Das Magazin von SOS-Kinderdorf

Stopp, privat!
Das geht Dich gar nichts an!

Die Versuchung ist groß, die Privatsphäre der anderen zu missachten. SALTO wagte einen neugierigen Blick in einen ganz privaten Familienalltag.

Text: Elisabeth Gahleitner

Foto: Lukas Lorenz

Die Teenager-Tochter, genervt, rettet sich aufs Klo. Tür zu, Riegel vor. "Endlich bin ich für mich. Kann man nicht einmal für fünf Minuten seine Ruhe haben, ohne dass einer von der Familie ins Zimmer platzt, mich wegen der Hausübungen löchert, die Handyzeit kontrolliert oder sonst was will? Schrecklich ist das, diese ständige Überwachung! Schon wieder ruft wer nach mir. Ich bin am Klooohoo! Das ist ja wohl mein persönliches Recht, in Ruhe aufs Klo zu gehen." Auch die Mama ist auf der Suche nach einem Rückzugsort. "Mist, das Klo ist besetzt. Na gut, ich geh schnell einkaufen – Milch, Brot, Joghurt, Gurken und Extrawurst – und zehn Minuten ohne ‚Mammaaa!‘ Da gibt es doch ein Recht auf Privatsphäre, wenn ich mich dunkel erinnere!? Verliere ich das automatisch, wenn ich Mutter werde?? Gefühlt ununterbrochen will wer was. Dabei möchte ich ja nicht undankbar sein. Es ist natürlich wunderbar, sie alle da zu haben … aber ein klitzekleines bissi Zeit für mich … Ach …". Die zehnjährigen Jungs chillen im Wohnzimmer und erzählen sich Witze. "Wie nennt man ein helles Mammut? – Hellmut!" Lachen, Überlegen. "Du, sorry, ich hab’ meine Nummer verloren, gibst du mir deine?" Haha! "Willst Du nicht mal deine Fenster putzen? Nö, mir ist meine Privatsphäre wichtiger." Alexa und Siri lauschen gebannt.

 

Eher ein Geheimversteck

Mama fragt die beiden Freunde, was für sie eigentlich Privatsphäre ist. Die Burschen drucksen herum und sagen dann, dass es da so um Briefe geht. Oder eher um das Geheimversteck mit den Naschsachen, weil sie eigentlich nicht so oft Briefe schreiben. Sie finden es auf jeden Fall cool, dass man als Kind ein Recht auf Geheimnisse hat. Die Schwester kommt dazu und fragt, wer ihr neues Shirt genommen hat. "Als ob ich in ihrem Kasten wühle!", verteidigt sich der Bruder. Die Mama sagt, es sei ihr neu, dass sie nicht die schmutzige Wäsche aus dem Zimmer holen und waschen darf. "Das verstößt ja wohl nicht gegen die Privatsphäre, das Kinderzimmer aufzuräumen." Die Tochter packt die Gelegenheit beim Schopf, das Thema breitzutreten, und meint: "Ein Recht auf Privatsphäre bedeutet aber, mich nicht zu stalken und mein Handy zu orten und zu sehen, wo ich mich gerade befinde." Da entgegnet der Bruder: "Ja, aber du darfst auch nicht sagen, dass du gerade woanders bist." Die Schwester: "Ja eh, aber man darf mich nicht stalken … das ist urgruselig!" Freund vom Bruder: "Da hast du schon Recht. Aber Eltern sind ja auch für uns verantwortlich und möchten uns beschützen." "Genau, das ist keine einfache Gratwanderung für Papa und mich – euch Freiheiten lassen und trotzdem besorgt sein", fühlt sich die Mama bestätigt und schielt auf das Smartphone-Display der Tochter, als es "Ping" macht. Den Bruder übermannt die Neugierde: "Wer schreibt dir da dauernd?" "Das geht Dich gar nichts an!", kommt es prompt zurück. Die Mama: "Wenn ich euch mein Handy zum Spielen borg’, stierlt ihr ja auch ab und zu verbotenerweise in meinen privaten Nachrichten – sind ja nur einen Wisch und Klick entfernt."

Sperrzone Kinderzimmer: Analog lässt sich Privatsphäre oft klarer definieren als digital.

Die Neugierde ist zu groß

Es ist einfach, die "unsichtbaren" Grenzen zu übertreten. Alle fühlen sich ertappt. Weil es spannend ist, von den Geheimnissen der anderen zu erfahren, und die Versuchung da ist, ein bisschen zu schummeln und die Privatsphäre der anderen nicht ernst zu nehmen. Wenn nur die Neugierde nicht so groß und das detektivische Aufspüren – wie in der ???- oder !!!-Welt – nicht so verlockend wäre. Umgekehrt stört es natürlich immens, wenn jemand in den eigenen Schreibtischladen, Briefen, SMS und Geheimboxen stöbert. Da Privatsphäre innerhalb der Familie nur klappen kann, wenn sich alle verlässlich daran halten, einigt man sich, künftig einander mehr Respekt zu zollen – zu fragen, anzuklopfen, das Handy nicht zu orten, private Nachrichten nicht zu lesen und sich Rückzugsmöglichkeiten zuzugestehen. Der Alexa-Lautsprecher knistert, das Handy leuchtet auf und Siri schreibt: "Alles klar, ich höre zu …".

Tipps für den Familienalltag


Was bedeutet Recht auf Privatsphäre im digitalen Zeitalter?
Im Alltag scheint es ganz selbstverständlich, dass man anklopft, bevor man das Jugendzimmer betritt. Online jedoch verschwimmen diese Grenzen leichter und viele Eltern verfolgen zum Beispiel den Instagram-Feed ihrer Sprösslinge sehr genau.

Was müssen Eltern beachten, um die Privatsphäre ihrer Kinder zu achten?
Sehr problematisch ist das sogenannte „Sharenting“. Damit ist gemeint, dass Eltern Informationen und Bilder ihrer Kinder online teilen. Da wird leider oft vergessen, das Einverständnis der Kinder einzuholen. Somit wird ihr Mitbestimmungsrecht missachtet.

Was tun, wenn man bemerkt, dass das eigene Kind die Privatsphäre anderer missachtet?
Indem man selbst ein gutes Vorbild ist und besonders auf die Privatsphäre anderer Familienmitglieder achtet. Kommt es dennoch zu einem Fehlverhalten, ist es wichtig, dieses ernst zu nehmen und ein klärendes Gespräch zu führen.

Birgit Satke, Leiterin Rat auf Draht

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