24. März 2017

Risikofaktoren im Job

Der Arbeitsmarkt für Jugendliche ist vor allem in Städten hart umkämpft. Bei AR.SOS werden junge Burschen "jobready" gemacht. Ein Lokalaugenschein.

Bis an die Decke stapeln sich die Kisten voller Kleidungsstücke, Spielzeug, Bücher und CDs. Die Lagerhalle im Hinterhof ist gut gefüllt, in den meisten Räumen ist gerade noch genug Platz, um zwischen den Reihen an Bananenkisten und Umzugskartons durchzugehen.
 

Sachspenden sortieren

Inmitten all der Kisten steht Georg und erklärt die Grundzüge des Systems, nach dem er mit seinen Kolleginnen und Kollegen hier die Sachspenden sortiert:

Was noch echten Wert hat, geht in einen der beiden Shops; was weniger wertvoll, aber noch brauchbar ist, wird für den halbjährlichen Flohmarkt aufgehoben; Textilien, die unter der zweiten Messlatte liegen, werden Richtung Ungarn weitergereicht. Georg und die anderen sind nicht freiwillig hier, und doch froh, einen Platz bekommen zu haben.
 

Zwischenstation AR.SOS

Die Arbeit im AR.SOS soll auf ihrem Weg eine Zwischenstation sein, die sie (wieder zurück) in die richtige Spur bringt. Junge Menschen, die auf dem freien Arbeitsmarkt nicht oder nur schwer vermittelbar sind, werden jobready gemacht – das ist die Eigendefinition des AR.SOS.
 
Im AR.SOS arbeiten Jugendliche unterschiedlichster Herkunft zusammen. Von der Ausbildungspflicht bis 18 sind Asylwerberinnen und Asylwerber allerdings ausgenommen
 

Bescheidene Berufswünsche

Sie kommen aus unterschiedlichen Familien, haben unterschiedliche persönliche Geschichten. Ihnen gemeinsam ist: Es sind vergleichsweise bescheidene Berufswünsche, die sie für ihre Zukunft hegen, und doch sind sie bislang außer Reichweite. So wie für Rene, 18, der Bürokaufmann werden will. Wieso er noch keine Lehrstelle gefunden hat? Er denkt kurz nach, dann sagt er: "Ich bin eben sehr ruhig.“

So wie für Georg, 19, der in den Sport-Einzelhandel will. Bewerbungen in zweistelliger Zahl – erfolglos. So wie für Karina, 17, die nach abgebrochener Tourismusschule darauf wartet, einen Ausbildungsplatz als Kindergärtnerin zu bekommen. Oder so wie für Marvin, 18, der ebenfalls im Einzelhandel arbeiten möchte, am liebsten in einer Spielzeugabteilung. Seit gut zwei Jahren sucht er schon vergeblich.
 
 
Marvin möchte gerne in einer Spielzeugabteilung arbeiten.
 

Großteils junge Männer

AR.SOS-Leiterin Andrea Schritter beschreibt ihre überwiegend männlichen Schützlinge als "Jugendliche, für die die Wirtschaft keinen Platz hat".

In ihren (maximal) zwölf Monaten in Guntramsdorf lernen jeweils acht bis zehn Jugendliche, sich an einen 40-Stunden-Arbeitsalltag zu gewöhnen, im Team zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen. Marvin etwa zählt Waren-Annahme und Telefon-Dienst zu den Dingen, die er im AR.SOS schon gelernt hat; Georg sagt, er kann immer besser mit Zeitdruck umgehen. Dazu kommt der Förderunterricht, das Bewerbungstraining, es werden Kontakte zu Firmen hergestellt und Schnuppertrainings organisiert.


