24. März 2017

Es begann mit einem Esel

Der Journalist MARIAN SMETANA begleitet Alamgeer (16) aus Afghanistan. Und stellt dabei fest: Er hat sehr ähnliche Wünsche wie österreichische Altersgenossen.

Das erste Thema, über das Alamgeer und ich gesprochen haben, waren Esel. Es war mein erster Besuch in der WG von SOS-Kinderdorf, in der er wohnt. Ein bisschen nervös waren wir beide. Für eine Serie für die Salzburger Nachrichten wollte ich einen Flüchtling durch sein Asylverfahren begleiten. Der 16-jährige Alamgeer aus Afghanistan war der erste Asylwerber, der bei der Serie mitmachen wollte. Ich wollte versuchen, ein realitätsnahes Bild von seinem Alltag zu vermitteln – mit allem, was dazu gehört: der Kampf durch den Paragrafendschungel, die finanzielle Situation, Deutschlernen, Hobbys, Erzählungen aus seiner Heimat. Mit Eseln hatte ich nicht gerechnet.
 
Alamgeer und Marian Smetana und

Nach dem ersten Kennenlernen bei Kaffee und Kuchen fragte ich Alamgeer, welche deutschen Wörter er schon könne. "Danke", sagte er und fing an zu lachen. Mit Händen und Füßen erklärt er, dass "Danke" sich für ihn wie "Donkey" anhöre. Er habe sich gefragt, warum die Österreicher sich immer als Esel beschimpfen. Seitdem lachen wir beide, wenn wir uns beim anderen bedanken. Mit der Geschichte von den "Donkeys" war auch klar, dass ich so manche journalistische Traumvorstellung begraben müsste. Endlich – so dachte ich – könnte man mit einem Betroffenen darüber reden, wie denn das sei mit der Flucht, der europäischen Flüchtlingspolitik, den geopolitischen Zusammenhängen, der internationalen Schleppermafia, den Schwierigkeiten im österreichischen Asylsystem und so weiter. Aber es ging zunächst um andere Dinge, um kleine, einfache Sachen. Neben den komischen Verständigungsschwierigkeiten interessiert sich Alamgeer vor allem für cooles Gewand, Bollywoodfilme, spektakuläre Selfies und Cricket. Klar, warum auch nicht?

Was erwartest du dir von Österreich?“, habe ich ihn einmal gefragt. Eine dieser großen Fragen, die man als Journalist gerne beantwortet hätte. Stille. Ich habe die Frage noch einmal gestellt. Doch er hatte mich schon verstanden. Er wusste nur nicht, was er darauf sagen sollte. Woher auch? Er wusste nicht, was hierzulande möglich ist. Er war erst einmal froh, hier zu sein. Fertig. Zukunftspläne folgen – wie bei fast jedem Jugendlichen. Mittlerweile spricht Alamgeer davon, Dolmetscher zu werden. Immerhin kann er Urdu, Paschtu, Englisch und lernt Deutsch. Hin und wieder kommt auch der Gedanke an eine Karriere als Cricketspieler. Doch er habe schon gemerkt, dass das in Österreich wohl nichts werden wird.

Die Leichtigkeit, mit der Alamgeer seine Aufgaben meistert, bringt mich immer wieder zum Staunen

Je länger ich Alamgeer begleite, umso mehr stelle ich mir die Frage: Was erwartet eigentlich die österreichische Gesellschaft von Alamgeer? Dass er Deutsch lernt, sich integriert, Arbeit findet, Geld verdient? Oder erwarten wir sogar mehr? Dass er etwa seine Religion ablegt? Nicht mehr in die Moschee geht? Schweinefleisch isst? Bier trinkt? Wann sagen auch die, die ihn vielleicht nicht im Land haben wollen: Ja, passt. Der gehört zu uns. Das sind aber Fragen, über die sich der Journalist mehr den Kopf zerbricht als der Betroffene. Die Leichtigkeit, mit der Alamgeer seine neuen Aufgaben in Österreich meistert, bringt mich immer wieder zum Staunen. Zum Beispiel die Deutschkenntnisse: Mittlerweile versteht er fast alles, auch die Aussprache wird immer besser. Die Fortschritte sind unglaublich. Wenn ich mir denke, dass ich Paschtu oder Urdu lernen müsste, wird mir ganz anders

Die Herkunftsländer von Flüchtlingen klingen für viele abstrakt bedrohlich

Viel wird darüber geschrieben, was Österreich in den vergangenen Monaten für Flüchtlinge geleistet hat, zu Recht. Was Asylbewerber leisten, um hier Fuß zu fassen, fällt oft unter den Tisch. Auch wie Alamgeer die Entfernung zu seiner Heimat erträgt, fasziniert mich. Die Ungewissheit lässt er sich nicht anmerken. Dabei ist sein Asylverfahren noch offen. Die Herkunftsländer von Flüchtlingen klingen für viele abstrakt bedrohlich. Auch für mich. Syrien, Afghanistan, Irak. Das kennt man nur aus dem Fernsehen, wenn die Bomben fallen. Oft vergisst man, dass dort Menschen leben. Seit ich mit Alamgeer über seine Heimat gesprochen habe, verfolge ich die Nachrichten anders. Die Weltpolitik ist näher gekommen. Er hat mir schon öfter versucht, zu erklären, wie das ist: Krieg. Aber ich glaube, dass ich es immer noch nicht verstanden habe.

Über den Autor

Marian Smetana
aarbeitet im Chronik-Ressort der "Salzburger Nachrichten".

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