Häuptling Serviette

"Händewaschen brauch‘ ich nicht!"

Wir stehen in der Bubentoilette eines Wiener Kindergartens, weitere zwanzig Zwerge hinter uns. Igittigitt, tönt es aus der Schar. „Den Tisch deckt Papa übrigens auch nicht“, schießt Simons Zwillingsbruder Moritz grinsend hinterher. „Na, Mahlzeit“, denke ich, seife Simon und Moritz die Hände ein und ernenne sie zu den Tischdeck-Beauftragten des Tages.

Die Brüder trotten von einem Tischchen zum nächsten und tun das, was ihr Papa daheim nie tut: Teller und Servietten austeilen. Diese Aufgabe passe zu Mädchen, aber nicht zu Buben, murmeln sie. Doch je mehr die anderen Kinder sie bei dieser Tätigkeit anfeuern, umso mehr macht Simon und Moritz das Tischdecken Spaß.

Im Sesselkreis sind sie plötzlich wie ausgewechselt. Wenn wir Gefühle wie Angst, Wut und Traurigkeit spielerisch darstellen, machen sie mit und zeigen Facetten, die sie früher versteckten. Einmal spricht Moritz sogar über die Trennung der Eltern – und über seinen Vater, den er kaum noch sieht. Dicke Tränen kullern ihm über die Wangen.
 

Ein Indianer kennt den Schmerz

Da boxt Simon ihm in die Rippen. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz, sagt der Papa“, raunt er seinem Bruder zu. Flugs sind alle Augen auf mich gerichtet. „Doch, ein Indianer kennt den Schmerz“, erwidere ich. „Und wenn er sich traut, ihn auch zu spüren, wird er zum Häuptling. Denn ab diesem Moment kann er mitfühlen, was seine Freunde beschäftigt.“ Der kleine Leon tapst zur Kostümkiste und kramt eine rote Indianerfeder hervor: „Für dich, Häuptling Moritz.“

Die Anekdote aus meinem Arbeitsjahr in einem Kindergarten zeigt, wie wenig es mitunter braucht, um die emotionale und soziale Kompetenz von Buben zu fördern. Bei Simon und Moritz reichten ein paar Teller und Servietten, um sie aus ihrer Reserve zu locken. Wenn wir schon kleinen Jungs suggerieren, dass sich im Leben eines Mannes alles um Kampf, Wettbewerb, Macht, Dominanz, Selbstdarstellung, Herrschaft und Unterdrückung dreht, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass sie dieses Verhalten auch später als Partner, Ehemänner, Väter, Firmenchefs und Wutbürger anwenden.

Wer nicht lernt, sich selbst zu spüren, spürt auch andere nicht. Simon und Moritz wissen das längst.
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