Das Magazin von SOS-Kinderdorf
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Kommentar

Die Jugend hat immer Recht

#Tracking #besteFreunde #global

Kulturpessimismus wäre dieser Tage eine leichte Übung. Da genügt ein Blick ins Jugendzimmer, leere Gläser am Boden, Kleiderhaufen und alte Socken, alles verteilt, nur die wichtigen Dinge sind natürlich immer zur Hand, sprich Laptop und Smartphone. Denen geht der Saft nie aus, die Bücher am Nachtkasten bleiben bis auf weiteres ungelesen. Wenn im Reich der Jugend friedliche Stille herrscht, dann meist unter Kopfhörern, eingerahmt vom Leuchten irgendeines Bildschirms. So weit, so gut? Natürlich nicht.

Die digitale Kindheit beim eigenen Kind dauert jetzt auch schon Jahre. Und diese mittlerweile digitale Jugend wird natürlich ständig begleitet von meist hilflosen Abmahnungen: Kannst du nicht kurz? Dreh jetzt endlich ab! Bist du schon wieder am Handy! Aber aus den Fallen der digitalen Gesellschaft können wir uns längst nicht mehr herauswinden. Wir müssen uns bloß erinnern, wie das alles angefangen hat. Natürlich wollte man nie, nie dem eigenen Kind verfrüht ein Smartphone schenken, aber der Schulweg! Die U-Bahn! Und der Nachmittagssport! Bist du eh? Hast du eh? Ruf mich an, hörst Du! Sicherheit, auch wenn sie nur vermeintlich ist, hat ihren Preis. Bis heute bin ich froh über spätnächtliche SMS-Nachrichten, die mir sagen: Sind jetzt zuhause. Manche Eltern lassen sich schon einmal die Navi-Koordinaten durchschicken. Sicher ist sicher. In den Staaten, wo der Teenager gerade ein Jahr verbracht hat, sind Tracking Apps, mit denen jeder Schritt des Nachwuchses minutiös via Smartphone verfolgt werden kann, überhaupt so normal, wie die Tatsache, dass Jugendliche täglich eine unvorstellbar große Menge an Snapchat-Nachrichten an Freundinnen und Freunde verschicken.

Apropos: Snapchat. Die nicht als digitale Ureinwohnerin zur Welt gekommene Mutter dachte immer, das sei jene App, mit deren Hilfe sich Jugendliche gegenseitig auch mobben, indem kompromitierendes Bildmaterial durch die Welt geschickt wird. Das auch. Neulich am Sofa aber komme ich neben dem Kind, das längst keines mehr ist, zu sitzen. Das Kind, eh klar, am Handy. Auf dem Bildschirm tummeln sich eine Menge kleiner Figuren. "Was ist das?", frage ich. "Meine Freunde", sagt das Kind stolz. Verkleinert mit Zeigefinger und Daumen die Display-Ansicht und zeigt mir, mit wie vielen Freundinnen und Freunden sie durch ihr Auslandsjahr mittlerweile auf der ganzen Welt Kontakt hat. Erklärt mir, dass ihre beste Freundin in den Staaten gerade in der Schule ist, die nette Slowakin, die sie seit kurzem kennt, aber noch im Urlaub auf Sardinien. Ihr bester Freund in Wien, sagt sie, ist auch noch „draußen“, was so viel heißt, wie nicht zuhause. Natürlich ist der Grat schmal zwischen Suchtpotenzial, digitalem Überwachungswahnsinn und wunderbaren Chancen, die in den neuen Technologien auch liegen. Die Jungen, würde ich meinen, tänzeln darauf.

Wenn ich wieder einmal kulturpessimistisch Zweifel hege, denke ich gern an einen Bekannten, der bei den Diskussionen zum Thema nur eines zu sagen hat: Die Jugend hat immer Recht. Ich hoffe, er hat Recht, denn wer ihr nachgibt, heißt zumindest das Sprichwort, ist klug.

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