Phurbu Thinley Schulleiter Hermann-Gmeiner Schule Pokhara
Nepal - 13. November 2017

Einmal um die Welt und wieder zurück

Nach dem Verlust seiner Eltern fand der damals sechsjährige Phurbu Thinley Ende der 80er-Jahre ein neues Zuhause im SOS-Kinderdorf Pokhara/Nepal.

Am Fuße des Himalayas sollte für ihn eine lange Reise um die ganze Welt beginnen: Nach dem Schulabschluss führte ihn das Jus-Studium nach Indien, als Menschenrechtler arbeitete er zwei Jahre in New York und als Journalist begleitete er den Dalai Lama bis nach Europa. Vor zwei Jahren kehrte der heute 35-Jährige in leitender Funktion an jenen Ort zurück, der ihm „die Türe zur Welt geöffnet hat“: Die Hermann-Gmeiner-Schule in Pokhara.

 

Du hast mit erst 35 Jahren eine bewegte Geschichte hinter dir. Was hat dich nach all deinen Stationen zurück nach Pokhara geführt?

Die meisten Kinder hier in der Hermann-Gmeiner-Schule sind mit ihren Eltern oder Angehörigen aus Tibet nach Nepal geflohen – genauso wie ich mit meinen Eltern, als ich ein Kleinkind war. Die Motivation an der Arbeit mit jungen Menschen und auch den tibetischen Gemeinschaften hat mich zurück nach Pokhara gebracht. Die Schule hier ist ein Vorzeigeprojekt. Es war trotzdem keine leichte Entscheidung und ich musste überredet werden. Aber das hier ist meine zweite Heimat und ich weiß, was ich SOS-Kinderdorf zu verdanken habe. Ich habe hier Grundwerte fürs Leben gelernt, nach denen ich auch heute noch lebe. Das Dorf und die Schule haben mir die Türe zur Welt geöffnet.


Warum beschreibst du die Hermann-Gemeiner-Schule als Vorzeigeprojekt?

Wir sind eine der ganz wenigen Schulen des Landes, in der tibetische Kinder Zugang zu Bildung haben. Die tibetische Sprache ist komplett anders als die Sprache hier in Nepal. Das führt zu vielen Herausforderungen. Uns ist wichtig, dass die Kinder die tibetische Kultur nicht verlieren. Auch deshalb sind ca. 40 Prozent der LehrerInnen aus Tibet. Gleichzeitig wollen wir die Kinder in Pokhara integrieren. Das gleiche gilt für die tibetischen Gemeinschaften rund herum.
 
 

Heißt das, dass ihr auch in Projekte außerhalb der Schule und des SOS-Kinderdorfs involviert seid?

Genau. Unsere Arbeit hört nicht in der Schule auf. Wir arbeiten sehr stark mit den tibetischen Gemeinschaften in und um Pokhara zusammen. Die Kinder brauchen nicht nur Zugang zu Bildung, sondern auch ein stabiles Umfeld. Deshalb unterstützen wir Projekte, die sich um die Familien und Angehörigen kümmern. Viele Kinder kommen aus großen Lagern für tibetische Flüchtlinge. Dort leben sie in sehr ärmlichen Verhältnissen.


Woher kommt der Rest der knapp 650 Schülerinnen und Schüler?

Viele kommen natürlich aus dem SOS-Kinderdorf. Einige aber auch aus sehr abgelegenen Regionen im Westen Nepals, im Himalaya, wo es kaum Bildung gibt. Sie und ihre Familien sind Binnenflüchlinge, also innerhalb Nepals. Diese Kinder passen sehr gut zu den Kindern aus Tibet, da sie aufgrund der geografischen Nähe eine ähnliche Kultur haben.

Weltweit leben bis zu 150.000 Menschen aus Tibet im Exil, unter anderem im indischen Dharamsala, dem Sitz des Dalai Lama und der tibetischen Exilregierung. Etwa 20.000 leben in Nepal. Die Flucht über den Himalaya ist lebensgefährlich – besonders für Kinder und Jugendliche, die aufgrund fehlender Perspektiven in den vergangenen Jahrzehnten zu Tausenden versuchten, das Land zu verlassen. Neben Kälte, Eis und Schnee macht heute die rigide Grenzpolitik Chinas die Flucht so gut wie unmöglich. Menschen aus Tibet erhalten in Nepal keine Ausweisdokumente, was ihnen den Zugang zum legalen Arbeitsmarkt verwehrt. Kinder sind auf eigene tibetische Schulen angewiesen, um Zugang zu Bildung zu erhalten.


Welchen Stellenwert hat die Schule in der Umgebung?

Wie gesagt, SOS-Kinderdorf leistet hier Vorzeigearbeit, vor allem was die Arbeit mit tibetischen Kindern betrifft. Laut einer aktuellen Rangliste sind wir sogar unter den zehn besten Schulen des Landes. Das macht mich stolz. Jeder hier kennt SOS-Kinderdorf. Nicht nur bei uns in Pokhara, sondern in ganz Nepal. SOS-Kinderdorf ist das beste Produkt aus Österreich (lacht).


Du hast in Indien und New York gelebt und den Dalai Lama als Journalist begleitet. Warst du schon einmal in Österreich?

Nein, leider! Aber ich will unbedingt kommen, da wir euch und den vielen SpenderInnen so viel zu verdanken haben. Hier in Nepal verbindet man mit Österreich zwei oder drei Namen: Heinrich Harrer und Hermann Gmeiner, unseren Gründer. Ich habe das Gefühl, dass alle Menschen hier Hermann Gmeiner kennen. Auch unser Präsident Helmut Kutin ist sehr bekannt und es ist für uns immer eine Freunde und Ehre, wenn er uns besucht.
 


Weitere Informationen



 
/* pageName= Einmal um die Welt und wieder zurück pagePrefix= breadCrumb=Aktuelles / Themen / --SOS-Kinderdorf-Bote 263 / Einmal um die Welt und wieder zurück mainDomain=sos-kinderdorf.at langIdentifier=AT,de */