Das Magazin von SOS-Kinderdorf
Digitaler Familienalltag

Sieben Updates für digitale Spätzünder

Erwachsene tun sich schwer damit, dass der Nachwuchs ständig online ist – und fühlen sich als digitale Spätzünder. Doch ist die Kluft zwischen den Generationen wirklich so unüberwindbar? SALTO wagt den Perspektivenwechsel und hinterfragt sieben Klischees.

Seufzen, Achselzucken, Kopfschütteln. Man versichert sich gegenseitig, dass man tut, was man kann, es aber eh nicht zu ändern ist, wechselt noch einen letzten besorgten Blick – und überprüft dann seinen Posteingang am Smartphone.

Wenn Erwachsene über den Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen sprechen, zeigen sich oft zwei Dinge: Erstens haben viele das Gefühl, tatenlos dabei zusehen zu müssen, wie sich ihre Kinder Richtung digitales Mordor aufmachen.

Zweitens sind die wenigsten gewillt, ihre eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen. Und bleiben online – während sie sich darüber Sorgen machen, dass ihre Kinder ständig ins Netz flüchten. Aber vielleicht hilft schon die Bereitschaft, gängige Klischees zu hinterfragen.
 

SALTO hat zwar keine allgemeingültigen Wahrheiten gefunden – aber neue Denkanstöße:

 

Ob sie sich per WhatsApp oder auf dem Schulhof austauschen, ist für viele Jugendliche nebensächlich. Was zählt, sind gemeinsame Interessen. Und da können soziale Medien sehr hilfreich sein. Ein Jugendlicher, der nicht dieselben Dinge cool fi ndet wie die meisten anderen in seinem Umfeld, wurde früher schnell zum Außenseiter. Heute muss seine Suche nach Gleichgesinnten nicht im Nachbardorf enden. Er kann sich in der virtuellen Welt umschauen – egal, ob es dabei um Zungenpiercings oder Orchideenzucht geht. Und weil es oft leichter ist, online über persönliche Dinge zu reden als mit jemandem, dem man täglich über den Weg läuft, entstehen im Netz mitunter Freundschaften, die tiefer gehen als jene im „echten“ Leben. Das muss nicht zwingend heißen, dass Jugendliche gänzlich ins Virtuelle abdriften. Viele nutzen soziale Medien, um in Kontakt zu bleiben: Während die vordigital Geborenen nach der Schule als Erstes ihre Freunde am Festnetz angerufen haben, bleiben junge Menschen heute eben per WhatsApp oder Snapchat verbunden

 

Was, wenn mein Kind einem Pädophilen ins Netz geht, der sich als Freund ausgibt? Das so genannte Cybergrooming, also die Anbahnung von Sexualkontakten mit Kindern durch Erwachsene über das Internet, ist eine real existierende Gefahr. Filterprogramme sind da allerdings nutzlos. Und auch vor Gewalt- und Pornovideos schützen sie nur bedingt. Viel wichtiger, als sich auf die Technik zu verlassen, ist es, mit Kindern gemeinsam im Netz unterwegs zu sein – und mögliche Gefahren zu thematisieren. Denn auch den sogenannten Digital Natives (also jene, die sich an eine Welt ohne Internet nicht erinnern) wurde Medienkompetenz nicht in die Wiege gelegt. Sie müssen den kritischen Umgang mit Medien erst lernen – und brauchen dabei die Unterstützung und den Schutz von Erwachsenen.

 

Die Nutzung von sozialen Medien bedeutet also nicht zwingend das Ende von Kreativität und Inspiration, sie kann diese sogar fördern. Manchmal braucht der Nachwuchs vielleicht einen kleinen Anstupser, um diese Quellen anzuzapfen. Dazu bieten sich Familienausfl üge in die digitale Welt an: zum Beispiel Playback singen auf musical.ly, Online-Challenges für die Familie erfi nden (und sich dabei zB von den YouTubern von UniceVlog inspirieren lassen) oder ein Scrapbook für die schrägsten Selfi es basteln (zB Crafty Prapty auf YouTube).

