Das Magazin von SOS-Kinderdorf

"Man muss den Leuten auf die Nerven gehen"

Die Klimakrise bringt Jugendliche weltweit auf die Straße.
Drei davon sind Theresa Auer (14), Antonia Bittmann (15) und
Luca Strobl (14). SALTO hat mit ihnen über den Willen zur
Veränderung und Betragensnoten gesprochen – und darüber,
was sie selbst im Alltag für die Umwelt tun.

Interview: Andrea Heigl
Journalistin und Chefin vom Dienst bei SALTO

Drei Jugendliche, die für den Klimaschutz lästig sein wollen: Theresa Auer, Luca Strobl und Antonia Bittman. Foto: Florian Albert

Wann ist das Thema Klimakrise bei euch zum ersten Mal am Radar aufgetaucht?

Theresa: Das war vor der ersten großen Fridays for Future-Demo heuer im März.
Luca: Da haben zum ersten Mal Leute an der Schule Flyer ausgeteilt. Ich habe mich mit dem Thema beschäftigt und habe dann auch aktiv mitgemacht.

Antonia, du engagierst dich direkt bei Fridays for Future – wie hat das bei dir angefangen?

Antonia: Ich kenne das Thema Klimakrise schon seit meiner Kindheit aus den Nachrichten. Ich mache mir darüber schon seit einigen Jahren Sorgen, es macht mir auch Angst. Seit "Fridays for Future" kann ich ein bisschen lockerer leben, weil ich endlich was tun kann.
 


Es ist toll zu sehen, dass ein einzelner Mensch so viel bewirken kann.

Antonia Bittmann



Seit vielen Jahren reden wir über das Thema – erst über den Klimawandel, jetzt über die Klimakrise. Warum, denkt ihr, ist es auf einmal so massiv?

Antonia: Das war schon Greta Thunberg. Sie hat gesagt: Ich gehe nicht mehr in die Schule, für welche Zukunft soll ich lernen? Damit hat sie viele Leute gepackt.
Theresa: Es ist schon arg, wenn man sich überlegt, was sie geschafft hat. Am Anfang hat man ja zu ihr gesagt: Du kannst ja nichts erreichen, du bist ja nur ein Kind. Jetzt kennt sie die ganze Welt.
Antonia: Es ist toll zu sehen, dass ein einzelner Mensch so viel bewirken kann. Es bringt einfach was, auf die Straße zu gehen.

Greta Thunberg polarisiert mit ihrem Protest sehr stark. Wie nehmt ihr diese Kritik an ihr wahr?

Theresa: Als sie im Mai in Wien beim Climate Summit war, hat Arnold
Schwarzenegger ein Foto mit ihr gepostet, und darunter hat sie sehr viel Hate bekommen. So Kommentare wie "Geh in die Schule" – aber das ist ja wohl ihre eigene Entscheidung!
Antonia: Ich glaube, die Leute wollenvon der Sache ablenken. Die sind zu faul, um was zu machen, und bevor sie an sich was ändern, regen sie sich lieber über andere auf.

"Seit Fridays for Future kann ich ein bisschen lockerer leben, weil ich endlich etwa tun kann", sagt Antonia Bittmann. Foto: Florian Albert

Was habt ihr in eurem Leben konkret verändert, um das Klima zu schonen?

Theresa: Ich nehme keine Plastiksackerl mehr beim Einkaufen. Und unsere Familie versucht, Urlaube so zu planen, dass man mit dem Zug hinfahren kann.
Antonia: Mir ist es wichtiger, weniger Gewand zu kaufen – oder Second Hand. Das ist ja auch billiger.
Luca: Ich habe nicht so viel geändert, aber viele Dinge passieren jetzt bewusster – zum Beispiel, dass wir mehr saisonales und regionales Essen einkaufen.

Geht ihr den Erwachsenen damit manchmal auf die Nerven?

Luca: Auf jeden Fall. Ich streite mit meinem Vater, weil er mit dem Auto zum Supermarkt fährt, der nur zwei Straßenbahnstationen weg ist.
Antonia: Ich habe in den Sommerferien viel Zeit für "Fridays for Future" verwendet, und meine Familie ist manchmal schon ein bisschen genervt, wenn ich darüber rede. Oder wenn ich sage: Fliegt’s halt nicht so viel … ich finde, man muss den Leuten auf die Nerven gehen.
Theresa: Viele Erwachsene verdrängen die Wahrheit, dass es so nicht weitergehen kann.

Wie waren die Reaktionen, wenn ihr gesagt habt, ich gehe am Freitag nicht mehr in die Schule?

Antonia: Meine Mutter hat gemeint, so lang ich keinen Fünfer hab’, kann ich dort hingehen. Sie entschuldigt auch die Fehlstunden. Die Lehrer reagieren gespalten. Es gibt schon welche, die sich beschweren und ich versteh’s voll, dass man sich ärgert, wenn man eine Stunde vorbereitet und dann ist niemand da. Aber Greta Thunberg hat schon recht: Wofür sollen wir lernen, wenn wir keine Zukunft haben?
Theresa: Ich habe eine Freundin, die eine schlechte Betragensnote bekommen hat. Das finde ich übertrieben.

