Das Magazin von SOS-Kinderdorf

"Der Jobmarkt wird ein Haifischbecken" 

Eine Generation in der Krise: Jugendlichen ist in der Corona-Pandemie enorm viel Ausbildungszeit verloren gegangen. Die politischen Rezepte, um gegenzusteuern, fehlen bisher. Ein Perspektivenjahr könnte jungen Menschen bei der Orientierung helfen.

Text:  Andrea Heigl und Martina Stemmer 

Kalbsschnitzel. Gulasch. Rindsrouladen. So versuchte Albin Mehmetukal, auch während des Lockdowns bei seiner Ausbildung am Ball zu bleiben – er kochte in seiner eigenen Wohnung Klassiker der Wiener Küche. Im August schließt Albin seine Lehre als Koch im Hotel Sacher ab. Die Pandemie und die dadurch bedingten Schließungen in der Gastronomie haben ihn und viele seiner jungen Berufskolleginnen und -kollegen kalt erwischt. „Natürlich ist es nicht dasselbe, ob ich daheim koche oder hier im Hotel. Aber ich wollte einfach etwas tun, und ich hab’ mir schon Sorgen gemacht, ob ich die Lehrabschlussprüfung schaffen werde, wenn ich so viel Ausbildungszeit verliere.“


Wichtig ist, diese jungen Menschen jetzt nicht abzustempeln. 

Sonja Schmöckel
Programm Ausbildung bis 18


Im Schnitt gerade einmal sechs Stunden pro Woche arbeitete jeder der elf Lehrlinge, um die wenigen Businessgäste zu versorgen, die während der diversen Lockdown-Phasen im Sacher nächtigten. Bis der Chef de Cuisine Dominik Stolzer die rettende Idee hatte: Gemeinsam mit seinen Lehrlingen entwickelte er die Takeaway-Box „Sachers junge Köche“ – mit großem Erfolg. Albin und seine Kolleginnen und Kollegen blieben zwar in Kurzarbeit, konnten aber auf 24 bis 30 Arbeitsstunden pro Woche aufstocken. „Und wir konnten endlich wieder
etwas lernen.“

"Endlich wieder lernen" - Das Hotel Sacher stellte im Lockdown kurzerhand auf Takeaway um. 

Jugendarbeitslosigkeit gestiegen

Albin hatte Glück im Unglück, das belegt schon ein Blick auf die Zahlen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Österreich im europäischen Vergleich zwar niedrig, schnellte aber insbesondere während der ersten Pandemie-Phase dramatisch in die Höhe: Gab es im Februar 2020 noch etwa 32.000 Arbeitslose im Alter zwischen 15 und 24 Jahren, so waren es im April 2020 mit etwa 61.000 fast doppelt so viele. Im Tourismus, im Handel, am Bau – überall brachen die Jobs weg. Die Zahl hat sich mittlerweile bei knapp über 30.000 (Stand: April 2021) eingependelt. Grund zur Entwarnung ist das keiner. Jene, die im Sommer 2020 die Pflichtschule abgeschlossen haben, beschäftigen das Arbeitsministerium bis jetzt, sagt Sonja Schmöckel, die das Programm „Ausbildung bis 18“ betreut. „Die Zahl der jungen Menschen, die wir pro Jahrgang bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützen, schrumpfte in dieser Phase insbesondere durch die fehlende Möglichkeit, sie an den Schulen zu erreichen, deutlich. Auch die geringere Zahl an Lehranfängerinnen und -anfängern macht uns Sorgen. Wir wissen zum Teil nicht, wo die Jugendlichen stattdessen sind, und können nur über ihren Verbleib spekulieren."

