"Buben schwimmen die Felle davon"

In den Bubenworkshops des Vereins Poika stellt der Genderberater und Psychotherapeut Emanuel Danesch traditionelle Männeridentitäten in Frage.

In den Genderworkshops arbeiten Sie mit Buben, als Psychotherapeut sehr viel mit Männern. Was sind denn typische Männerprobleme?

Oft geht es um die Beziehung zum eigenen Körper und um Leistungsansprüche an sich selbst, die nicht erfüllt werden. Unter Männern ist ein sehr mechanistisches Denken verbreitet: Man muss immer funktionieren, überlegen sein, kontrolliert, kompromisslos und potent. Wenn diese Identität zerbröselt, etwa weil man den Job verliert, bricht plötzlich ein Großteil der Realität weg. Woher kommt diese Erwartungshaltung? Das fängt schon sehr früh an. Oft sogar schon vor der Geburt, wenn nach dem Geschlecht gefragt wird, damit man weiß, was man einkaufen soll. Von kleinen Mädchen wird eher erwartet, dass sie sich still beschäftigen und sozial sind. Buben hingegen dürfen eher schlimm sein und raufen. Manchmal wird das als Problem gesehen. Dabei geht es oft einfach um Körperkontakt. Mädchen dürfen kuscheln, sich gegenseitig frisieren und umarmen. Den Jungs fehlt das oft.

Wie kann man dagegen arbeiten?

Indem man Spiele vorschlägt, die auch den jeweils anderen Zugang fördern. Das heißt nicht, dass Buben nicht mit Autos oder Bausteinen spielen sollen. Aber sie sollen auch etwas spielen dürfen, wo das Interesse an Erziehung und Haushalt geweckt wird, wo Beziehungen zu Personen im Vordergrund stehen oder wo sie Ruhe und Entspannung erleben dürfen. Das fördert vielschichtige Identitäten.

Und darum geht’s in Ihren gendersensiblen Workshops für Buben?

Das ist dort ein Thema, genau wie in der Therapie von erwachsenen Männern. Es geht darum, dass Männer vielschichtige Identitätsausprägungen annehmen können und sich vom reinen Leistungsdenken, das ihnen anerzogen wird, wegbewegen können. In den Workshops arbeiten wir auch viel mit dem Körper, machen Atemübungen und Phantasiereisen. Ein Thema ist Selbstfürsorge, die bei Männern oft zu kurz kommt. Und es geht um Rollenbilder, etwa um die Frage, wer in der Familie für die Kinderbetreuung zuständig ist. Die meisten Buben möchten später Väter werden. Aber wenn es um die Frage geht, ob sie selbst in Karenz gehen, argumentieren viele sehr traditionell. Ich möchte den Jungs mitgeben, dass sie sich ihre Version von Männlichkeit aussuchen können.

Wie reagieren die Buben darauf?

Unterschiedlich. Die Jüngeren genießen den leistungsfreieren Zugang, die  Entspannung und die Rollenspiele oft sehr. Die Älteren sind häufig zuerst skeptisch und diskutieren durchaus kontrovers. Für viele ist es aber  entlastend, zu erleben, dass sie viel mehr dürfen, als sie glauben. Wir arbeiten auch mit Erwachsenen und erleben hier, dass viele am Anfang sehr voreingenommen sind. Nach einiger Zeit öffnet sich aber die Perspektive.

Tatsächlich sind Frauen in unserer Gesellschaft immer noch benachteiligt. Wieso muss man dann noch speziell die Buben fördern?

Alleine wenn man sich die Burnout-Raten anschaut, wird klar, dass es gut wäre, wenn Buben in einer sich verändernden Welt auch in anderen Bereichen tätig sein würden. Wenn Buben früh lernen, ihren Bedürfnissen nachzukommen und damit befähigt werden, ein facettenreicheres Leben zu führen, trägt das schlussendlich zur Gleichstellung bei. Davon profitieren auch Mädchen und Frauen.

Wer das Weltgeschehen in den letzten Monaten verfolgt hat, bekommt den Eindruck, dass junge Männer immer gewaltbereiter werden. Stimmt das?

Gewalt hat es immer gegeben. Aber momentan herrscht eine Atmosphäre, die das Ausleben von Aggression begünstigt. Das ist durch viele Faktoren beeinflusst, vor allem ökonomische. Und natürlich wird das auch durch überholte Rollenbilder begünstigt. Buben lernen sehr früh, Gefühle wie Angst, Traurigkeit oder Enttäuschung zu unterdrücken. Als Sekundargefühl kommt dann Wut heraus, die sich in Aggression äußert. Die  Gewaltbereitschaft von Buben und Männern kommt auch daher, dass ihnen die Felle davonschwimmen. Den Kuchen, der immer kleiner wird, müssen sie zunehmend mit Frauen teilen. Das betrifft Geld, aber auch Macht, Jobs, Ruhm und Anerkennung.

Ein Verteilungskampf?

Ja, und einer um Identitäten. Immer noch wird Buben von der Gesellschaft versprochen, dass sie als  Erwachsene Einfluss, gute Jobs und die Rolle als Familienoberhaupt haben werden. Gleichzeitig wird ihnen aber auch viel  weggenommen, das Frauen bleibt: Der Umgang mit Gefühlen, das soziale Umfeld, die Anerkennung, die nicht nur mit Leistung und Wettbewerb verbunden ist. Die traditionelle männliche Identität zerbricht an ihrer Einseitigkeit.

Das klingt tragisch.

Ich finde es wichtig, diese Entwicklung konstruktiv zu betrachten. Frauen haben sich durch den  Emanzipationsprozess die Möglichkeiten geschaffen, viel facettenreicher zu leben, als vor ein paar Jahrzehnten. Männer werden immer noch darauf gedrillt, Leistung zu erbringen und nie schwach zu sein. Wer sich aber damit auseinandersetzt und andere Seiten an sich zulässt, kann ein vielseitiges Leben führen. Es gibt für Männer also etwas zu gewinnen in dieser Situation. Und das möchte ich schon den Burschen vermitteln.
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