Das Magazin von SOS-Kinderdorf
Handy-Entzug

Mein Handy ist die neue Zigarette

Jugendlichen wird oft vorgeworfen, ständig am Smartphone zu hängen. Aber wie ist das mit Erwachsenen? ERICH KOCINA hat einige Tage lang verzichtet. Kein Facebook, kein Twitter und kein gedankenverlorenes Surfen auf dem Handy. Die Geschichte eines Entwöhnungsversuchs.

Ich rauche, weil es mir schmeckt, aber ich könnte jederzeit damit aufhören. So war das damals. Natürlich. Es ist ein Erkennungszeichen des Selbstbetrugs, sich die eigene Schwäche schönzureden. Die Sucht als etwas Positives zu tarnen, in diesem Fall als Genuss. Gut, dass man das schon vor Jahren hinter sich gebracht hat. Heute greift die Hand nicht alle paar Minuten reflexartig in die Gesäßtasche der Levi’s 501, um die Packung Zigaretten herauszufischen. Wobei, die Handbewegung gibt es immer noch – nur schaut jetzt eben alle paar Minuten ein Smartphone aus der Hosentasche.

Mit dem Rauchen aufhören, das ging einfach. Weil irgendwann das Gefühl da war, dass man nur deshalb an der Zigarette zieht, weil gerade nichts anderes zu tun ist. Viel mehr Effekt hat es nicht, als ein bisschen heiße Luft in die Luft zu blasen. Und in die Lunge. Aber Erkenntnisgewinn: null.

Mit dem Smartphone aufhören? Kurzer, empörter Aufschrei: Das Gerät hat doch einen Sinn! Eine Wochenzeitung als ePaper lesen, die aus Papier viel zu groß ist, um sie in der U-Bahn auszubreiten. Die App fragen, wann der nächste Bus kommt. Mit der Navifunktion die entlegene Gasse finden, zu der sich früher sogar Taxifahrer durchfragen mussten. Warum sollte man damit aufhören wollen?

Vielleicht, weil der Selbstbetrug ähnlich funktioniert wie bei den Zigaretten. Das ePaper bleibt doch ungelesen, dafür scrollt man sich durch Facebook, postet ein Foto auf Instagram oder twittert etwas Böses in die Runde. In Wirklichkeit bläst man vor allem heiße Luft in die Luft – nur eben virtuell. Was hätte man heute versäumt, hätte man nicht unterwegs auf Facebook geschaut? Also gut, dann lassen wir es eben sein.

Wohin mit den Händen? Das ist die erste Etappe beim Verzicht. Beim Warten in der Schlange. Beim Fahren im Bus. Beim Sitzen auf der Toilette. Oh – dort hat man ja nicht einmal geraucht früher. Der Verzicht schafft als zweite Etappe Bewusstsein. Dass man ähnlich gedankenverloren zum Samsung gegriffen hat wie damals zur Zigarette. Nur noch öfter. Und mit dem Bewusstsein kommt auch der Blick auf die anderen. Die Smombies, wie der Langenscheidt sie mit einem Kofferwort aus Smartphone und Zombies bezeichnet.





Aus dem Zombietraum erwacht, plötzlich wieder bei Sinnen. Das ist die Reaktion, die sich schon bald als Phase drei einstellt. Man schaut sich Leute in der U-Bahn an. Späht auf der hoch geführten Trasse der S-Bahn zwischen Praterstern und Wien Mitte wieder kurz in Wohn- und Schlafzimmer. Und beim Aussteigen gibt es sogar einen Blickkontakt mit Lächeln. Hallo, du Welt da draußen! Du hast mich wieder!
 

Wertkarte für die Telefonzelle?

So müsste das Drehbuch enden. Tut es aber nicht. Weil wir nicht mehr in einer Welt leben, in der man mit Pferdekutschen durch die Stadt fährt. Und weil das Leben gelegentlich Herausforderungen bietet, für die das richtige Werkzeug hilfreich ist. Eine Adresse checken, eine Wegbeschreibung finden, ein spontanes Treffen vereinbaren. Und darauf verzichten? Natürlich, es würde schon gehen. Mit einem Adressbuch in der Tasche. Mit einem Stadtplan im Rucksack. Und einer Wertkarte für die Telefonzelle – ok, jetzt wird es lächerlich.

Wann ist das Smartphone wirklich ein sinnvolles Tool? Schon recht oft. Und wann ist der Griff danach nur Suchtverhalten, das Verlangen nach virtuellem Nikotin? Zugegeben, hauptsächlich. (Und wie oft redet man sich ein, dass das Checken der beruflichen Mails gerade jetzt wirklich wichtig war?) Es soll Menschen geben, die bewusst zwei, drei Zigaretten am Tag rauchen können. Und es gibt auch das virtuelle Gegenstück, die Smartphonebesitzerinnen und -besitzer, die nicht ständig danach greifen. Vielleicht sollte man sich eingestehen, dass man nicht zu dieser Gruppe gehört.

Vielleicht wäre es ja schon hilfreich, die Facebook-App zu entfernen. Und Twitter und Instagram auch gleich. Sie hinterlassen nach dem minutenlangen Durchscrollen ein ähnliches Gefühl wie die Zigarette nach dem Aufstehen, die nicht geschmeckt hat. Nur heute ist es gerade ungünstig, lange Heimfahrt und so. Das ePaper liest sich mit müden Augen so schwer. Und auf Twitter läuft gerade eine spannende Debatte. Aber nächste Woche dann sicher. Ich schaue auf mein Smartphone, weil ich es brauche. Aber ich könnte jederzeit damit aufhören.

Schreiben Sie uns!

Wir freuen uns über Ihre Meinung! Schreiben Sie uns Ihren Leserbrief an salto@sos-kinderdorf.at.
(Mit der Einsendung stimmen Sie einer Veröffentlichung im nächsten Salto-Magazin zu.)

/* pageName= Mein Handy ist die neue Zigarette pagePrefix= breadCrumb=Aktuelles / Themen / --Salto Magazin / Salto Magazin Ausgabe 2/2017 / Mein Handy ist die neue Zigarette mainDomain=sos-kinderdorf.at langIdentifier=AT,de */