Das Magazin von SOS-Kinderdorf
Foto: Lukas Lorenz
Familie? Können wir! – 23. Juni 2014

Nora, Sabine und Lorenz sind eine Familie

Der Vater als Erhalter, die Mutter als Erzieherin – dieses Modell war vielleicht 25 Jahre lang mehrheitsfähig.

Es gab in Hellmonsödt so einige Theorien darüber, warum in dem kleinen Bauernhaus am Waldesrand zwei Frauen mit einem Kind eingezogen sind. Manche meinten, Sabine und Nora Naßl seien Schwestern und würden sich um den unehelichen Sohn von einer der beiden kümmern. Andere vermuteten, die beiden seien Mutter und Tochter. In Wahrheit sind sie einfach ein Paar. Sabine hat Lorenz Ende 2015 zur Welt gebracht, im Herbst 2017 wird Nora ein Kind bekommen.

Das Dorf im Mühlviertel haben sie sich ganz bewusst als Wohnort ausgesucht: „Wir wollten weder die Anonymität der Stadt noch eine Siedlung, in der dich der Nachbar fragt, warum du deinen Rasen so lange nicht gemäht hast. Der kleine Bauernhof hier ist unser Traum“, sagt Sabine. Unfreundlich, so erzählen die beiden, sei in Hellmonsödt nie jemand zu ihnen gewesen, ganz im Gegenteil. Aber mitunter ein bisschen verwirrt. Dabei müsste spätestens seit der Geburtsanzeige für Lorenz im Hellmonsödter Gemeindeblatt eigentlich alles klar sein: Nora, Sabine und Lorenz sind eine Familie. Und der Ausgangspunkt einer SALTO-Recherchereise, an deren Anfang die Frage steht: Was ist das eigentlich – Familie?
 
Foto: Lukas Lorenz
Ein Bild von einer Familie: Für SALTO haben die Familien selbst auf den Auslöser gedrückt. Lorenz Naßl hat das für seine Familie erledigt. Er lebt mit seinen beiden Müttern am Mühlviertler Waldesrand.


Für die Feststellung, dass das Modell mit dem Vater als Erhalter, der Mutter als Erzieherin und den zwei oder drei gemeinsamen Kindern längst nicht mehr repräsentativ für die österreichische Durchschnittsfamilie ist, genügt ein Blick in den eigenen Bekanntenkreis.

Als Idealbild scheint dieses Konzept aber noch längst nicht überholt, sagt Ulrike Zartler, Kindheitsund Familiensoziologin an der Uni Wien. Zumal es – historisch betrachtet – ohnehin nur eine kurze Zeitspanne gab, in der die bürgerliche Kleinfamilie das mehrheitliche Modell war, so Zartler: Vielleicht 25 Jahre lang – etwa von 1950 bis 1975.

"Davor waren bäuerliche Strukturen, Industrialisierung, Krieg; und danach kamen die Emanzipation, die Studentenbewegung und die großen Familienrechtsreformen der 1970er- Jahre. Trotzdem: Diese 25 Jahren haben unseren Familienbegriff geformt." Dieser Familienbegriff entspringt dem Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) aus dem Jahr 1811, das in seinen Grundzügen heute noch gültig ist. Familie hat dort per definitionem ein verheiratetes Elternpaar zweier unterschiedlicher Geschlechter zu sein, das die gemeinsamen Kinder in einem gemeinsamen Haushalt großzieht.

Die Realität sieht freilich längst anders aus. Es gibt zunehmend unverheiratete Paare, hohe Scheidungsraten, mehr Patchworkfamilien – und mit der eingetragenen Partnerschaft, sowie dem Recht auf Adoption und künstliche Befruchtung für homosexuelle Paare ist diese Definition erst recht überholt“, sagt Soziologin Zartler.

Die Kinder von Sabine und Nora Naßl entstanden mittels künstlicher Befruchtung. Seit 1. Jänner 2015 gibt es gesetzlich diese Möglichkeit für lesbische Paare – nach einem entsprechenden Urteil des Verfassungsgerichtshofs 2014. Ihre beiden Kinder werden, biologisch betrachtet, denselben Vater haben, einen anonymen Samenspender. Mit 14 Jahren können die Kinder dann entscheiden, ob sie ihn kontaktieren wollen, Rechte oder Pflichten entstehen dem Samenspender daraus nicht.
 


"Ich bin froh, dass wir das Thema Adoption umgehen konnten"

Sabine


Für die beiden war die Bürokratie auch Anlass zum Schmunzeln: „Vater/Elternteil“ stand in dem Formular, in dem sich Nora nach der Geburt von Lorenz eintragen musste. "Wenn die Nora jetzt das Kind bekommt, bin ich der Vater", sagt Sabine lachend. Nicht zuletzt, um sich über Geschichten wie diese auszutauschen, engagieren sich Sabine und Nora im Verein "Familien Andersrum Österreich" (FAmOs). Und Lorenz soll sehen, dass er nicht das einzige Kind mit zwei Müttern oder zwei Vätern ist.

Widget can't be used as inline.

Schreiben Sie uns!

Wir freuen uns über Ihre Meinung! Schreiben Sie uns Ihren Leserbrief an salto@sos-kinderdorf.at.
(Mit der Einsendung stimmen Sie einer Veröffentlichung im nächsten Salto-Magazin zu.)

/* pageName= Nora, Sabine und Lorenz sind eine Familie pagePrefix= breadCrumb=Aktuelles / Themen / --Salto Magazin / Salto Magazin Ausgabe 2/2017 / Archiv / Nora, Sabine und Lorenz sind eine Familie mainDomain=sos-kinderdorf.at langIdentifier=AT,de */