 

Manche Kinder und Jugendliche sind selbst sehr kaufkräftig, der Großteil beeinfl usst die Entscheidungen ihrer Eltern und Großeltern. Versteckte Werbung hat durch diverse Online-Kanäle freilich eine neue Dimension erreicht. Denn woher soll der Nachwuchs wissen, ob die YouTuberin das von ihr angepriesene Shampoo wirklich toll fi ndet – oder es nur ins Bild rückt, weil der Hersteller sie dafür bezahlt? Sogenannte Infl uencer (zu Deutsch: Beeinfl usser) platzieren Produkte oft in stylishen Posts und schnittigen Filmchen (s. auch Seite 26). Das Heranwachsen zum kritischen Konsumenten ist zweifellos schwieriger geworden. Andererseits: Jugendliche refl ektieren die Abgrenzung zwischen echter Begeisterung und Kommerz besser, als manche Erwachsene meinen. Viele von ihnen wissen, dass es Werbung braucht, um ihre Lieblingsplattformen zu fi nanzieren und sind sehr pragmatisch. Im Netz bekommen sie die auf sie zugeschnittene Werbung zu sehen – in der TV-Reklame wird ihnen von Waschmittel bis Rheumasalbe alles vorgesetzt.

 

Valide Zahlen gibt es für Österreich nicht; das Anton-Proksch-Institut behandelt in Wien etwa 40 bis 50 Jugendliche pro Jahr, die von Internetsucht betroffen sind. Im Großen und Ganzen sind zwar Jugendliche die gefährdetste Gruppe, Internetsucht kann aber auch Erwachsene betreffen. Wenn Offl ine-Kontakte zunehmend in den Hintergrund rücken, Menschen vor lauter Surfen vergessen zu essen und zu schlafen, oder wenn mangels WLAN oder Handy-Akku Entzugserscheinungen auftreten – dann ist die Grenze zur Sucht meist überschritten. Erwachsene tun jedenfalls gut daran, das eigene Digital-Verhalten zu überprüfen. Denn wenn die Großen Tag und Nacht aufs Smartphone schauen, werden die Kleinen es ihnen vermutlich gleich tun. Psychologen raten dazu, Offl ine-Zonen einzurichten – für Familienmitglieder aller Altersgruppen. Der Esstisch etwa sollte genau so ein Ort sein. Und das Schlafzimmer.

 

Ist es in Zeiten von Google und Co noch sinnvoll, Schüler historische Daten auswendig lernen zu lassen? Oder sollten im Unterricht kritische Refl exion und Diskussion gefördert werden? Fakt ist: Das Internet gibt jungen Menschen die Möglichkeit, sich ihre Infos selbst zu holen, und zwar unabhängig von ihrem Wohnort, ihrer Schule oder den fi nanziellen Ressourcen. Das stellt auch Erwachsene vor Herausforderungen. Denn die Kids können jederzeit überprüfen, was sie zu Hause oder im Unterricht zu hören bekommen. Das Kinderrecht auf Information erhält so eine neue Dimension (siehe S. 8). Genau so präsent wie Information ist im Netz aber auch die gezielte Verdrehung von Tatsachen. Speziell junge Menschen tun sich oft schwer, Manipulationen zu erkennen. Bei einer vom Institut für Jugendkulturforschung durchgeführten Studie gaben 61% der Jugendlichen an, dass sie schwer einschätzen können, ob eine Information aus dem Internet wahr oder falsch ist. Der auf Seite 9 beigelegte Folder soll Jugendlichen und Erwachsenen dabei helfen, Falschmeldungen zu erkennen.

 

Dementsprechend unentspannt reagieren sie, wenn der Nachwuchs virtuell herumballert. Ob es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Konsum von einschlägigen Inhalten und der eigenen Gewaltbereitschaft gibt, wurde vielfach erforscht. Zahlreiche Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass der regelmäßige Konsum von gewalttätigen Spielen die eigene Empathiefähigkeit negativ beeinfl usst. Andere weisen darauf hin, dass der Ausfl ug in die digitale Hölle auch als Ventil dienen und mitunter dazu führen kann, dass Jugendliche ihr reales Umfeld als sehr harmonisch wahrnehmen. Fakt ist: Hat der Nachwuchs das Teenager-Alter erreicht, macht ein elterliches Verbot gewisse Inhalte besonders interessant. Wer nachvollziehen will, was Kinder und Jugendliche am Online-Spielen so fasziniert, sollte es einfach selbst ausprobieren. Auf bupp.at empfi ehlt das Jugendministerium Games, die ohne virtuelles Blutbad auskommen.




​Grundlage für diesen Text sind zahlreiche Gespräche mit Expertinnen und Experten. Besonderer Dank geht an Barbara Buchegger (Saferinternet.at), Elke Prochazka (147 Rat auf Draht) und Peter Purgathofer (TU Wien).

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