Familie auf Zeit

Familie auf Zeit

Zu Besuch bei einer Krisenpflegefamilie im Kärntner Lavanttal

 
Krisenpflegeeltern

​Manchmal passiert es, dass Kinder plötzlich nicht mehr in ihren Familien bleiben können und rasch einen Platz brauchen, wo sie Sicherheit bekommen. Dann kümmern sich Krisenpflegeeltern vorübergehend um die Kinder.

Posted by SOS-Kinderdorf on Dienstag, 19. Dezember 2017


Margit Ragger erinnert sich an ihre Entscheidung: "Ich stand gerade in der Küche und hatte was gekocht. Eine Suppe glaube ich. Da hörte ich auf einmal im Radio einen Aufruf, dass Krisenmütter bzw. Krisenpflegefamilien gesucht werden, für Kinder, die akut Unterschlupf in einer Familie benötigen, für einen bestimmten Zeitraum, meist um die drei Monate herum." Sie fasste eigentlich schon beim Zuhören den Entschluss: "Das mach ich!" Dennoch musste natürlich auch ihre Familie mit in die Entscheidung einbezogen werden. Ihre Kinder, damals 12 und 14 und ihr Mann, damals wie heute beruflich bei der Autobahnpolizei.
 
Margit und Hansi Ragger
 

Offene Stelle - Krisenpflege in Kärnten

Wir bieten Ihnen eine interessante und herausfordernde Tätigkeit mit der Möglichkeit, in Ihrem privaten familiären Umfeld Kindern in Krisensituationen vorübergehend ein liebevolles Zuhause zu geben. Sie sind bei uns durchgängig angestellt und erhalten zusätzlich eine entsprechende finanzielle Unterstützung für die Pflege des Kindes.

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"Das Gesamtpaket ist wichtig"

Dr. Christoph Schneidergruber ist fachlicher Leiter vom Hermann-Gmeiner-Zentrum, welches auch den Pflegeelterndienst beinhaltet, sowie die Krisenpflegefamilien ausbildet und begleitet. Er sagt: "Bei einer Krisenpflegefamilie sind natürlich Paare willkommen, aber nicht zwingend. Es kommt da auf das Gesamtpaket an. Natürlich auch auf die häusliche, wirtschaftliche und gesamtfamiliäre Situation."


"Schaffen wir das? Ja! Wir machen es!"

Familie Ragger

Familie Ragger hat die Entscheidung Krisenpflegefamilie zu werden, ziemlich schnell und ohne Umwege getroffen. Und zwar auf einer Radlfahrt: "Ich weiß noch ganz genau, wir sind bis nach St. Andrä geradelt und ich habe mit Hansi abgewogen, ob wir das alles gut schaffen können. Auch von der organisatorischen Seite her. Da kommen ja doch dann auch jede Menge Termine zusammen. Arzttermine, Gericht, Behörden, die leiblichen Elternbesuche, Kindergarten, Schule und so. Aber am Ende der Radltour stand dann endgültig fest: Ja, wir machen es!"
 

24 Stunden Rufbereitschaft und ganz viel Flexibilität

Und sie machen es mit Bravour. Seit nun schon neun Jahren macht Name Programm. Derzeit wirbeln vier kleine Racker bei Raggers durchs Haus. Das Haus macht einen klar strukturierten Eindruck, Frau Ragger auch. Ihr jüngster Schützling, ein acht Monate altes Mädchen hat sich schon einen fixen Platz auf der Hüfte erobert. Bruder Enrico ist sechs Jahre alt. Als er zu Familie Ragger kam, waren beide Beine in Gips. "Bei den beiden war´s so, 12 Uhr klingelte das Telefon, Gefahr in Verzug, Frage, bist Du zu Hause?" Um 18 Uhr saßen Lisa und Enrico auf dem Schoß von Margit.
 
Krisenpflegefamilien: Seit Mai 2010 sind fünf Krisenpflegefamilien bei dem Pflegeelterndienst des SOS-Kinderdorf Hermann-Gmeiner-Zentrums angestellt. Primäres Ziel der Krisenpflegefamilien ist es, die Situation zu beruhigen und die Kinder zu stabilisieren.
 

Liebe, Geduld und ein Wäschetrockner

Ausgerüstet ist die Krisenpflegefamilie immer mit einem Sortiment an Windeln, Gewand, Babynahrung, Spielzeug. Vor allem aber braucht es viel Verständnis, Liebe, Geduld und natürlich einen Wäschetrockner, lacht Frau Ragger. Auf dem WC liegt das unter jungen Eltern bekannte Buch "Wer hat dem Maulwurf auf den Kopf gemacht". Klarer Indikator. "Ja, unsere kleine Evi lernt grad Töpfchen gehen. Da braucht´s a bissl Fantasie." Ihr Bruder Jonas ist vier. Kupferrot kringeln sich die Haare um sein Gesichtchen. Am liebsten möchte man einen dieser zauberhaften Kringel vorsichtig lang ziehen und ebenso vorsichtig zurückschnipsen lassen.
 

