Das Magazin von SOS-Kinderdorf

Macht euch locker!

Das Streben nach Perfektion, gut gemeinte Tipps von allen Seiten und der ganz normale Alltagswahnsinn: Familien wünschen sich Leichtigkeit, geraten aber unter Druck. SALTO hat Expertinnen und Experten gefragt, wie ein harmonisches Familienleben gelingen kann.

Foto: Lukas Lorenz

Die Autorinnen:

Martina Stemmer
ist SALTO-Chefredakteurin und
Pressesprecherin bei SOS-Kinderdorf
Andrea Heigl
ist Journalistin und Chefin vom Dienst
bei SALTO

Leichter durch den Alltag

Oft sind es nicht die großen Sorgen, die das Familienleben belasten. Es sind die vermeintlichen Kleinigkeiten, die Tag für Tag an den Nerven aller zehren.

Wenn Mama und Papa in der Früh dringend in die Arbeit müssen und das Kind noch immer im Pyjama durch die Wohnung läuft. Wenn das Lieblingsstofftier unauffindbar ist und die geplante Übernachtung beim Schulfreund deshalb ausfällt. Wenn am Sonntag der große Familienausflug stattfinden soll, aber eigentlich alle nur ihre Ruhe haben wollen.

Familienleben macht Freude, kann aber auch ganz schön anstrengend sein. Viele Familien – ganz egal ob Mama und Papa, Patchwork oder alleinerziehend – stehen unter enormem Druck. Das sieht auch Katharina Weiner in ihrer täglichen Arbeit. Die Familienberaterin leitet den österreichischen Ableger von "familylab", dem Beratungsnetzwerk des bekannten dänischen Familientherapeuten Jesper Juul. Woher der Druck rührt? "Ich denke, dass viele Eltern gerne perfekt sein möchten", sagt Weiner. "Das ist dann auch noch verbunden mit einem Leistungsstreben: Ich war nicht an der Uni, aber mein Kind soll studieren. Ich bin unglücklich im Job, bei meinem Kind soll das einmal anders werden. Lebensglück wird oft mit Leistung gleichgesetzt."

Foto: Lukas Lorenz

Die Erwartungshaltung an Familien generell, aber vor allem von Eltern an ihre Kinder sei sehr hoch, sagt Weiner.

 


Wenn wir funktionieren, dann erwarten wir das auch von unseren Kindern. Alles, was da mitschwingt, überträgt sich unabsichtlich auch auf die Kinder.

Katharina Weiner

 

Mit einem Kind funktioniert das "normale Leben" erst einmal nicht mehr – jedenfalls nicht mehr so, wie man es gewohnt war. Jeder Tag bringt etwas Neues, alte Muster verlieren an Bedeutung, das ganze Beziehungsgefüge gerät in Bewegung und damit aus der Balance. Das macht unsicher – und erzeugt Druck.

Wie kommt man aus diesem Strudel heraus? Oft reicht die Erkenntnis, dass man nicht allein ist, sagen Expertinnen und Experten. Dass es völlig normal ist, dass man als Elternteil manchmal erschöpft und frustriert ist und sich fragt: Was mache ich bloß falsch?

SALTO hat sich umgehört. Hat Eltern gefragt, welche Erziehungsthemen sie am meisten beschäftigen, und Expertinnen und Experten um ihre Einschätzungen dazu gebeten. Als kleine Hilfestellung und Lockerungsübung für alle, die mit Kindern leben.

Mehr Leichtigkeit im Alltag -
wie geht das?

Katharina Weiner

Lebensglück wird oft mit Leistung gleichgesetzt.

Katharina Weiner

Andreas Keckeis

Voraussetzung für Vertrauen ist ein offenes Gesprächsklima.

Andreas Keckeis

Magdalena Wolf

In SOS-Kinderdorf-Familien gibt es Beton- und Gummiregeln.

Magdalena Wolf

Die Tipps der Expertinnen und Experten

Wichtig für die Eltern ist, die Beherrschung nicht zu verlieren und ihre elterliche Macht nicht auszunutzen.

 

 

In Konfliktsituationen sollten Sie Folgendes vermeiden:

  • Reagieren Sie niemals mit Liebesentzug: "Das gemeinsame Eisessen am Wochenende wird gestrichen, du hast mich so enttäuscht, da hab‘ ich keine Lust mehr darauf!"
     
  • Arbeiten Sie nicht mit schlechtem Gewissen: "Das wird XY sehr traurig machen, wenn ich das erzähle!"
     
  • Verspotten Sie das Kind nicht und stellen Sie es auch nicht bloß.

 

Sinnvolle Streitstrategien sind:

  • Machen Sie klar, welche Grenzen überschritten wurden und dass dies nicht geduldet wird. Sie können ruhig zeigen und sagen, dass Sie wütend sind, laute Worte sind schon mal erlaubt.
     
