Das Magazin von SOS-Kinderdorf
Interview

"Viele Kinder sind auf Fantasy gedrillt"

In Christine Nöstlingers Kinderbüchern geht es sehr analog zu. Warum sie bis heute funktionieren, kann sich die Autorin selbst nicht ganz erklären. Geschäftsführer Christian Moser sprach mit ihr über Außenseiter, Weltflucht und Bilder im Kopf.

Beschäftigen Sie sich mit sozialen Medien?

Nein, faktisch überhaupt nicht. Hin und wieder google ich was.
 

YouTube wird von vielen Jugendlichen genutzt, um sich selbst darzustellen. Haben Sie das Gefühl, dass die Anliegen von jungen Menschen heute mehr gehört werden als früher?

Nein, habe ich nicht. Wobei das natürlich ein schichtspezifisches Thema ist. Viele Leute, die ich kenne, hören ihren Kindern mehr zu und sind viel einfühlsamer, als es Eltern früher waren, aber das sind alles halbwegs gut verdienende, sehr gut ausgebildete Menschen.
 

Welche Probleme hätte der Franz aus den "Geschichten vom Franz" heute?

Naja, was hat ein Kind für Probleme? Schule, Eltern, Freundschaft oder Liebe – diese Beziehungen bleiben gleich. Aber die Auswirkungen sind andere. Der Franz hätte heute wahrscheinlich ein Problem mit Mobbing, weil er nicht so angepasst ist wie die anderen. Das Gefühl dafür, was man tut und was nicht, das haben heutige Kinder weniger und dadurch auch vielleicht weniger Empathie.
 

Wo geht diese Empathie verloren?

Wenn ein Kind unter einer Helikoptermama aufwächst, hat es andere Probleme, als wenn es in der Großfeldsiedlung aufwächst. Ich stelle auch fest, dass sich Kinder, die liebevoll betreut werden, heute viel schneller entwickeln. Freunde meiner Tochter haben kleine Kinder im Vorschulalter oder im Kindergartenalter. Die sind sprachlich auf einem Level, das ist höchst erstaunlich.
Pionierin im Kinderzimmer - Kaum ein Kinderzimmer kommt ohne die Bücher von Christine Nöstlinger aus. Ihr erstes Buch, "Die feuerrote Friederike", erschien 1970. Typisch für die über 100 Werke der 81-jährigen Wienerin sind Außenseiterfiguren wie Gretchen Sackmeier oder Franz Fröstl, dem sie eine ganze Reihe ("Geschichten vom Franz") gewidmet hat. Nöstlinger selbst war – gemeinsam mit Astrid Lindgren – eine Pionierin in der männerdominierten Kinder- und Jugendliteraturszene.
 

Womit hat das zu tun?

Weil sie wahrscheinlich vernünftiger angeredet werden. Was habe ich mich immer geärgert, wenn ich mit einem kleinen Kind gegangen bin. Die Leute sind ja richtig übergriffig und sagen dann Sätze wie "Hast du Locki, so schöne, nicht?" Alles mit einem "i" hintendran. Und wenn ein Kind einmal etwas nicht aussprechen konnte, dann ist das gleich in der ganzen Familie so genannt worden. Unser Nachbarkind hat zum Beispiel zu Erbsen "Pipsi" gesagt und dann hat die ganze Familie plötzlich Pipsi gesagt. Meine Tochter, die bei ihnen zu Besuch war, ist einmal zu mir gekommen und hat gesagt: "Ich hätte ja mitessen können, aber die sagen, wir essen Pipsi, ich kenn‘ das nicht. Da bin ich nach Hause gegangen."
 

Solche Figuren wie der Franz, die es nicht immer leicht haben – würden die sich heute online Freunde suchen?

Also, darüber würde ich nicht schreiben wollen. Man nimmt sich ja Außenseiter oder außergewöhnliche Kinder als Autorin, damit da was los ist. Wenn ich den Alltag zum Beispiel einer meiner Töchter beschrieben hätte, hätte ich ein saufades Buch gehabt: Sie will in der Früh nicht aufstehen, sie geht dann doch in die Schule und ärgert sich über die Lehrerin und kommt wieder nach Hause. Muss eine Aufgabe schreiben, ist grantig zur Frau Mutter und geht am Abend entweder leicht frustriert oder gar nicht frustriert ins Bett, da wird ja kein Buch daraus.
 

