Ukraine Nothilfe

Vier Frauen, ein Gedanke: Für die Kinder stark bleiben! Wir besuchen Viktoria, Natalia, Hanna und Lena, die mit ihren Kindern derzeit in einem rumänischen SOS-Kinderdorf leben. Sie erzählen uns, vom Alltag des Geflüchtetseins ...

Der Krieg in der Ukraine geht in unverminderter Härte weiter. Wir sorgen uns um die Kinder und Familien, die dort immer noch ausharren müssen und um die Kolleg*innen, die dortbleiben, um zu helfen. 

Die geflüchteten Familien sind in den Nachbarländern in Sicherheit und doch denken sie in jeder Minute an die Zurückgelassenen, an die Nachbarn, an verwaiste Gärten und zerbombte Straßen.

In den SOS-Kinderdörfern der Nachbarländer sind alle zusammengerückt und haben Familien aus der Ukraine aufgenommen. Bald nach Kriegsausbruch haben sich auch vier Freundinnen aus dem Süden der Ukraine aufgemacht und sind mit ihren Kindern nach Rumänien geflohen.

Wir haben sie besucht und mit ihnen über Flucht, Ängste und Hoffnungen gesprochen und über ihren unbändigen Willen, für die Kinder stark zu sein. Schwäche leisten sie sich nur in unbeobachteten Momenten, wenn sie ganz alleine sind ...

Interview mit Viktoria, Natalia, Hanna und Lena

Viktoria: Wir dachten, wir würden zwei Wochen bleiben, und jetzt sind wir schon über einen Monat hier. Die Ungewissheit ist unglaublich belastend. Wir hatten doch alle Pläne: Für das Wochenende, für den Sommer, für das kommende Jahr. Jetzt können wir überhaupt nichts planen. Aber wozu auch? Wir wissen ja nicht, wann wir zurückkehren können. 

 

Angst und Unsicherheit bleiben 

Hanna: Der Tag des Kriegsbeginns war unwirklich! Du rechnest ja nicht damit, dass du in der Früh aufwachst und von einer Minute auf die nächste deine Kinder wecken musst, Anziehsachen in die Tasche stopfst und ins Ungewisse aufbrichst. Der anfängliche Schock hat sich gelegt, aber die Angst und die Unsicherheit bleiben.

"Ich habe meinen Papa gezeichnet - so ist er immer bei mir!" Viele der Kinder leiden unter Trennungsschmerz und der Unsicherheit, wann sie ihren Vater wiedersehen werden können.

Familien auseinanderreißen ist für alle furchtbar 

Viktoria: Wir mussten unsere Ehemänner in der Ukraine zurücklassen - auch unsere Eltern, Freunde, Verwandte. Ich telefoniere jeden Tag mit meinem Mann und bete, dass er am nächsten Tag noch ans Telefon gehen kann. Wir vermissen ihn so sehr. Es ist furchtbar, wenn sich eine Familie trennen muss. Egal ob für Mutter oder Vater. 

 

Natalia: Die Eltern in der Ukraine trösten MICH. Sie sagen: “Mach dir keine Sorgen, Töchterchen. Wir haben uns doch schon an die Luftschutzsirenen gewöhnt, wir können ohne die gar nicht mehr einschlafen.”, scherzen sie. Aber ich weiß doch, wie es wirklich ist. “Was auch immer passieren mag, es ist mein Schicksal.” sagt meine Mutter. “Pass nur gut auf meine Enkelkinder auf.” 

 

Eine Schicksalsgemeinschaft, die stärkt 

Viktoria: Wir wollten auf und nach der Flucht unbedingt zusammenblieben. Doch wir waren uns sicher, dass niemand acht Kinder und vier Erwachsene aufnehmen kann. Deshalb sind wir dem SOS-Kinderdorf unendlich dankbar, dass wir alle im selben Haus wohnen dürfen. Das tut uns so gut. 

 

Hanna: So können wir uns gegenseitig unterstützen und trösten. Meinen Eltern ist es mittlerweile gelungen zu flüchten. Sie werden ins gleiche Haus ziehen können. Ich freue mich so, sie bald in meine Arme schließen zu können. 

Eine Zerreißprobe für die Kinder 

Lena: Unsere Kinder kommen gut miteinander aus. Der Tagesablauf hat sich ja drastisch verändert. Meine Tochter vermisst ihre Privatsphäre. Der Krieg und die Flucht stressen sie sehr. Sie hat via Internet mit einem Psychologen gesprochen. Jetzt hat sie unsere neue Realität zumindest vorerst akzeptiert. 

 

Natalie: Die Kinder nehmen am Online-Schulunterricht teil, der von Lehrer*innen organisiert wird, die in der Ukraine ausharren. Wir bewundern die Lehrer*innen sehr. Doch für die Kinder ist es schwierig: Sie sind nach zwei Jahren Online-Unterricht endlich wieder regulär in die Schule gekommen und jetzt sind sie wieder herausgerissen. 

 

Schule, Sport, alles fehlt 

Lena: Wir versuchen sie zu unterstützen, so gut wir eben können. Aber wir sind keine Lehrerinnen. Sie brauchen Lehrbücher, Arbeitsbücher, Übungsaufgaben in ukrainischer Sprache. Die Kinder hatten Judo, Fußball, Tanzunterricht. Das alles fehlt ihnen. Es ist schwer, sie zu motivieren. 

Meine Tochter ist die älteste und hat hier keine Freundin. Sie chattet mit ihren Freundinnen, aber sie fühlt sich trotzdem allein und isoliert. 

Samuel, Eseohe und Eronmonse stammen aus Nigeria und befanden sich auf einem Auslandssemester in Kiew. Sie sind in der letzten Minute nach Rumänien geflohen und haben ebenfalls in einem SOS-Kinderdorf in Rumänien. "Unsere Eltern sind froh, dass wir es geschafft haben und in Sicherheit sind."

Wir sind stark, aber nicht immer, wir brauchen Hilfe. 

Natalie: Wir sind stark und widerstandsfähig. Harte Schale, weicher Kern. Jede und jeder von uns muss hier Mutter und Vater sein. Wir müssen für das Wohlergehen unserer Kinder stark sein. Aber dann lese ich die Schlagzeilen oder sehe die Nachrichten und schlagartig wird mir wieder klar, in welcher Situation ich mich gerade befinde: weit weg von zu Hause, ohne Mann, die Zukunft unsicher. Die Nächte sind besonders hart. Da merkt man, wie dringend wir alle psychologische Hilfe brauchen. 

 

Viktoria versucht die Stimmung aufzulockern: Und wir brauchen einen Sprachkurs - Englisch und Rumänisch! Und Sportarten für uns, Fahrradfahren oder Yoga oder so etwas. Wir müssen aktiv bleiben, uns viel bewegen. Wir gehen gemeinsam in den Park und machen Ausflüge. Das macht uns allen Spaß. Wir können fast für ein paar Stunden unser Schicksal vergessen. 

 

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