  • Setzen Sie Konsequenzen nachvollziehbar und klar, zum Beispiel: zerstört das Kind die Hörspiel-CD, gibt es am Abend nichts zum Anhören.
     
  • Wichtig ist auch, dem Kind die Möglichkeit einer Wiedergutmachung zu geben und diese dann auch anzunehmen. Der Konflikt soll dadurch abgeschlossen und vergeben sein.

 

Eine gesunde Streitkultur zwischen Kindern und Erwachsenen bildet die Persönlichkeit. Tränen, Geschrei oder Wutausbrüche auszuhalten, macht stark. Es ist in Ordnung, wenn Kinder motzen, die Konsequenz müssen sie jedoch aushalten. Auch Eltern dürfen wütend sein – aber nicht zu lange!

Ein liebevoller Umgang mit Respekt, Wertschätzung und vollem Vertrauen ist wesentlich für einen guten Anfang. Denn dadurch erleben Kinder, dass ihre Gefühle und Bedürfnisse ernstgenommen werden, auch wenn sie gerade im Widerspruch zu den Bedürfnissen der Eltern stehen. Das heißt nicht, dass gemacht werden muss, was die Kinder wollen. Ich nenne das "Widerstand würdigen".

Voraussetzung für die Vertrauensentwicklung ist ein offenes Gesprächsklima. Um das zu schaffen, hilft die Einführung einer regelmäßigen "Familienkonferenz", wo sich die Familienmitglieder austauschen können. Auch gemeinsame Entscheidungen werden diskutiert. Dennoch werden Grenzen liebevoll und in Respekt gesetzt. Wachsen Kinder mit diesen Erfahrungen auf, braucht es wenig bis gar keine Kontrolle.

Wenn ich mit meinem Kind z.B. eine bestimmte Zeit der Mediennutzung pro Woche vereinbart habe, dann stärke ich mein Kind, indem ich ihm sage, dass ich ihm vertraue. Zur Unterstützung werde ich am Anfang gemeinsam mit ihm seine seine Medienzeiten beobachten und, sollte es ihm schwerfallen, sich daran zu halten, mit ihm darüber sprechen.

Foto: Lukas Lorenz

Doch ist Ordnung nicht sehr subjektiv? Dieses Thema führt auch in unseren SOS-Kinderdorf-Familien und -Wohngemeinschaften immer wieder zu Diskussionen. Im Team werden gewisse Standards definiert, die alle einzuhalten haben.

Um die Selbständigkeit der Kinder zu fördern, werden sie auch in die regelmäßige Hausarbeit miteinbezogen und haben ihrem Alter entsprechende Aufgaben zu erledigen, oft auch mit Unterstützung von Erwachsenen. Für die Ordnung in ihren Zimmern sind sie selbst verantwortlich, aber auch hier wird, wenn nötig, Unterstützung angeboten. Bei den Kleinen hilft es oft schon, wenn Boxen mit Bildern beklebt werden, damit sie wissen, wo etwas hineingehört. Oder man gibt ihnen ganz klare Anweisungen, was zu tun ist ("Zuerst wird das Puzzle weggeräumt, dann werden die Legobausteine in die Kiste geräumt, ..."). Hier hilft es auch, ihnen von Anfang verständlich zu machen, dass das nächste Spiel erst losgeht, wenn das andere weggeräumt ist. Genauso wichtig im Zusammenleben mit Kindern ist es, eine gewisse Unordnung einfach auszuhalten, z.B. wenn die Kinder selbständig essen lernen, im Spielen vertieft sind oder beim Kochen und Backen helfen.

 

Aber auch Traditionen bedürfen einer Veränderung, angepasst an die Personen und die Situation der Familie. Familientraditionen haben ihre Berechtigung, wenn ihr Sinn noch verstanden wird und nachvollzogen werden kann. Werden Traditionen begründet mit „Wir machen das, weil man das so macht“, dann sollten diese hinterfragt und dürfen auch gebrochen werden.

Als unsere Kinder klein waren, wurde es eine klare Tradition: Wir bleiben alle beim Tisch sitzen, bis der Letzte aufgegessen hat. Das brachte sehr viel Ruhe und Entspannung in die Mahlzeiten. Ich empfehle auch ein Einschlafritual, das vereinfacht das Zubettbringen der Kinder.

 

Foto: Lukas Lorenz

Wie ist mein Kind, wie entspannt es sich, welchen Rhythmus hat es, wie schnell ist die Entwicklung? Was macht es gerne mit uns? Wo braucht es – dem Alter entsprechend – genügend Freiraum? Wichtig ist auch, sich zu fragen: Was macht mir selbst Freude und was meinem Partner bzw. meiner Partnerin? Denn prinzipiell gilt: Wenn es uns Bezugspersonen gut geht, geht es auch den Kindern gut.

