Wilde Kerle im Ausnahmezustand

Früher war nicht alles besser – das belegt ein Blick in die Literatur. Ein paar Gedanken zu Max und Moritz.

Es sind nicht die besten aller Zeiten. Die jungen Schüler sind unaufmerksam, stören, falls überhaupt anwesend, den Unterricht. Vom Lehrer lassen sie sich nichts sagen. Polizeiberichte protokollieren Angriffe auf Lehrer mit Messern und Schusswaffen. Zwei Delinquenten, alltagsgefrustet, schauen den Betrachter ungeniert und selbstbewusst reulos grinsend ins Gesicht. Der eine zeigt typische Merkmale fehlenden Sports und großen Appetits. Sein vom Kopf abstehendes, ungekämmtes Haar zeigt, dass er die Kontrolle über seine Frisur wohl ebenso verloren hat wie die über seinen Körper und sein Leben. Als Hedonist, als Jäger nach dem unaufschiebbaren, sofortigen Genuss in Form von Brathähnchen, ist er gefürchtet.
 
 

Sein partner-in-crime gleicht ihm wie ein diabolisch-verkehrtes Spiegelbild: Denn sein Haar ist in gegelte Form gebracht, mitsamt einer kecken Haarlocke, die mit einer Pirouette auf seinem Kopf eine spottende  Ehrenrunde dreht. Ein Gag vom Geck. Den Ghetto-Slang setzt er mit aufreizenden Reimen und rahlerischen Plänen um. Der boshafte Troll und das fettleibige Kraftpaket bilden ein Paar, das manchen Schaden   angerichtet hat: Einer Witwe quälten sie die Haustiere, stahlen ihr gar die Hühner. Mit jugendlichem Übermut demolierten sie eine Brücke, brachten sie gar zum Einsturz. Mindestens eine Person kam zu Schaden. Ihren Lehrer attackierten sie mit Schießpulver, beim Einbruch in eine Bäckerei wurden sie in flagranti erwischt. Laut Täterprofil stehen sie am Anfang einer kriminellen Karriere.

Ihre Namen sollte man sich merken: Max und Moritz. Aus dem Jahr 1865 stammen die entsprechenden Erzählungen von Wilhelm Busch. Was er den Lausbuben als Bildergeschichte auf den Leib zeichnete und reimte, entstammte den einst höchst realen Klagen von Erziehungsberechtigten und Polizei. Das Buch ist ein Millionenerfolg mit bislang rund 300 Übersetzungen. Busch hat den Nerv von mehr als einer  Generation getroffen; der Bestseller von den bösen Buben zapft offenbar einen weltumspannenden Erfahrungsschatz an. Anscheinend gab es wüste Kerle schon längst vor dem Reality-TV. Busch allerdings wollte alles andere, als die wilden Kerle zum Bravsein zu bekehren. Sein Blick war gnadenlos und richtete sich, wie die kriminelle Energie des Duos, gegen die (v)erwachsenen Repräsentanten der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Enge. In der Bilderbuchwelt mutierten die Biedermeier-Kids später gar im Zuge der ’68er Studentenrebellion zu „Marx und Maoritz“ und stritten wider den Muff aus 1000 Jahren. Wer mitkicherte, hatte offenbar einen Generationenvertrag für das wilde Leben unterschrieben.

 

Ist deshalb der Blick in die Gesichter der jugendlichen Übeltäter nicht ein Blick auch in die eigene Vergangenheit? Schließlich steckt in jedem Mann ein Bub. Ein Wilder. Mit einer Max-und-Moritz-Seele, die das Gute will und das Böse schafft. Dass gegen diesen Wildwuchs ein pädagogisches oder sozialreformatorisches Kraut wächst, ist seit mehr als hundert Jahren die Hoffnung von Erziehern und Eltern. Sie, die Hoffnung, stirbt zuletzt.

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