Große Bildungsdefizite

Inzwischen habe sich die Situation etwas entspannt und viele würden die diversen Beratungsangebote und Jugendcoachings wieder in Anspruch nehmen. Gleichzeitig ist die Zahl der jungen Menschen, die die 2017 in Österreich eingeführte Ausbildungspflicht bis 18 verletzen, um fast 20 Prozent gestiegen. Und der nächste Jahrgang steht schon vor der Tür: Jene, die mit Anfang Juli ihre Pflichtschulausbildung abschließen. Sie haben aufgrund diverser Lockdowns mit noch größeren Bildungsdefiziten zu kämpfen. „Wichtig ist, diese jungen Menschen jetzt nicht abzustempeln – sondern ihnen Zeit und Zuversicht zu geben“, sagt Schmöckel. Dafür plädiert auch SOS-Kinderdorf: Die Kinder- und Jugendhifsorganisation schlägt ein Perspektivenjahr für alle jungen Menschen vor. „Corona hat der Jugend mehr als ein Jahr gestohlen. In so einer Situation könnte es unglaublich entlastend sein, für einen gewissen Zeitraum finanzielle Unterstützung zu bekommen, die an keine Bedingungen geknüpft ist“, sagt Christian Moser, Geschäftsführer von SOS-Kinderdorf.


Alle jungen Menschen sollen sich ohne Druck orientieren können.

Christian Moser
Geschäftsführer SOS-Kinderdorf

 

Das Modell existiert bereits in ähnlicher Form in Dänemark und Irland. Der österreichische Vorschlag sieht einen Anspruch auf ein bezahltes Perspektivenjahr mit einem Einkommen zwischen 800 und 1.000 Euro monatlich für alle jungen Menschen zwischen 18 und 21 Jahren vor. „Das ist das Alter, in dem viele große Entscheidungen getroffen werden müssen – und in dem junge Menschen unsicher sind, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen“, so Moser. Wenn die Existenz in dieser wichtigen Phase gesichert sei, könnten sich Jugendliche auf das Wesentliche konzentrieren: „Darauf, den richtigen Weg für sich zu finden.“ Das Perspektivenjahr soll auch nach Corona den Übergang ins Erwachsenenleben erleichtern. „Wir sprechen uns für eine langfristige Einführung aus. Alle jungen Menschen zwischen 18 und 21 Jahren sollen in Österreich die Möglichkeit haben, sich ohne finanziellen Druck zu orientieren“, so Moser.

Die Welt nicht nur übers Internet kennenlernen sondern selbst erleben. Ein Perspektivenjahr würde jungen Menschen erlauben, wichtige Erfahrungen zu sammeln.

Auf die Stärken konzentrieren

Ali Mahlodji kann dieser Idee einiges abgewinnen: „Jedes Instrument, das Kindern und Jugendlichen zeigt, dass sie so, wie sie sind, gut sind, und bei dem sie sich auf ihre Stärken und nicht ihre Schwächen konzentrieren müssen, ist super! Vor allem wenn jemand versucht, auch die abzuholen, die nur schwer erreichbar sind“, sagt er. Mahlodji wurde vom Schulabbrecher zum erfolgreichen Unternehmensgründer und teilt seine Erfahrungen als Keynote Speaker mit vielen jungen Menschen in ganz Österreich. Er ist der Ansicht, dass in Österreich viel zu wenig getan wird, um jungen Menschen das Aufholen von versäumter Bildung zu ermöglichen: „Die Politik interessiert sich nicht für unsere Zukunft – also für Kinder und Jugendliche. Alles, was die interessiert, sind die Menschen, die arbeiten. Das war aber auch schon vor Corona so. 


Wir stehen kurz vor der nächsten Pandemie - einer Mental-Health-Pandemie.

Ali Mahlodji
Motivationskünstler

 

Jetzt ist eine Chance da: Es brennt. Hoffentlich checkt das auch die Politik bald.“ In seinen Gesprächen mit Jugendlichen nimmt Ali Mahlodji die psychische Belastung durch Corona massiv wahr: „Wir stehen hier kurz vor der nächsten Pandemie – einer Mental-Health-Pandemie.“

 

Die psychische Belastung von Jugendlichen ist während der Corona-Pandemie noch mal deutlich gestiegen.