Es hilft, wenn man gemeinsam überlegt: Wo sind wir Erwachsene uns ähnlich, wo sind unsere Bedürfnisse unterschiedlich? Es ist auch okay, wenn etwas beim Papa so ist und bei der Mama anders. Die Kinder müssen wissen, dass sie es mit echten Menschen zu tun haben. Es schadet auch nicht, sich hin und wieder zu fragen: Muss ich von meinem Partner bzw. meiner Partnerin verlangen, angespannt zu Hause zu sitzen? Oder genießt er/sie später ganz entspannt das Familienleben, wenn vorher Raum für ein Treffen mit Freundinnen und Freunden war – oder er/sie auf einen Berg geradelt ist?

Familie-Sein kann man nicht erzwingen! Aber jede Familie kann für sich Aktivitäten finden, die alle mögen und die zur gemeinsamen Quality-Time werden. Dafür gibt es keine Schablone. Sich regelmäßig beim Abendessen zu unterhalten kann genauso wertvolle Gemeinsam-Zeit sein wie eine Wanderung oder ein Kino-Besuch.

Durch Freiheiten, die man einem Kind gewährt, macht es wesentliche Lernerfahrungen und Entwicklungen. Immer wenn die Kompetenz des Kindes jedoch überschritten wird, ist elterliche Entscheidung gefragt, dann darf behütend eingegriffen werden.

So dürfen etwa 7- oder 8-jährige Kinder nicht selbst entscheiden, welche Videos sie anschauen oder wann sie schlafen gehen. Da sind die Eltern gefragt. Das Kind lernt dadurch, dass es in einer sicheren Umgebung aufwächst, dass es sich auf seine Eltern verlassen kann, erlebt Struktur und Regeln und fühlt sich dadurch geborgen.

Genauso wichtig ist Mitsprache: Je nach Situation und Alter dürfen Kinder mitentscheiden – das umfasst alle Themen, die die Kinder betreffen. Wichtig ist es, je nach Alter und Entwicklungsstand den Rahmen dafür zu geben, innerhalb dessen verhandelt werden kann.

Foto: Lukas Lorenz

Generell gilt: Kinder sollen so viele eigene Erfahrungen wie möglich sammeln können, denn daraus lernen sie am besten. Für die Entwicklung ist es wichtig zu erkennen, dass manche Dinge recht schnell und einfach gelingen, es für manches aber auch mehr Anstrengung und vielleicht auch mehrere Anläufe braucht.

Gefahren einzuschätzen und zu erkennen ist auch Teil des Entwicklungsprozesses eines Kindes. Aufgabe der Eltern sollte es hier sein, Unterstützung anzubieten, wenn die Frustration bzw. die Gefahr zu groß wird, und Anregungen zu geben, wie es denn gelingen könnte. Kinder müssen beim Aufwachsen lernen, Gefahren selber einzuschätzen. Zu diesem Lernen gehören manchmal auch kleine Verletzungen und Schrammen dazu.

Manche Regeln sind für alle Kinder gesetzt und da gibt es keinen Diskussionsspielraum, manche können wiederum individuell ausgedehnt aber auch enger gemacht werden.

Auch hier gilt es, den Kindern die Veränderung zu erklären und verständlich zu machen. Regeln und Grenzen sind wichtig für Kinder, um Orientierung im Alltag zu haben. Sie vermitteln Sicherheit, im Sinne von: Wenn ich dies oder das tue, dann passiert jenes.

Wenn Kinder überall mitentscheiden dürfen, kann dies oft zu Überforderung führen. Viele Entscheidungen treffen einfach die Erwachsenen und es ist auch ihre Aufgabe. Trotzdem ist es natürlich wichtig, Kinder im Alltag mitbestimmen zu lassen und vor allem zu erklären, warum diese und jene Regel notwendig ist.

Kinder müssen lernen, für ihre Handlungen Verantwortung zu tragen und mit den Konsequenzen umzugehen. Zerstört das Kind zum Beispiel ein Spielzeug, dann ist die logische Folge, dass es kaputt ist und es nicht mehr damit spielen kann.

Werden die Dinge gleich wieder ersetzt, merkt sich das Kind das Gegenteil. Kinder müssen lernen, mit Frust und Widerstand umzugehen, genauso wie mit Wut, Trauer und Enttäuschung. Je früher Kinder den Umgang sowohl mit Gefühlen als auch mit Regeln lernen, desto leichter haben sie es, sich in die Gesellschaft einzufinden. 

Familientipps

Expertinnen und Experten von SOS-Kinderdorf geben regelmäßig Tipps für den Alltag mit Kindern

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