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Internet

Wie das Internet wirklich klüger macht

Gegoogeltes Wissen bleibt nicht so gut hängen, Multitasking lenkt ab: neurologische, psychologische und soziale Studien bescheinigen, dass die Digitalisierung nicht automatisch dazu führt, dass wir alle klüger werden. Wie es dennoch funktionieren kann?

Seit es elektronische Massenmedien gibt, gibt es Befürchtungen, dass diese einen negativen Einfluss auf Kinder und Jugendliche hätten. Radio und Plattenspieler, so hieß es in den 1950er- und 1960er-Jahren, würden die Jugend rebellisch machen. In den 1970ern und 1980ern wurde das Fernsehen zum dominanten Medium – damals hieß es, dass Actionfilme die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen erhöhen würden oder dass die vielen Stunden vor dem Fernseher zu einer sozialen Verarmung führen würden.

Zehn Jahre nach der Erfindung des Smartphones wiederum soll sich nun das Internet negativ auf Kinder und Jugendliche auswirken. Gegipfelt ist diese Kritik in der Behauptung des deutschen Hirnforschers Manfred Spitzer, dass das Internet "dumm" mache – sein Buch "Digitale Demenz" wurde im Jahr 2012 zum Bestseller.
 
Gut in den Unterricht eingebaut, ermöglichen digitale Tools individuelles Lernen – so wie hier in der Volksschule Breitenlee.
 

Keine Panik

In der Fachwelt blieb Spitzers Urteil nicht unwidersprochen. So haben zum Beispiel die Linzer Psychologen Markus Appel und Constanze Schreiner keine Belege dafür gefunden, dass die Nutzung digitaler Medien zur sozialen Vereinsamung führt, gesellschaftliches und politisches Engagement verhindert oder die Einsamkeit erhöht.

Klar nachweisbar ist, dass Lernen mit Computer und Internet sowie inklusive Lernspiele positive Konsequenzen haben können – insbesondere dann, wenn die elektronischen Medien mit herkömmlichen Lernmethoden verknüpft werden. Panik ist also nicht angesagt.

Doch gleichzeitig ist klar, dass es negative Effekte gibt: So konnten Neurowissenschaftler etwa nachweisen, dass man sich gegoogelte Informationen nicht so gut merkt wie Wissen, das man sich aus Büchern angeeignet hat; dieser Wissensrahmen fehlt dann, um heutige komplexe Fragestellungen bewältigen zu können.

Eine Forschungsreihe aus Kanada legt nahe, dass Googeln "denkfaul" machen könnte – statt sich auf das eigene Gehirn oder auf das Bauchgefühl zu verlassen, vertraut man eher der Information aus dem allgegenwärtigen Smartphone.

Ein Problem ist auch das weitverbreitete "Multitasking": Wenn man viele Dinge gleichzeitig macht (etwa parallel zum Lernen am Handy E-Mails checken und am Tablet auf Facebook schauen), dann behindert dies den Erwerb neuen Wissens. Und auch die sozialen Folgen sind nicht vernachlässigbar: Wie Forscher der MedUni Wien kürzlich nachgewiesen haben, hat Cybermobbing genauso desaströse Konsequenzen wie der Ausschluss aus sozialen Gruppen im "echten" Leben. Gleichzeitig sind sich Expertinnen und Experten darüber einig, dass auch das Umfeld, in dem elektronische Medien genutzt werden, extrem wichtig ist.
 
Auch in digitalen Klassenzimmern haben Schulbuch, Heft und Stift längst nicht ausgedient.


"Die Medien sind nicht das eigentliche Problem, dieses liegt vielmehr in den schwierigen lebensweltlichen Bedingungen der Kinder, sozioökonomisch und sozioemotiona", resümiert die Salzburger Kommunikationsforscherin Ingrid Paus-Hasebrink die Ergebnisse einer Langzeitstudie.

Eine zentrale Rolle spiele das Erziehungsverhalten der Eltern: Während Familien aus besseren sozialen Milieus bei der Medienerziehung vorwiegend kinderorientiert agierten, herrsche bei sozial benachteiligten Familien, meist aus Überforderung, die Resignation vor. In letzterer Gruppe hat die überbordende Nutzung digitaler Medien deutlich negativere Folgen.
 

Drohender Digital Divide

Dass fehlende Unterstützungssysteme zu einem "Digital Divide", also zu einer digitalen Kluft, führen können, bestätigt auch der Bildungsforscher Stefan Hopmann: "Es wäre falsch, zu erwarten, dass sich Schülerinnen und Schüler die Lehrinhalte mittels Laptop oder Tablet allein erarbeiten. Wir wissen aus der Forschung, dass das nur jenen hilft, die unterstützt werden. Schule ist nicht die Einübung von einzelnen Fertigkeiten, sondern es ist der gemeinsame Umgang mit dem Erlernen der Welt. Dieser soziale Vorgang ist durch Technik nicht zu ersetzen."

Ein großes Thema seien beim Thema Digitalisierung auch die Kompetenzen der Lehrerinnen und Lehrer. Hopmann: "Es gibt viele kluge Kolleginnen und Kollegen, ich will keine pauschale Kritik äußern. Aber die Leute, die sich vor 15 oder 20 Jahren Lehrerbildung ausgedacht haben, konnten nicht wissen, dass die digitale Welt so massiv in den hintersten Winkel der Kinderwelt eindringen wird. Da haben wir Aufholbedarf."

Dass soziale Kompetenzen mindestens ebenso wichtig sind wie digitale Skills betont wiederum die Wiener Bildungspsychologin Christiane Spiel: "Auch, vielleicht sogar insbesondere in einer digitalisierten Welt kommt Empathie und Altruismus sowie dem Umgang mit Konflikten und Unterschiedlichkeiten ein sehr hoher Stellenwert zu. Sie sollten daher gezielt gefördert werden." Dabei können Kinder laut Spiel vor allem voneinander viel lernen: Wichtig für die Entwicklung von Empathie sind Erlebnisse in der "Peergroup", also der Umgang mit anderen Kindern. Besonders der Kindergarten ist dabei prägend und kann auch sozio-ökonomische Ungleichheiten austarieren.

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