Das Magazin von SOS-Kinderdorf
Digital Natives

"Sogar meine Oma verwendet WhatsApp"

Für sie gab es keine Welt ohne Smartphones: SALTO hat vier junge Menschen getroffen und mit ihnen über ihre Sicht auf die vermeintlich übervernetzte Jugend von heute gesprochen.

Digital Natives, iGen, Post-Millenials: So nennt man jene Generation, für die es nie eine Welt ohne Internet und Handys gab. Smartphones und Social Media hätten sie abhängig gemacht, sagt man. Wie beurteilen sie das selbst? Kassandra Mährenbach (16), Philipp Ebenbichler (16), Emil Holub (16) und Adis Schulmeister (15) über Smartphone-Pflicht in der Schule, Privatsphäre und den Handy-Gebrauch ihrer Eltern.
 

Erinnert ihr euch, wann euer letzter Tag ohne Smartphone war?

Philipp: Das ist sehr lange her.
Adis: Es gab bestimmt mal so einen Tag, wo ich es nicht benutzt habe ...
Philipp: ... eher in der Unterstufe.
(Kassandra und Emil schütteln lachend die Köpfe.)
 

Und die längste Zeitspanne, ohne aufs Handy zu schauen?

Philipp: Ein Tag.
Adis: Wenn man aufwacht, dann checkt man mal neue Nachrichten und dann halt am Abend wieder.
Emil: So vier, fünf Stunden normalerweise.
Kassandra: Ja, ich würde auch sagen, ein paar Stunden täglich. Das kommt auch immer darauf an, was man gerade macht. Ob man draußen ist oder zu Hause.
 

Könntet ihr euch vorstellen, ohne Smartphone zu leben?

Alle: Nein!

 

Sind die Digital Natives wirklich so abhängig vom Smartphone, wie man es ihnen nachsagt? SALTO fragte nach.


Welche Apps, Plattformen oder Seiten sind am wichtigsten für euch?

Adis: Früher Instagram, jetzt Whats- App, Snapchat und – am allerwichtigsten – YouTube. Ohne YouTube und WhatsApp geht‘s nicht. Ich schaue auf YouTube irgendwelche Random- Sachen und folge einigen YouTubern aus Amerika.
Kassandra: Ja, voll: WhatsApp und YouTube.
Philipp: WhatsApp brauchen wir ja auch in der Schule. Es gibt Klassengruppen, in denen wir unsere Aufgaben und Termine mitgeteilt bekommen. Und was machen Jugendliche, die kein Smartphone haben?
Kassandra: Du musst eines haben, anders geht es gar nicht.
Adis: Ja, du musst einfach eines haben.
Kassandra: Es ist nicht mehr so, dass du die Wahl hast. Du hast ein Smartphone, oder du kannst nicht mehr richtig an der Schule und am Unterricht teilnehmen. Wir bekommen auch unseren Stundenplan auf WhatsApp.
Philipp: Lehrer verlangen teilweise, dass wir es im Unterricht verwenden.
Adis: Stimmt voll. Einer meiner Lehrer sagt dann zum Beispiel, wir sollen während der Stunde am Smartphone gewisse Dinge recherchieren.
 

Auf eure Kosten?

Philipp: Naja, wir haben schon Schul-WLAN.
Emil: Ja, wir verwenden nicht unser eigenes Internetguthaben ...
Kassandra: ... aber sie setzen voraus, dass wir alle Smartphones mithaben.
Adis: Es gibt zum Beispiel dieses Spiel, Kahoot heißt es. Das ist so eine Art Lern-Quiz mit Multiple Choice und das spielen wir regelmäßig mit dem Lehrer im Unterricht. Und wir haben kein Schul-WLAN an unserer Schule, sondern da wird vorausgesetzt, dass wir alle Smartphones mit Internetguthaben besitzen.
 

Und wie ist das zu Hause? Machen euch eure Eltern beim Smartphone-Gebrauch Vorgaben?

Kassandra: Nein, das geht nicht mehr. Das wäre, als würden sie sagen, du darfst ab einer bestimmten Uhrzeit nicht mehr aufs Klo gehen.
Philipp: Das ist unmöglich. Wirklich.
Adis: Vor zwei oder drei Jahren vielleicht, als wir noch jünger waren. Aber jetzt nicht mehr.
Kassandra: Ja, jetzt sind es schon mehr unsere Eltern, die dann während dem Essen ins Handy tippen. Meiner Mutter muss ich immer wieder sagen, sie soll es weglegen. Emil: Sogar meine Oma verwendet inzwischen WhatsApp.
 