Tatsächlichen schauen Jugendliche mit sehr gemischten Gefühlen in die Zukunft. Und sie erwarten von der Politik keine Hilfe. In einer Ö3-Umfrage mit etwa 30.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sagten fast 60 Prozent, die Interessen der Jungen würden von der Politik kaum beachtet. Auch für Simon Zettinig war das Jahr 2020 nicht leicht. Er ist „Corona- Maturant“, der erste Lockdown erwischte ihn mitten in der Maturavorbereitung. „Das ging alles so schnell – gerade gab es noch eine Handvoll Corona-Fälle in Österreich und plötzlich war die Schule zu.“ Alle mussten sich in die neue Situation einfinden, Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, auch deren Eltern. „Das war sehr anstrengend, ich habe in der Phase oft mit meiner Mutter gestritten“, berichtet Simon.


Ich habe mich den ganzen Winter nur mit denselben drei Leuten getroffen.

Simon Zettinig
Corona-Maturant

 

Die Matura schaffte er, die Schuldirektorin bestand sogar darauf, Maturafeier und Zeugnisvergabe nachzuholen. „Den Sommer haben wir im Rahmen der Möglichkeiten ausgekostet. Es war klar, dass im Herbst wieder alles zumachen wird.“ Und so kam es dann auch. Derzeit ist Simon Zivildiener, seine 45-Stunden- Arbeitswoche in einer Betreuungseinrichtung für ältere Menschen lässt ihm ohnehin wenig Zeit für Treffen mit Freundinnen und Freunden. „Ich habe mich den ganzen Winter nur mit denselben drei Leuten getroffen“, erzählt Simon. „Das ist nicht leicht und es stimmt schon, was viele sagen: Die Alten werden beschützt, die Jungen werden depressiv.“

Online schwer erreichbar

Ein Unterstützungsangebot nimmt er kaum wahr. „Natürlich kann man sich online über alles Mögliche informieren, aber das wird sehr wenig beworben.“ Für ein Studium hat sich Simon noch nicht entschieden. „Der Jugendlichen digital habhaft zu werden, ist gar nicht leicht“, räumt auch Sonja Schmöckel vom Arbeitsministerium ein. Entsprechend weit verbreitet sind Zukunftssorgen unter jungen Menschen. Das schlägt sich unter anderem in der Beratungstätigkeit von Rat auf Draht nieder: Von März 2020 bis Februar 2021 gab es – verglichen mit dem jeweiligen Vorjahreszeitraum – 60 Prozent mehr Beratungen zum Thema Arbeitslosigkeit und 159 Prozent mehr Beratungen zum Thema Überforderung in der Schule bzw. Homeschooling. Ein OECD-Bericht bescheinigt Österreich außerdem im internationalen Vergleich ganz besonders viele Schulschließtage, nämlich mehr als 80 an den Oberstufen und mehr als 50 in den Volksschulen – allein 2020. Länder wie Frankreich, Deutschland oder Belgien sind mit 40 Schließtagen oder weniger durch die Pandemie gekommen. Es sei davon auszugehen, betonte OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher bei der Präsentation des Berichts, „dass der Verlust an Schultagen mittelfristig große Auswirkungen auf Bildungskarrieren der Betroffenen haben kann“.


Zurück ins Hotel Sacher. Albin Mehmetukal träumt vom eigenen Restaurant, er wird aber nach seinem Lehrabschluss erst einmal im Sacher bleiben. Das hat Küchenchef Dominik Stolzer allen Lehrlingen angeboten, die heuer abschließen. Die meisten Sorgen macht er sich um jene Köchinnen und Köche, die die Pandemie ganz am Anfang ihrer Lehre erwischt hat: „Es wird schwierig, das aufzuholen.“ 

Schwierige Personalsuche

Und das ist bei Weitem nicht nur das Problem der jungen Menschen selbst, sagt der Küchenchef. „Es war schon vor Corona extrem schwer, gutes Fachpersonal für die Gastronomie zu finden. Ich wünsche mir, dass viel mehr auf die Jugend geschaut wird! Denn wenn wir sie jetzt nicht aufbauen, stehen wir in zehn oder 15 Jahren ganz schlecht da. Der Jobmarkt wird ein Haifischbecken – nicht nur für die jungen Leute, sondern auch für die Arbeitgeber.“ Das Hotel Sacher hat das Heft selbst in die Hand genommen: Der Reinerlös aus den während der Pandemie verkauften Takeaway-Menüs kommt der überbetrieblichen Lehrlingsausbildung zu Gute.

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