Foto: Hannah Merritt, creativemarket.com
Familie

"Es war halt zu viel für sie"

"Sie", das sind Franziskas Eltern. Sie schafften es nicht, sich um das kleine Mädchen und um seine Geschwister zu kümmern. Die Folgen waren dramatisch.

Heute ist "Franzi", wie sie genannt wird, eine lebenslustige junge Frau. Sie lacht, fuchtelt in der Luft herum, wenn sie erzählt. Und sie erzählt viel. An die ersten Lebensjahre hat sie nur dunkle Erinnerungen, ein paar Bilder. Der Christbaumständer etwa, der auch am Heiligen Abend noch leer war, weil Papa es nicht schaffte, rechtzeitig einen Christbaum zu kaufen. Geweint hat sie trotzdem nicht, weil ihr das Christkind eine Puppe gebracht hat. Und weil sie ja eine Familie waren. Sie waren auch noch eine Familie, als Franzi in den Kindergarten kam. Mama hat sie das erste Mal begleitet, sie hat ihr auch ein Jausenbrot mitgegeben. Aber keine Jacke.
 

Das Essen bei den Nachbarn erbettelt

Die Eltern bemühten sich sehr um ihre drei Kinder: Franziska, die Älteste hatte zwei Brüder, Kevin und Elmar waren zwei und vier Jahre jünger. Aber es war einfach zu viel für die Familie. Die Krankheit der Mutter, ihr Vater hat es in keinem Job lange ausgehalten – die Kinder wurden vernachlässigt und blieben über ganze Tage sich selbst überlassen. So wuchsen die drei Kinder anfangs auf, an manchen Tagen war es so schlimm, dass sie bei den Nachbarn um ihr Essen betteln mussten. Einer von ihnen informierte schließlich die Kinder- und Jugendhilfe.
 

Und dann waren sie keine Familie mehr

Es war rasch klar, dass die Kinder nicht bei ihren Eltern bleiben konnten und ein neues Zuhause gesucht werden musste. Kevin und Elmar wurden in einer Pflegefamilie aufgenommen und Franzi kam ins SOS-Kinderdorf. Die Eltern sträubten sich anfangs gegen diese Entscheidung, aber akzeptierten diesen Schritt schon bald.

Für Franzi war es nicht so einfach. Nur zögerlich nahm sie Kontakt zu ihrer SOS-Kinderdorf- Mutter auf. Es fiel ihr schwer, sich an einen geregelten Tagesablauf zu gewöhnen, an regelmäßige Mahlzeiten in der neuen Umgebung. Und daran, dass auf einmal Erwachsene um sie waren, die sie fragten, wie es ihr gehe.
 
Foto: Hannah Merritt, creativemarket.com
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"Ja"

In der Schule tat sich Franzi schwer. Sie war oft unaufmerksam und wirkte überfordert. Es kostete viel Mühe, sie durch die Volksschule zu begleiten. Aber sie spürte zugleich, dass sich in ihrem Leben etwas Entscheidendes verbessert hatte. Eines Tages fragte sie ein Mitschüler, wie das im Kinderdorf so sei: "Ist das eine richtige Familie?" und sie antwortete ohne nachzudenken: "Ja."

Als Franzi 14 wurde, ging ihre SOS-Kinderdorf-Mutter in Pension und sie übersiedelte ins Jugendhaus. Dort lebte sie sich rasch ein und sie begann, ihre Jugend mit "vollem Karacho", wie sie erzählt, zu leben. Inklusive Schulschwänzen, ein paar kleine Ladendiebstähle, erste Versuche in Graffitikunst. Leider auf einem öffentlichen Gebäude, so dass sie nur knapp einer Vorstrafe entging. Aber kein Alkohol und keine Drogen. "Gott sei Dank", meint Franzi heute. Die gute Beziehung zur SOS-Kinderdorf-Mutter, die sie auch heute noch regelmäßig besucht, und zu den Betreuerinnen im Jugendhaus hat sie vor Schlimmerem bewahrt. "Das war dann schon wie in einer Familie."
 

Mit Ach und Krach ...

... schaffte Franzi den Schulabschluss und machte sich auf die Suche nach einer Lehrstelle. In dieser Zeit stand das Miteinander im Jugendhaus manchmal auf der Kippe. Sie verspielte durch ihre Eskapaden viel Vertrauen und machte sich, den anderen Jugendlichen und den Betreuern das Leben manchmal sehr schwer.

Eines hatte sich Franzi aber erhalten: Ihre außergewöhnliche Hilfsbereitschaft, ihre Lust, bei manchen Dingen mit anzupacken – und ihre Liebe zu Kleinigkeiten. Zu solchen Kleinigkeiten, die in Familien alltäglich sind: Weihnachtsdekoration? Nicht ohne Franzi. Wer backte die besten Vanillekipferln? Franzi.
 

Und heute? Und morgen?

Ein bisschen ruhiger wird sie schon, meint Franzi, die heute 20 Jahre alt ist und in einer kleinen Garconniere lebt. Dass die ganz in der Nähe des Jugendhauses und des Kinderdorfes liegt, mag ein Zufall sein. Muss es aber nicht.
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