Sex-Frust, Job-Angst und viel Sprachlosigkeit

Junge Burschen bei großen Lebensfragen zu helfen, das braucht viel Fingerspitzengefühl.

„Ich gehe seit einiger Zeit nicht mehr zur Schule. Vor kurzem war jemand vom Jugendamt bei uns. Jetzt wollen mich meine Eltern in ein Internat geben, wenn ich weiter nicht zur Schule gehe. Angefangen hat das Ganze, weil mich einige Burschen aus meiner Klasse immer wieder geärgert haben. Ich bin dann ganz zum Außenseiter geworden, hatte keinen Bock mehr, zur Schule zu gehen. Ich bin meistens irgendwo spazieren gegangen. Meine Eltern verstehen nicht wirklich, dass ich mich in der Schule nicht wohlfühle. Sie sagen, ich soll es halt weiter probieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Klasse wieder besser wird. Was soll ich tun?“

 
 
Fragen wie diese von Erik gehören zum Alltag bei 147 Rat auf Draht. 365 Tage im Jahr, sieben Tage die
Woche, 24 Stunden am Tag stehen die Beraterinnen und Berater zur Verfügung, hören zu oder chatten und geben Tipps. Der Themenkreis Ausbildung und Zukunftsängste ist virulenter denn je – besonders bei Burschen, die in der Statistik bei den Themen Arbeitslosigkeit und Lehrstellensuche die Mädchen bei Weitem überholt haben. Auch wenn die Berater oft viele Fragen stellen müssen, bis sie zum eigentlichen Problem vordringen, sagt Rat-auf-Draht-Mitarbeiter Max Lalouschek: „Wir haben zum Beispiel beim Thema Alkohol einen sehr hohen Anteil an Burschen und Männern. Da muss man dann ein wenig nachbohren und ergründen, was das eigentliche Problem ist – und gerade hier kann Arbeitslosigkeit ein Grund dafür sein. Der Druck, die Zukunftsängste von jungen Männern sind stark spürbar.“ Im Büro von 147 Rat auf Draht blinkt das Telefon im Minutentakt, neben der mündlichen Beratung werden auch Chats und Social Media immer wichtiger. Und nicht selten entdecken die Expertinnen und Experten von 147 Rat auf Draht völlig neue Probleme.

„Mir ist da was echt Peinliches passiert. Ein Mädchen hat mich auf Facebook angeschrieben. Wir haben uns gut verstanden und sie hat vorgeschlagen, dass wir uns auf Skype unterhalten. Es ist ganz schön heiß geworden und sie hat angefangen, sich auszuziehen. Ich hab‘ das auch gemacht. Anscheinend hat sie das aufgenommen. Nun verlangt sie, dass ich 500 Euro auf ein Bankkonto einzahle, sonst schickt sie das Video an alle meine Facebook-Kontakte. Als Beweis hat sie mir einen Link zu dem Video geschickt. Ich hab auf eurer Homepage schon gelesen, dass man nicht zahlen soll. Wie kann ich verhindern, dass sie wirklich das Video verschickt?“

Junge Männer als Opfer von Sextortion

Sextortion nennt sich das Phänomen, zu dem Philipp – wie viele andere junge Männer – einen Rat braucht. Gemeinsam mit Kooperationspartnern wie der Plattform Saferinternet.at oder dem Bundesministerium für Inneres versucht 147 Rat auf Draht, Awareness
für solche Fragen zu schaffen und Lösungen zu suchen. „Wir sind oft die ersten, die von solchen Trends erfahren, weil unser Angebot sehr niederschwellig ist“, sagt Birgit Satke, Leiterin von 147 Rat auf Draht. „Dann klären wir einerseits rechtlich auf, andererseits gehen wir mit Jugendlichen die technischen Möglichkeiten durch, zum Beispiel die Privatsphäre-Einstellungen bei Facebook.“


 
Zum Thema Sextortion melden sich bei 147 Rat auf Draht etwa zehn Mal so viele Burschen wie Mädchen.
Ganz anders verhält es sich beim so genannten Sexting, also beim Versenden von Nacktbildern über Plattformen wie WhatsApp oder Snapchat. „Erstens genieren sich die Burschen nicht so, wenn Nacktbilder von ihnen kursieren“, weiß Berater Max Lalouschek aus seinen Gesprächen. „Und zweitens sind beim Sexting eher die Burschen die Auslöser, sie verwenden die Bilder der Mädchen als Druckmittel für Geschlechtsverkehr oder wenn die Beziehung auseinandergeht. Das ist oft ihre Art und Weise, damit umzugehen – während Mädchen sich eher nach innen kehren.“

Das Thema Sexualität ist überhaupt ein, wenn nicht DER Dauerbrenner bei 147 Rat auf Draht. Pornografie, die über das Internet jederzeit für jede und jeden verfügbar ist, hat die Problematik noch verschärft, sagt Birgit Satke: „Burschen sind einerseits schlecht aufgeklärt, andererseits holen sie sich eben dann vermeintliche Infos aus Pornos, weil sie sich nicht fragen trauen in ihrem Umfeld. Dadurch bekommen sie völlig falsche Vorstellungen davon, wie ein Mann auszusehen hat und wie Sexualität funktionieren soll.“

Ich und meine Freundin hatten jetzt schon ein paar Mal Sex. Ich komme viel schneller zum Orgasmus als sie. Was kann ich tun, damit ich nicht so schnell komme?“ Fragen wie die von Mark landen regelmäßig bei 147 Rat auf Draht. „Ich habe das Gefühl, dass solche Themen bei der Aufklärung an den Schulen sehr stiefmütterlich behandelt werden“, sagt Berater Max Lalouschek.

„Ich hatte schon Anrufe à la: ,Ich habe beim ersten Sex keine Erektion bekommen, ich glaube, ich bin impotent.‘ Das ist schade, weil ich denke, dass da relativ früh eine sexuelle Identität zerstört werden kann, wenn diese Erfahrungen so angstbehaftet sind.

147 Rat auf Draht die niederschwelligste und umfassendste Beratungseinrichtung

Mehr Gesprächsangebote, besser hinhören – das bräuchte es bei jungen Burschen nicht nur beim Thema
Sexualität, ist man bei 147 Rat auf Draht überzeugt. An der Schwelle zum Erwachsenwerden gibt es mit der Volljährigkeit eine Grenze, die Birgit Satke so gar nicht nachvollziehen kann: „Für junge Menschen zwischen 18 und 24 gibt es eigentlich gar keine Angebote. Die Kinder- und Jugendanwaltschaft ist plötzlich nicht mehr zuständig, das Jugendamt auch nicht. Deswegen beraten wir auch diese Altersgruppe.“

Im Zusammenspiel der verschiedenen Beratungseinrichtungen ist 147 Rat auf Draht die niederschwelligste und umfassendste. Und Rückmeldungen wie diese bestärken die Beraterinnen und Berater in ihrer oft nicht ganz einfachen Arbeit: „Es tut gut, mit euch zu schreiben, weil ich weiß, dass ihr unvoreingenommen seid und ich hier einfach so sein darf, wie ich bin. Hier darf ich alles schreiben, was mir auf der Seele liegt. Es fällt mir aber trotzdem manchmal schwer, weil ich nie wirklich gelernt habe, über etwas zu sprechen.
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