Das Magazin von SOS-Kinderdorf

Doch.

Kaberettist und FM4-Ombudsmannn Hosea Ratschiller über das Privileg, erziehungsberechtigt zu sein, das Verdrängte, das uns Kinder täglich ins Gesicht schnalzen und über den Dialog, den er täglich mit seiner Tochter führt.

Text: Hosea Ratschiller
 

Eltern werden nicht demokratisch gewählt. Viele Kinder müssen sich ihr Stimmrecht auch heute noch hart erkämpfen. Die Kleinfamilie hat sich aber in den letzten 200 Jahren immerhin von einer Miniaturversion der absoluten Monarchie zu einem wandelbaren Gebilde gemausert. Zumindest gilt das für Österreich. Scheidung ist nicht mehr geächtet, Sozialarbeit ein anerkannter Beruf und Väter brauchen Argumente. Die Errungenschaften von Feminismus und 68er-Bewegung mögen manchen auf die Nerven gehen, ich persönlich möchte aber mit niemandem tauschen, der vor 1970 Kind war. Und Papa bin ich auch lieber jetzt.

Meine Tochter ist manchmal frech, manchmal ehrgeizig, faul oder lustig. Und sie weiß, dass ich all das auch bin. Mein Zorn ist keine Überraschung für sie, ebenso wenig wie meine Liebe zum Weihnachtsfest. Dieses kleine Mädchen kennt mich ziemlich gut. Sie weiß, es ist nicht immer angenehm mit mir, und man bekommt nur manchmal genau das, was man gerade will. Das dritte Eis wird in der Regel abgelehnt, aber ich bin immer für sie da, mit all meinen Eigenschaften. Zumindest bemühe ich mich, ihr dieses Gefühl zu geben. Im Nebenzimmer wohnt kein allmächtiger Cyborg, sondern ein Mensch mit Ecken, Kanten und Rundungen. Darauf kann sie sich verlassen. Das tut uns beiden gut. Bis zu dieser Gewissheit war es ein weiter Weg.

Meine Tochter war auf der Suche nach mir. Sie hat bemerkt, dass da irgendetwas war, was ich ihr nicht zeigen wollte.

 

Als meine Tochter zwei Jahre alt war, hat sie bemerkt, dass es mich unglaublich nervt, wenn man mir ins Gesicht schlägt. Da steigt Wut auf, ich bin gekränkt und sprachlos. Gleichzeitig wollte ich der liebe Papi bleiben. Also habe ich mich bemüht, freundlich und kontrolliert zu reagieren. Folgerichtig hat sie noch ein bisserl öfter, vor allem aber fester zugeschlagen. Meine Tochter war auf der Suche nach mir. Sie hatte bemerkt, dass da etwas war, was ich ihr nicht zeigen wollte. Schließlich habe ich Offenheit gewagt und sie hat aufgehört. Sie war zu mir durchgedrungen. Mittlerweile bekommt meine Tochter keine optimierte Version des Hosea Ratschiller mehr geliefert, sondern den Menschen. Und der zeigt ihr, was er mag und was nicht.

Nein zu sagen, das gehört zu den Kernaufgaben von Eltern. Und der Text des Kindes lautet: „Doch!“ Bei den Tönen, die diese Musik machen, besteht Spielraum. Aber das Lied ist letztendlich immer dasselbe. Erziehung ist ein Ringen um Ordnung. Aber erziehungsberechtigt sind nur die Erwachsenen. Von diesem Privileg sind wir völlig überfordert, und wir schämen uns für unsere Überforderung. Vor den Nachbarn, vor den Großeltern, vor allem aber vor unseren Kindern.

Wir alle spüren, dass sich unsere Arbeitswelt, die Zustände an Schulen, ungelöste Verteilungsfragen, ein naiver Umgang mit Digitalisierung und Migration, ja weite Teile unseres Zusammenlebens negativ auf unser Wohlbefinden auswirken. Und das trotz massiven Wohlstands und enormen Wissens. Diese dysfunktionale Umgebung reichen wir an unsere Kinder weiter. Deshalb haben wir ein schlechtes Gewissen. Besonders deutlich wird das rund um die "Fridays for future"-Bewegung. Die Klimakinder sind Ausdruck unseres schlechten Gewissens. Das Klimathema ist wichtig, Diskussionen um CO2-Neutralität taugen als Einleitung für eine überfällige Debatte um unsere Grundordnung, die nicht mehr tragfähig ist. Die Erderhitzung macht das unübersehbar. Trotzdem versuchen wir wegzuschauen, aber die Klimakinder schnalzen uns das Verdrängte mitten ins Gesicht. Wir sagen "Nein." Die Klimakinder sagen "Doch." Und das ist vielleicht unsere Rettung.

Doch erst muss natürlich die Krise bewältigt werden. Und Krise ist immer. Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Gesundheitskrise. Der Ausnahmezustand verdrängt das Politische aus den Schlagzeilen. Aber meine Tochter und ich, wir bleiben in Verhandlungen. Die laufen mal besser und mal schlechter. Wichtig ist, dass sie überhaupt stattfinden. Sie soll sich an ihr Stimmrecht gewöhnen. Und meine Autorität soll Widerworte ermöglichen. Ich bin vielleicht nicht demokratisch an die Macht gekommen, aber ich habe den Ehrgeiz, sie demokratisch auszuüben. Doch.

"Ein neuer Mensch" auf Tour

Hosea Ratschiller, geboren 1981 in Klagenfurt, ist einem breiten Publikum auch als "FM4 Ombudsmann" bekannt. Seit mehr als zehn Jahren steht er solo auf der Bühne. Sein aktuelles Programm "Ein neuer Mensch" wurde kürzlich mit dem Österreichischen Kabarattpreis ausgezeichnet. 

Aktuelle Tourtermine: www.hosearatschiller.at

Schreiben Sie uns!

Wir freuen uns über Ihre Meinung! Schreiben Sie uns Ihren Leserbrief an salto@sos-kinderdorf.at.
(Mit der Einsendung stimmen Sie einer Veröffentlichung im nächsten Salto-Magazin zu.)

Weitere Artikel aus SALTO