg, Gewalt und Armut geflohen sind, werden nicht gehört und ihre Rechte werden ihnen nicht gewährt.
 

Wie können Sie und SOS-Kinderdorf den Kindern trotzdem helfen?
Ein Flüchtlingslager ist ganz klar kein Ort für Kinder. Schon gar nicht während einer weltweiten Pandemie. Dennoch werden wir nicht aufhören, diesen Menschen zu helfen. Seit 2015 haben wir in Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln und auch auf dem Festland insgesamt über 10.000 Kinder und ihre Familien unterstützt. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen Unterkünfte zur Verfügung, bieten psychosoziale, gesundheitliche oder rechtliche Unterstützung an, organisieren Bildungsprogramme und stellen Kindern Möglichkeiten und Räume zur Verfügung, wo sie kreativ sein oder einfach nur Kinder sein können. Während in vielen anderen europäischen Ländern kaum mehr Flüchtlinge angekommen, verschärft sich die Situation in Griechenland immer noch weiter und der Bedarf an Hilfe steigt.
 

Welchen Einfluss hat die Corona-Krise auf Ihre Arbeit?
Die Corona-Krise bedeutet vor allem für die Menschen in den Lagern eine zusätzliche enorme Belastung. Uns als Hilfsorganisation erschwert es unsere Arbeit sehr, weil wir plötzlich keinen direkten Kontakt mehr zu den Kindern und Familien hatten. Es war uns klar, dass es schwerwiegende Auswirkungen haben kann, vor allem auch psychische, wenn die Kinder unseren Kindergarten und den Unterricht im Bildungsprogramm nicht mehr besuchen können. Wir haben unsere Beratungen im Rahmen des Familienstärkungsprogramm über Videotelefonie fortgesetzt. Außerdem haben wir ein digitales Klassenzimmer eingerichtet, um in Kontakt zu bleiben und beim Lernen zu unterstützen. Dank der Unterstützung einer Stiftung gelang es uns, für den Großteil der Familien die technischen Voraussetzungen zu schaffen, damit sie digitale Medien nutzen können.

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