Woran schreiben Sie derzeit?

Hin und wieder schreibe ich Artikel für die "Süddeutsche Zeitung" oder "Die Zeit", mehr traue ich mich auch nicht mehr schreiben. Für kleine Kinder kann ich es noch, weil die haben sich weniger verändert, aber so für 12-, 13-Jährige ein Buch schreiben, nein, da bin ich zu weit weg. Kinder und Jugendliche wollen ja nur Bücher, die aus der Sicht des Kindes geschrieben sind. Von außen irgendwie distanziert geschildert, das interessiert sie nicht und ich kann mich nicht mehr in einen Zwölfjährigen hineinversetzen. Da müsste ich einen ganz komischen Außenseiter erfinden.
 

Welche Rolle spielen Bücher für Kinder und Jugendliche heute?

Vor ein, zwei Jahren war eine Frau bei mir mit einem Buben, der war so zwischen drei und vier. Ich hab‘ ihm ein Buch gegeben mit Bildern drin. Er wollte an den Inhalt ran – und hat gewischt. Offensichtlich hat er noch nie ein Buch in der Hand gehabt. Kinder waren früher eifrigere Leser als Erwachsene, aber ich glaube, dass sich das ändert. Man muss auch heute noch die Fantasie trainieren. Die Kinder wachsen in einer klar definierten Bilderwelt auf, in der ein Baum immer ein Baum ist.
 

Beschäftigen Sie sich mit Jugendsprache?

Ja. Manches gefällt mir, manches nicht. Ich habe bemerkt, dass man sie nicht in Bücher verpacken kann, weil sich alles viel zu schnell ändert. Du schreibst ein Buch, und bis das in der Buchhandlung auf den Tisch kommt, ist schon wieder ganz was anderes en vogue.
 

Ihre Bücher werden Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen trotzdem noch immer gelesen.

Eigentlich verstehe ich das auch nicht. Ich kenne viele Kinder, die gerne Bücher lesen, die ich in den 1970er Jahren geschrieben habe. Ob die das lesen wie einen historischen Roman? Unlängst war eine Zwölfjährige bei mir, die mir gesagt hat, dass ihr ein bestimmtes Buch so gefallen hat, dann habe ich ein bisschen hineingesehen in das Buch und da steht allerhand drinnen, da diskutieren zum Beispiel Teenager über Lucy in the sky with diamonds, also LSD. Also was ein heutiges Kind dann zum Beispiel glaubt, was das ist? Das liest dann wahrscheinlich einfach drüber.
 
Hin und wieder wird Christine Nöstlinger nach einem Selfie gefragt, erzählte sie Christian Moser – der prompt nach einem Selfie fragte. Mit im Bild: SALTO-Chefredakteurin Martina Stemmer.
 

Was halten Sie von der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur?

Viele Kinder sind völlig auf Fantasy gedrillt in ihrem Hirn. Ich halte das eigentlich für eine Weltflucht. Und sie haben ja auch jegliches Recht dazu, denn so schön ist unsere Welt nicht, dass man sich viel damit auseinandersetzen will. Und sie können ja eh nichts ändern, sie sind ja abhängig. Und da flüchtet man halt in eine ganz andere Welt, mit ganz anderen Gesetzen und bekämpft vor allem immer das Böse, was im Fantasyroman leicht geht.
 

Werden sie eigentlich oft nach einem Selfie gefragt?

Also, ich finde das dermaßen unmöglich. Ich bin ja nur eine kleine Mini-Prominenz, aber eine Zeit lang ist mir das praktisch alle 14 Tage passiert, dass jemand fragt: Darf ich eh ein Selfie mit Ihnen machen? Und du stehst dann da und kannst dich nicht dagegen wehren. Wenn ich mir vorstelle, dass ich wirklich prominent wäre so wie ein Schauspieler – das ist ja nicht zum Aushalten! Bitte, der George Clooney, der kann doch nur mehr mit Tarnkappe außer Haus.
 

Jetzt trauen wir uns fast nicht mehr fragen, aber: Dürfen wir ein Selfie mit Ihnen machen?

Das passt schon, es ist ja der Kontakt bereits hergestellt. Das letzte Mal ist es mir vor ein paar Monaten bei der Internistin im Vorzimmer passiert.

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