 

"Es ist wichtig, dass der Bub eine g'scheite Arbeit hat"

Bis 2014 habe man eine Erfolgsquote von rund 60 Prozent gehabt, sagt Schritter – seither sei es eher bergab gegangen. Es sei schwieriger geworden in den letzten Jahren, die Jugendlichen unterzubringen: "Die Ansprüche in den Firmen sind gestiegen. Es gibt keinen Platz mehr für einen Lehrling, der einfach mitrennt." Die Burschen würden sie vor zusätzliche Probleme stellen: "Die Berufsfindung ist bei ihnen schwieriger", sagt Schritter. Mädchen ließen sich leichter leiten, "Burschen wollen meist, was Papa, Onkel oder Opa sich vorstellen. Es ist wichtig, dass der Bub eine g’scheite Arbeit hat. Wenn sie aufgrund der Familienhistorie bestimmte Vorstellungen haben, lassen sie sich nicht davon abbringen.“
 

Junge Männer im urbanen Raum

Statistisch und über ganz Österreich gesehen, sagt Doris Landauer vom AMS Wien, seien Burschen nicht stärker von Problemen bei der Ausbildung bzw. Jugendarbeitslosigkeit betroffen.

Man nimmt sie jedoch eher wahr: "Mädchen verschwinden aus der Statistik und dem öffentlichen Raum, Burschen sind präsent." Dazu kommt, dass, wie Landauer sagt, "junge Männer im urbanen Raum das große Problem sind. Im Langzeitvergleich waren es früher Mädchen am Land, die keine Ausbildung hatten – heute ist es ein städtisches Problem bei den Burschen."

Auch der sukzessive Rückgang bei der Zahl der Lehrstellen treffe junge Männer stärker, weil sie sich eher für eine Lehre entscheiden als junge Frauen. Und dann, sagt Landauer, gibt es noch etwas, das eher ein maskulines Problem ist: "Burschen sind in der Regel gerade in der Hochpubertät, wenn sie Weichen für ihr Leben stellen sollen."
 

Bildung als Prävention

 

Ausbildungspflicht ist große Chance

Was tun? Landauer sieht in der heuer im Parlament beschlossenen und seit kurzem geltenden Ausbildungspflicht eine große Chance.

Künftig soll jeder nach der 9. Schulstufe verpflichtend eine weiterführende Schule oder Ausbildung besuchen. Es sei enorm hilfreich, gerade für Burschen, "zumindest über die Pubertät hinaus in einem geschützten Bereich zu sein" – eben so wie im AR.SOS in Guntramsdorf. "Es ist wichtig, dass sie etwas tun, dass sie Zeit bekommen, bis ihnen der Knopf aufgeht", sagt Landauer.
 

Schritt in die richtige Richtung

"Die, die uns nach der Pflichtschule abhandenkommen, sind am schwersten zu erreichen und haben den weitesten Weg hin zu einem ordentlichen Job."

Zusätzlich zur Ausbildungspflicht sollte es auch eine Rückkehrmöglichkeit in das Schulsystem geben – für Abbrecher, die zu Fertigmachern werden wollen.
 
 
AR.SOS-Leiterin Andrea Schritter


Von vielen Praktikern wird die Ausbildungspflicht als Schritt in die richtige Richtung gesehen – aber eben als erster Schritt, dem weitere folgen müssten. "Unter anderem braucht es mehr Reformbemühungen im Bildungssystem und mehr finanzielle Mittel für die aktive Arbeitsmarktpolitik", sagt etwa Johann Kalliauer, Präsident der Arbeiterkammer Oberösterreich.

SOS-Kinderdorf-Geschäftsführer Christian Moser kritisiert, dass die Politik "mit dem Ausklammern von asylwerbenden Jugendlichen aus der Ausbildungspflicht auf ein wichtiges Instrument für die Integration verzichtet". Grundsätzlich hält Moser es natürlich für sinnvoll, Angebote zu schaffen, die über die Pflichtschule hinausgehen.
 


"Buben tun sich bei der Berufsfindung schwerer"

AR.SOS-Leiterin Andrea Schritter


Es sei aber fraglich, ob der Fokus auf die Ausbildungspflicht der richtige Ansatz ist. Wichtiger als die Androhung von Strafe seien konkrete Angebote für Jugendliche, die eine Ausbildungsstelle suchen, sich aber schwer damit tun, eine zu finden. Anders gesagt: Selbst wenn Georg schon sehr bald in einer Sport- und Marvin in einer Spielzeug-Abteilung arbeitet, wenn Rene einen Arbeitsplatz in einem Büro findet und Karina in einem Kindergarten, wird Projekten wie dem AR.SOS die Arbeit nicht so schnell ausgehen.
 
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