Kommentar – 26. Mai 2017

Wie geht's deinem Herkunftssystem?

Gastkommentar von Univ.–Prof. Dr. Klaus Wolf, Universität Siegen (Deutschland), Professur für Erziehungswissenschaften/ Sozialpädagogik

Univ.-Prof. Dr. Klaus Wolf


Wenn wir das ein Kind fragen, wird es uns wohl irritiert ansehen ("Hä, was meint er jetzt wieder?"). In der Sozialen Arbeit hat die Frage nach dem Herkunftssystem hingegen Hochkonjunktur.

Unterstellen wir mal, dafür gäbe es vernünftige Gründe: Welche könnten das sein? Herkunft schließt die Eltern mit ein, weitet den Blick aber darüber hinaus auch auf die Geschwister, Großeltern und andere Verwandte, die für das Kind wichtige Menschen sein können. Ohne sie fehlte ihnen etwas, sie gehören zum Kind. Gerade wenn die Eltern ausfallen – im Krieg oder bei Naturkatastrophen oder weil sie aufgrund z. B. psychischer Erkrankungen wichtige Elternfunktionen nicht übernehmen können –, werden die anderen extrem wichtig.
 

Der Begriff Herkunftssystem mahnt: Überseht das nicht, sorgt dafür, dass die Kinder zu den vielen Menschen ihres Herkunftssystems Kontakt haben können.

Univ. Prof. Klaus Wolf


Die Herkunftsfrage ist außerdem ein lebenslanges, das Selbstbewusstsein prägendes Thema. Das beschäftigt alle Menschen, nicht immer, aber immer wieder. Für Kinder, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen konnten, kann das besonders wichtig und zugleich schwierig sein: Warum hat meine Mutter mich nicht behalten? Werde ich als Mutter oder Vater genauso werden wie meine Eltern? Bekomme ich die Erkrankung auch? Gibt es in unserer Familie Menschen, die mir ein Vorbild sein können?

Sie brauchen gute Gespräche, um Antworten zu finden, die ihr Leben nicht überschatten. Die Herkunft und die biologische Familie sind aber auch nicht alles.

Manchmal sind die soziale Elternschaft und Geschwisterschaft extrem wichtig. Hier können die Kinder sich gut entwickeln, hier sind sie beheimatet und vielleicht lebenslang verortet. Aber auch dann sind das Herkunftssystem und die Fragen danach nicht gelöscht, sondern die Kinder suchen Wege in ihrem komplizierten Geflecht an Menschen, mit denen sie in einer Beziehung stehen.

Mich beeindruckt oft sehr, wie sie das schaffen. Vielleicht kann die Beachtung des Herkunftssystems durch die soziale Arbeit ihnen dabei nützlich sein.
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