Das stille Auge im Hurrikan

An jedem Bettchen der Kinder hängen Fotos ihrer echten Eltern, ihrer Herkunftsfamilien. Schaut man sich die Fotos an, so sieht es eigentlich nicht selten nach "Schönwetterlage" aus. Junge Menschen, mit ihren Kindern, bei einem sonnigen Ausflug. Aber das ist wohl oft nur das stille Auge im Hurrikan. Unsere angekratzte Gesellschaft kratzt bis in die sozialen Kleinststrukturen: Am Familienleben. Und so reißen wirtschaftlicher Notstand, Bildungsdefizite, Armut ganze Familien in den Sog von Gewalt, Verwahrlosung, Vernachlässigung, Beziehungsproblemen, Suchterkrankung – ein Hurrikan kommt auf.
 
(c) StockSnap.io / Freestocks.org
Die Krisenpflegefamilien in Kärnten bieten für Säuglinge und Kleinkinder aus psychosozialen Krisen ein familiäres Umfeld an. Sie helfen mit, die Situation zu beruhigen und die Kinder zu stabilisieren, und tragen dadurch wesentlich zur Bewältigung der Ausnahmesituation bei.


Margits derzeitige Schützlinge haben ziemlich viel Schlechtwetter abbekommen und ein schweres Packerl mitgebracht. "Also früher, wenn ich die Kinder alle ins Bett gelegt habe, hab ich dann ganz gern nochmal ein bissl Fern gesehen oder mir ein Buch geschnappt. Das spielt sich derzeit nicht. Im Moment ist es wirklich ziemlich fordernd muss ich sagen." Allerdings wenn Margits Mann frei hat, dann schaut er ebenso auf die Kinder. Dann hallt es eigentlich nur noch "Hansi, Hansi, Hansi" durchs Haus. Wenn Margit und ihr Hansi mal kurze Auszeit brauchen, dann bekommen sie Unterstützung durch ihre Eltern und die eigenen nun schon großen Kinder. Und dann schnappen sie sich ihr Boot und folgen für ein paar Stunden den Mäandern der Drau.
 

Gut ankommen

Jedes Krisenkind, welches zu Familie Ragger kommt, wird erst einmal ganz in Ruhe durchs Haus geführt und durch den großen Garten. Kleine Aufnahmerituale sind da ganz wichtig. Gemeinsam Vertrauen aus der neuen Umgebung zu schöpfen. Ein großer Berg Spaghetti macht da oft das Ankommen auch ein bissl leichter. Die ersten Nächte schläft Margit meist bei den Kindern. Da brauchen sie ganz besonders viel Trost und Schutz. Ganz wichtig ist dann nach und nach eine Tagesstruktur, ein Rhythmus. Das gibt ihnen Halt und Sicherheit.
 
(c) StockSnap / Lela Johnson
Kontakte zu den Eltern werden wenn möglich aufrecht gehalten, bei Bedarf auch durch die Psychologin des Pflegeelterndienstes unterstützt.
 

Gut gehen lassen

Frau Ragger steht gerade in der Küche und macht einen riesen Berg Kaiserschmarrn mit Eiern von glücklichen Hühnern vom Nachbarn. Ihre kleine Herde sitzt aufgeweckt am Küchentisch. 35 Kinder hat sie schon betreut. 35 Kinder standen bei ihr vor der Tür, sind geblieben und wieder gegangen. 35 kleine Zahnbüsten standen schon bei ihr im Badezimmer und sind dann wieder verschwunden.

"Klar, man hängt an jedem Kind. Jedes Kind hat ein Platzerl in meinem Herzen. Aber es ist auch eine wunderbare Aufgabe, in schwierigen Situationen Liebe und Stabilität geben zu dürfen, bevor sie zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren oder in eine andere Pflegefamilie aufgenommen werden. Und von jedem Kind bleibt ein Foto daheim."

Wenn die Zeit des Abschieds kommt, heißt´s dann Herz zurückschalten und Kopf einschalten. Eine Gratwanderung, die Familie Ragger gut zu gelingen scheint. Sie haben es auf jeden Fall nie bereut, dem Radioaufruf damals mit einem klaren JA zu folgen. Warum? "Wir machen das gerne. Ja, wir machen das einfach gerne. Punkt."
 

Weiterführende Informationen

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