Das Magazin von SOS-Kinderdorf
Graffiti "Fuck off"
Musik

Sexistisch ist nicht sexy

In der Popmusik wurde immer geschimpft. Doch wo einst angedeutet wurde, schrammen manche heute nur noch knapp am Strafrecht vorbei.

Das Wort "Fuck" 105 Mal in knapp vier Minuten, das war Weltrekord. Die US-Band Insane Clown Posse darf den seit 1999 für sich verbuchen. In ihrem Song „Fuck the World“ kam fast alles und jedes zum Handkuss: Die Beastie Boys, der Dalai Lama ... – doch diese nachgerade operettenhafte Übertreibung verharmloste den Rap-Song gleichzeitig. Man wusste: Das ist nicht ernst gemeint.

Doch gerade im deutschen Hip- Hop gibt es Tendenzen und Texte, an denen keine Ironie mehr haftet. Als müsste er durch tabulose Übertreibung die US-amerikanischen Vorbilder übertreffen, wird oft deutlich übers Ziel geschossen. Rassistische, sexistische und frauenverachtende Texte werden unter dem Deckmantel der Kunst verbreitet. Wo bleibt der Witz, wenn Kollegah und Farid Bang von "Broke-Ass-Bitches" rappen? Ihre Songs werden millionenfach gestreamt, die meisten Hörerinnen und Hörer dieser umstrittenen, selbst ernannten Gangsta-Rapper sind zwischen 14 und 20 Jahre alt.

Die Sprache der Popmusik war nie nur schön. Sie entstammt einer Straßen- und Arme-Leute-Kultur. Wie einem der Schnabel gewachsen war, so teilte man sich mit: Ohne Floskeln, ohne beschönigende Metaphern. Dennoch gab es schon im Blues die Tendenz, Eindeutigkeiten blumig zu umschreiben. Wenn Muddy Waters der Hafer stach, hieß es „Got my mojo working“ – dass „Mojo“ eine Umschreibung für seine Libido war, machte den Reiz dieser Anspielung aus.

In der Popmusik wurde immer geschimpft, anzüglich war sie von Anbeginn. Mit ihrer Verbreitung über das Radio und später das Fernsehen, unterzog man die Umgangssprache aber einer verschärften Kontrolle. Galt es doch, die Hörer an die Empfangsgeräte zu binden. Da konnte man vor dem Gottesdienst keine schimpfenden Rohrspatzen senden.

Dabei ist Schimpfen gesund. Es entlastet, weil es spontan Druck von unserer Psyche nimmt. Und es ist sogar ein Zeichen von Kreativität. Schließlich fluchen wir selten grundlos, sondern angesichts eines empfundenen Unrechts. Der jeweiligen Situation entsprechend können daraus Wortkreationen erblühen, die, wenn sie schon nicht höflich sind, dennoch aus Kreativität entstanden sind.
 

Punk als Vorbild

Radikale Zäsuren in der Musik gingen meist mit einer verschärften Wortwahl Hand in Hand. Punk zelebrierte eine als anstößig geltende Umgangssprache, der fast zeitgleich auftauchende Hip- Hop ebenfalls. Hip-Hop ist bis heute ein Sonderfall. Mit dem Sprechgesang fiel die Auflage weg, irgendwie singen können zu müssen. Rap funktioniert anders: Der Text passt sich keiner Melodie an, er ist die Melodie. Das eröffnete neue Möglichkeiten.

In den 1970ern und 1980ern erblühte das Gangwesen in den US-amerikanischen Ghettos. Es schuf Feindschaften und Rivalitäten, die sich in der Kunst des Hip-Hop fortsetzte. Es tat sich ein neues, unblutiges Schlachtfeld auf, die Rap-Battles: Sprechgesang-Schlachten. Dabei treten zwei Großmäuler gegeneinander an, um, mit einer Mischung aus Witz, Derbheit und Originalität, den anderen zu übertrumpfen und die Publikumsgunst auf sich zu vereinen. Als Hip- Hop in den 1980ern zur Massenkultur wuchs, spitzten sich derlei verbale Schlachten zu. Je wilder geschimpft, und denunziert (gedisst) wurde, desto größere Aufmerksamkeit erhielt man.

Sexistisches Gebell und gewaltbereites Imponiergehabe dominierten bald den Gangsta-Rap. Frauen waren lediglich arschwackelnder Aufputz, waren willig – oder wurden willig gemacht.
 

Obacht! Derbe Sprache!

Diese verbale Brutalität entrüstete vor allem die weiße Mittel- und Oberschicht. Die Ehefrau des ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore, Tipper Gore, schaffte es, dass Hip-Hop-Veröffentlichungen mit Schimpfworten mit einem Sticker gekennzeichnete werden mussten. „Parental Advisory: Explicit Lyrics“ klebte plötzlich auf vielen Alben. Das hieß so viel wie: „Obacht Eltern! Derbe Sprache.“ Doch das vermeintliche Warnsignal war der Fangemeinde schnell ein Gütesiegel.

Dabei gelten sogar für Rap-Battles Regeln: Nach einer Schlacht gibt man sich die Hand und respektiert Sieg oder Niederlage des anderen. Doch die Battles sind aus der Balance geraten. Vor allem im deutschen Gangsta-Rap scheint es keine Untergrenzen zu geben; da wuchern rassistische, sexistische, antisemitische Drohungen. Was tun?

Am besten trennt man Text und Musik für sich, um festzustellen, ob das noch geht. Wird ein Text mit Androhungen von sexueller Gewalt, Erniedrigungen bis hin zur physischen Zerstörung erträglicher, nur weil er mit Musik dargereicht wird? Möchte man, dass so über einen selbst gesprochen wird? Möchte man in einer Welt leben, in der es nur Täter und Opfer gibt?

Die Produzenten nennen es Kunst. Sie sprechen von Übertreibung, alles sei halb so wild. Doch viele Jugendliche nehmen ihre Aussagen für bare Münze. Sie glauben, dass diese brutal-verbalen Fantasien alltagstauglich wären. Sind sie aber nicht. Sie sind respektlos und menschenverachtend. Sexuelle Gewalt bleibt sexuelle Gewalt – selbst wenn darüber vermeintlich originell gerappt wird. Sex aber gehört zur Liebe. Und die gedeiht nur unter gegenseitiger Achtung und Wertschätzung.

 

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