Gibt es auch Leute in eurem Alter, die meinen, der Schulstreik bringt nichts?

Theresa: Bei uns haben sich schon einige aufgeregt, dass wir nur zur Demo gehen, um Schule zu schwänzen. Die wollen einfach überall Hass verbreiten… aber ich ignoriere das einfach. Wenn sie so denken, dann können sie so denken. Aber sie müssen deswegen niemanden beleidigen.

Foto: Florian Albert

Antonia: Ich bin in meiner Klasse die einzige, die streiken geht. Viele finden das cool, gehen aber nicht hin.

Welches Gefühl gibt es euch, auf die Straße zu gehen?

Antonia: Es ist urcool, wenn alle für eine Sache brennen und sich reinhängen. Man findet gute Freunde dort.
Luca: Demonstrationen haben eine spezielle Atmosphäre, weil alle Leute für dasselbe sind. Das verbindet einfach.

In Österreich dürfen junge Menschen ab16 wählen, das heißt, ihr seid alle noch zu jung dafür. Ärgert euch das?

Antonia: Ja, voll. Ich verstehe, dass es ein Mindestalter geben muss, aber es nervt mich.
Theresa: Ich finde generell schon gut, dass man erst ab 16 wählen kann. Ich glaube, für mich wäre es eine Überforderung, mich für eine Partei zu entscheiden. Ich finde, „Fridays for Future“ ist eine gute Überbrückung, weil ich dadurch auch zeigen kann, was ich für eine Meinung habe.


Klar haben die Parteien ihre Zielgruppen, die haben sicher große Angst davor, Wähler zu verlieren, wenn sie etwas verändern.

Luca Strobl

 

Viele Jahre lang hat man jungen Menschen vorgeworfen, dass sie so politikverdrossen sind …

Theresa: Und jetzt engagieren sie sich …
Luca: … und die Erwachsenen regen sich wieder auf.
Antonia: Ich glaube, das richtige Thema musste kommen. Wir sind eine Generation, in der Leute wieder mehr politikinteressiert sind. In der Jugend meiner Mutter war die Zukunft nicht so gefährdet.
Luca: Ein großer Teil davon sind sicher die Sozialen Medien, vor allem Instagram.
Theresa: Man kann sich jetzt auch besser informieren als unsere Eltern in ihrer Jugend.

Wäre eine so große Bewegung wie „Fridays for Future“ ohne Soziale Medien überhaupt möglich gewesen?

Antonia: Es wäre schwieriger gewesen, die Veranstaltungen zu organisieren, wahrscheinlich wären weniger Leute hingekommen. Es hätte sicher länger als ein Jahr gebraucht, bis eine Bewegung entsteht.

Eine Eindämmung der Erderwärmung auf 1,5 Grad ist im Pariser Klimaabkommen festgelegt. Glaubt ihr, dass die Politik das ernst nimmt?

Antonia: Es ist sicher nicht angekommen, wie dringend es ist. Sonst würde ja etwas passieren.
Luca: Das Ziel gibt es ja schon so lange…
Theresa: Es ist schon enttäuschend, dass es Kinder schneller checken als Politiker.
Antonia: Das macht mich grantig. Politiker sind ja auch Leute, die Kinder haben.
Luca: Klar haben die Parteien ihre Zielgruppen, die haben sicher große Angst davor, Wähler zu verlieren, wenn sie etwas verändern. Das ist aber kein guter Grund, finde ich.
Antonia: Es geht immer nur um die nächste Wahl. Nicht um die langfristigen Auswirkungen oder um die Sache.

Tipps für den Familienalltag


Beteiligung taucht immer wieder als Schlagwort auf. Was ist damit konkret gemeint?
Beteiligung heißt, mitentscheiden zu können, wenn es ums eigene Leben geht – bei der Gestaltung des Alltags, der Privatsphäre oder auch, wenn es das eigene Aussehen betrifft.

Wie kann man Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, sich für ihre Rechte einzusetzen?
Erwachsene sollten auf jeden Fall an der entsprechenden Haltung arbeiten: neugierig und interessiert an den Ideen der Kinder und Jugendlichen sein. Und man sollte sich im täglichen Zusammenleben immer wieder fragen: Wie können wir Selbstbestimmung in den normalen Tagesablauf integrieren?

Können Bewegungen wie „Fridays for Future“ die Einstellung von Erwachsenen zum Thema Kinderrechte nachhaltig verändern?
Der daraus entstehende Diskurs ist auf jeden Fall hilfreich, weil er eine Auseinandersetzung mit dem Thema Beteiligung von Kindern und Jugendlichen bedeutet. Hoffentlich führt dieser dazu, dass Beteiligung ein gutes Stück selbstverständlicher wird.

Markus Babler, Sozialpädagoge und Beteiligungsbeauftragter bei SOS-Kinderdorf

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