 
 

Kommuniziert ihr mit euren Freunden mehr virtuell oder von Angesicht zu Angesicht?

Adis: Ich würde fast sagen, dass ich mich wesentlich mehr mit Freunden treffe, als mit ihnen über das Smartphone zu kommunizieren.
Philipp: Das ist so ein klassisches Vorurteil gegenüber Jugendlichen: Dass wir nur noch am Handy hängen und überhaupt nicht mehr hinausgehen. Das stimmt so nicht. Wir verbringen alle viel Zeit mit unseren Freunden und auch in unserer Klasse kommunizieren wir viel mehr von Angesicht zu Angesicht als virtuell.
 

Haben Messenger-Apps eure Art, Nachrichten zu schreiben, verändert?

Kassandra: Auf jeden Fall. Aber bei Deutschschularbeiten schreibe ich sehr wohl in ganzen, langen Sätzen.
Adis: Als ich begonnen habe, Nachrichten zu schreiben, habe ich noch ganz anders geschrieben. Mit der Zeit hat sich das total verändert.
Kassandra: Ja, am Anfang musste man immer fragen, was denn das heißt ...
Adis: ... und mit der Zeit kennt man dann halt alle Abkürzungen und verwendet sie auch.
 

Thema Datenschutz: Macht euch das Sorgen?

Emil: (schüttelt den Kopf)
Adis: Nein, nicht wirklich.
Kassandra: Nein, ich würde mit meinen Freunden auf der Straße genauso reden, wie ich es auf WhatsApp tue, und da können uns ja auch alle hören. Okay, die Bilder, die wir uns schicken, sind vielleicht eine andere Sache. Aber eigentlich ist es mir egal.
Philipp: WhatsApp versichert ja, dass alles verschlüsselt wird. Aber als WhatsApp von Facebook gekauft wurde, von denen man weiß, dass die so ziemlich alles sammeln, war das schon ein ungutes Gefühl.
Adis: Aber es gibt ja eigentlich keinen Grund, warum sie ausgerechnet Leute wie uns ausspionieren sollten.
Kassandra: Und es ist auch egal, was ist schon so wichtig an dem, was wir untereinander schreiben?
 
 

Dass große Konzerne eure Daten nutzen, um ihre Werbung auf euch zuzuschneiden, ist euch egal?

Kassandra: Nein, stimmt, das ist arg! Ich habe letztens auf YouTube was geschaut, und danach etwas ganz anderes auf Google gesucht und Google wusste bereits, was ich zuvor gemacht habe. Das war, als würde Google sagen: Oh, ich hab‘ gesehen, du hast dich damit beschäftigt! Das war echt spooky.
Adis: Wenn man das so sieht, dann ist das schon creepy.
Philipp: Gleichzeitig kann das aber auch gut oder zumindest praktisch sein, weil man auf neue Dinge stößt, die man tatsächlich brauchen kann. Und man kann es auch selbst beeinflussen: Ich muss ja nichts anklicken, was ich nicht will.
 

Ist euch online schon einmal etwas Angsteinflößendes passiert?

Kassandra: Voll! Mich hat einmal auf Skype ein Fremder angequatscht und in eine Gruppe eingeladen. Ich sollte die Kamera anschalten, meinte er.
Adis: Ja, da kenne ich auch eine Geschichte. Das ist aber nicht mir passiert, sondern anderen in der Schule: Es gibt auf Instagram Gruppen, die sammeln erst alle Informationen über dich und dann drohen sie, sie weiterzugeben.
 

Habt ihr das Gefühl, ihr seid gewappnet, was den Umgang mit digitalen Medien betrifft?

Philipp: Medienkompetenz müsste längst in der Schule unterrichtet werden. Denn woher sollen wir es denn lernen, wenn selbst die Erwachsenen nie das Handy aus der Hand legen und sich mit vielem nicht auskennen?
Kassandra: Das ist das Allerschlimmste: Wenn man auf der Straße oder in den Öffis Eltern sieht, die die ganze Zeit nur am Handy herumtippen, anstatt sich mit ihren Kindern zu beschäftigen.
Philipp: Oder noch schlimmer: Kleinkindern das Handy oder Tablet geben, damit sie ruhig sind.
Kassandra: Ich würde meinen Kindern frühestens am Ende der Volksschule ein Smartphone kaufen. Denn ganz ehrlich: Früher brauchst du es wirklich nicht!
Emil: Ja voll, und es ekelt mich auch an, wenn ich so kleine Kinder sehe, die nur noch auf den Bildschirm starren.

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